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wie Ursula mit dem Blinden rang, um ihn von der Zerstörung und der Durchsuchung dieser Gegenstände abzuhalten.

Murray erfasste ein Grauen. Er erkannte einige dieser Büchsen und Gläser. Sie stammten aus seiner früheren Kupferstecherwerkstatt her und entielten ätzende Gifte.

Rührt nichts an! schrie Zeck. Es ist Gift! Die Hexe will den Schein nicht geben! Sie will sagen, der Paul lebt noch!

Dabei wühlte die schmutzige Hand in dem Schrank und trat Alles, was ihr vorkam, mit Füssen.

Zurück! donnerte Louis jetzt und schleuderte den zum Tier entfesselten, habsüchtigen Blinden mit jugendlicher Kraft bei Seite. Zurück! Nicht einen Fetzen hier angerührt, nichts hier zerstört!

Ich fasste aber ein Buch! sagte Zeck fast zur Erde taumelnd. In dem buch liegt der Schein. Es ist ein Doktorbuch. Ich habe den Schein ja nie selbst gesehen, aber vor zwei und zwanzig Jahren hat sie ihn mir vorgelesen ...

Was ist das für ein Buch? sagte Louis, sich mit Ruhe und Fassung zu Ursula wendend und Eins nach dem Andern vornehmend.

Als die Alte das Buch sah ... es war ein Gesangbuch mit goldnem Schnitt ... fing sie plötzlich an zu zittern ...

Was habt Ihr? fragte Louis.

Ursula stöhnte, ja schluchzte fast ...

Alle starrten vor Befremden ... Die Alte nahm das Halstuch ab und trocknete sich damit die Augen ... Das Gesangbuch hüllte sie dann in das Tuch ...

Murray hielt sich immer still und stützte den Kopf auf ...

Warum weint Ihr, Ursula? fragte Louis entsetzt.

Statt der Antwort machte die Alte Töne, als ahmte sie Kirchenglocken nach.

Zeck schwieg erschrocken und wandte sich ab ...

Das ist ein Gesangbuch, mit dem man Sonntags in der Frühe in die Kirche geht, sagte Louis.

Die Alte nickte und fuhr rasch fort:

Es ist gleich neunder Pfarrer wartet schonha hada, den Strauss hatte sie in der Hand

Louis griff nach einem verwitterten, ganz vermoderten alten Blumenstrauss, den Ursula in der Hand hielt ...

Ha! schrie Ursula auf. Da! Da! Da liegt sie! Unten! Ha, ha, ha!

Wer? fragte Louis wiederholt.

Statt zu antworten, trat Ursula scheu an Louis heran und flüsterte, indem sie hinterwärts, etwa nach der Richtung der Sägemühle hinzeigte:

Da! Da!

Wovon sprecht Ihr denn, Frau? Besinnt Euch?

Sie sang wieder Glockentöne und setzte sich dabei, weil ihr schwach wurde ... Zeck schwieg erstarrt.

Louis behielt das Gesangbuch und den Blumenstrauss zurück, sah aber, dass ihm Murray einen Wink gab, den Bruder zu beobachten. Dieser hatte seit dem Gesangbuch, dem Glockenton, der Erinnerung an einen Sturz vom Felsen alle Besinnung verloren. Er stand wie ein taumelnder, bewusstloser Stier, den die Axt des Fleischers vor die Stirn getroffen hat und der noch nicht völlig ohne Leben ist. Nur krampfhaft streckte er die Hand hinaus, als wollte er diese hier unvermutet getroffenen Gegenstände, die Louis betrachtet hatte, fassen. So blieb die Hand ihm wie hängen.

Murray wagte den Gedanken, dass hier eine Schuld, eine Mitschuld an irgend einer Untat vorläge, nicht auszusprechen. Wusste er doch nicht, worauf sich diese Andeutungen, diese Reliquien bezogen! Aber Erstaunen musste es ihm verursachen, dass der Schmied ruhig geschehen liess, wie Louis im Schranke weiter suchte und forschte.

Ich finde nichts, sagte Louis. Da ein Kamm von Schildpatt mit weissem Elfenbein verziert

Bruder und Schwester erwiderten nichts.

Ein schöner Kamm! sagte Louis. Trugt Ihr den früher, liebe Frau?

Ursula schüttelte sich und meinte jetzt:

Er brennt ja.

Der Kamm brennt? Wie kann der Kamm brennen? fragte Louis.

Murray horchte hoch auf.

Fragt Den da, sagte Ursula und zeigte auf den Blinden, der in der Tat den Kamm so von sich weghielt, als stünde er in Flammen. Sein Atem keuchte. Er kam jetzt in Bewegung und suchte das Fenster.

Ursula kam dem zum Tod erschrocknen, über diesen Inhalt des Schrankes entsetzten Blinden zuvor, riss das Fenster auf und rief:

Ihr erstickt, Leute! Macht fort! Fort! Der Kamm brennt! Die stube brennt! Die Gardine! Linchen brennt! Jakob! Jakob!

Weiter konnte Ursula nicht. Jakob Zeck, der wütende Blinde, warf sich auf sie, wie man auf einen brennenden Gegenstand das erste Beste wirft, um die Flamme zu ersticken. Er warf die Alte zu Boden, trat sie. Murray hielt sich nicht länger. Er sprang auf, fasste den Blinden rückwärts und schleuderte ihn mit einer Kraft zurück, über die Louis erstaunen musste.

Louis steckte den Kamm zu sich, dann schloss er das Fenster, ohne darauf zu achten, dass es ihm war, als hörte er in der Ferne Pferdegetrappel. Er erstaunte über Murray, der im Begriff schien, sein Incognito aufzugeben und mit dem Terzerol in der Hand dastand. Der Anblick dieser Papiere, die vielleicht über seinen Sohn Auskunft geben konnten, ergriff Murray so gewaltig, dass er den auf dem Boden wühlenden Bruder fast mit Füssen stiess und sich der Papiere, die er zusammenraffen konnte, schnell bemächtigte. Zeck, der im Ringen mit ihm bemerkte, dass es nicht Louis war, der ihn niedergeworfen, erhob sich und hielt seinen Hammer empor.

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