1850_Gutzkow_030_651.txt

ging's früher! Juchhei! Flotte Wirtschaft! Die und dreitausend Taler! An Die hat sie's hinausgeworfen, die ihr sagten, dass sie hübsch war. Zehn haben sie heiraten wollen und Jeder zog sie nur aus, bis sie nichts hatte und ihren armen blinden Bruder hätte sie verhungern sehen können ...

Wollt Ihr trinken, Jungen? fragte Ursula wieder mit schelmischer Lüsternheit.

Louis schüttelte den Kopf. Er empfand ein Grauen vor dem Gedanken, von einer solchen Frau sich etwas zum Genusse vorsetzen zu lassen.

Danke! sagte er kräftig und setzte mit Entschlossenheit den Hebel an die Erinnerung der Alten, indem er fortfuhr:

Marzahn war so durstig und doch wollt' er nicht ein Ende machen und heiraten. Warum, Frau Ursula, wollt' er denn nicht heiraten?

Aber die Antwort auf diese Frage blieb aus. Die Ideenverwirrung der Alten war so eigentümlich, dass sie kichernd zu Louis sagte:

Bist schmuck! Hast doch auch schon ein Mädchen?

Der Blinde lachte laut auf und machte den plumpen Scherz:

Hei! So war's recht! Ja! Es ist ein Freier für Dich, Ursula! Der Dreizehnte, wenn Du willst! Herr, sie wäre im stand, noch mit Euch Hochzeit zu machen. Fasst ihr einmal an's Kinn! Ich wette, sie hat mehr Haare am Kinn als Ihr unter der Nase!

Ich kann mir denken, fuhr Louis den Scherz nicht beachtend fort, ich kann mir denken, dass Eure Freier, Frau Ursula, gefragt haben: Wem gehört denn der kleine hübsche Junge da? Ist das Euer eigner lieber kleiner Taugenichts?

Das ist's! sagte Zeck.

Sie hörten dann, fuhr Louis fort, das ist meines Bruders Kind. Was wollt Ihr? sagtet Ihr. Es gehört dem Bruder ...

Sie glaubten's aber nicht, fiel Zeck ein.

Ursula hörte nur zu, wie wenn etwas ihr Wildfremdes besprochen wurde.

Und zu sagen, von wem das Kind käme, wer die Mutter wäre, Das war durch einen Schwur verboten?

Und durch das Geld, das sie durchgebracht hat! setzte Zeck grimmig hinzu.

Da war's dann Euer Sohn

Doktor Lehmann's Sohn! lachte Zeck.

Murray schauderte, weil ihm von Wort zu Wort das verhältnis ganz klar wurde.

Und Marzahn war der schlimmste Eurer Freier? fuhr Louis mit einer für Murray bewunderungswürdigen Kunst der Inquisition fort. Der wollte nichts wissen von Doktor Lehmann's Sohn!

O Das wäre der Teufel, sagte Zeck. Der verspielte ihr Geld und nannte sie dann, wie man Weiber nicht nennen soll, wenn sie's auch sind

Wegen dieses Kindes?

Nein Herr, da war's ja schon tot, als Marzahn an die Reihe kam. – Es war ein andrerder Vierte, der Fünfte ...

Wie alt wurde er denn, der kleine Wurm?

Ich denke, ein andertalb Jahrenicht wahr, Urschel? Du nahmst es ja in die Stadt, als ich krank lag. Mir war schlecht damals, Herr. Als ich wieder Besinnung fasste, war Paul gestorben. Urschel, Du hast ja den Todtenschein von Paul. Gib ihn mal her! Die Herren brauchen ihn. Paul soll erben. Wieviel denn, Herr?

Wohl an zehntausend Taler! sagte Louis frischweg, um aus den halben Tatsachen herauszukommen.

Zeck starrte. Seine Augen rissen sich gross auf.

Hört sie wohl ein Wort von Allem, was wir sprechen? rief er zornig. Gib den Todtenschein vom Paul! Paul Zeck! Hörst Du nicht?

Ursula band sich ihr Tuch vor'm Spiegel fester und nahm dabei eine Nadel in den Mund.

Den Todtenschein vom kleinen Baron! wiederholte Zeck, ihr in's Ohr schreiend.

Ursula steckte ruhig die Nadel in das Kopftuch.

Warum lacht Ihr, Frau Marzahn? Ist der kleine Baron wirklich tot? fragte Louis.

Murray sah gespannt ...

Die Schwester zeigte auf die dunkle Wiese unter dem kahlen Ebereschenbaum.

Murray musste aufstehen, weil er in der Nähe des Fensters sass und sich gern zurückgezogen hielt.

Wo ist der kleine Baron? wiederholte Louis.

Ursula tat, als suchte sie den kleinen Baron auf der Wiese und lachte dabei.

Sie ist verrückt! sagte Zeck. Im Sommer sagte sie einmal zu mir: Jakob, sagte sie, ich habe den Baron gesehen; sie meinte unsern Bruder, und zeigte auf einen Baum, der da auf der Wiese stehen muss. Da hätte sie ihn im Mondschein gesehen.

Louis und Murray fühlten, dass hier schwer, ja unmöglich eine vernünftige Auskunft zu finden war. Sie konnten daher nichts dagegen haben, dass der Blinde den Hammer nahm und an einen kleinen Schrank, der neben einer alten Uhr an der Wand hing, mit furchtbarer Gewalt einen Schlag verführte.

Ursula sprang jetzt hinzu und schrie.

Geld hat sie nicht! sagte Zeck wütend und auf den Schrank schlagend; das gibt sie alles an die Männer. Dem Heunisch, dem Faullenzer, stopft sie's ein, seit Jahren, dass sie wie toll in seinen roten Bart verliebt ist. Aber Papiere sind da. Den Todtenschein vom Paul muss sie haben!

Ursula schrie und rang mit dem Bruder; doch schon war der kleine Schrank aufgesprungen und Papiere, Bücher, Flaschen, Büchsen fielen wirr durch einander herunter.

Es war ein trauriger Anblick, zu sehen,