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ihr mir sagen müsst, warum er sich Baron Grimm nannte?

Herr Ackermann wird's wissenmeinte Zeck und ging nur zögernd vorwärts.

Herr Ackermann? sagte Louis. Ich habe von ganz andrer Seite her den Auftrag, mich nach dem Sohne Eures Bruders zu erkundigen, der sich eine Zeitlang Baron Grimm nannte; aber ich weiss nicht, wie er diesen Namen führen konnte

Ihr wisst nichtsagte der Blinde zweifelnd.

Ich weiss nur, dass er tot ist und seinem Sohn eine Erbschaft hinterliess ... wie alt wurde das Kind?

Zeck war durch den Dritten eingeschüchtert. Er antwortete nur vor sich herbrummend und meinte zuletzt:

Wir müssen am Forstause seinLasst's Euch von der Ursula selbst sagen, aber die Erbschaft kommt doch wohlist sie gross?

Sie standen an der Wiese, die durch den Nachtfrost ihre Frische verloren hatte und in das welke, fahle Wintergrau überging.

Wir kommen zum Kaffee, sagte Louis scherzend, um Zeck wieder mehr Mut zu machen, der Schornstein raucht. Wenn sie nur den Satz nicht verschüttet, dass wir noch unser Schicksal hören können.

Der Blinde antwortete nicht. Er war so mistrauisch geworden, dass er sich immer nach Murray umwandte und wohl gar zu glauben schien, er befände sich auf einem falschen Wege, man hätte ihn irre geführt.

Warum wollte Marzahn Eure Schwester nicht heiraten? fragte Louis dringend.

Murray'n brannte es auf der Zunge zu sagen:

Hielt der Soldat vielleicht das Kind für das Kind Ursula's?

Er musste sich gewaltsam zurückhalten, diese Vermutung auszusprechen. Louis verstand seine Aufregung und wiederholte seine Frage. Allein Zeck antwortete nicht mehr, sondern verwies auf seine Schwester, indem er Louis nochmals darauf aufmerksam machte, dass er auf eine gesetzte, vernünftige Unterhaltung bei ihr nicht rechnen dürfe, sondern sehen müsse, wie er Alles, was er zu wissen wünsche, von ihr herausbekäme.

Vielleicht hat sie ihre gute Laune, sagte er, und wenn sie Kaffee kocht, ist sie nicht schlimm, nur manchmal grob.

Mit diesem Troste näherte man sich dem haus, dessen Inneres durch das Gebell der Hunde lebendig wurde. An die Möglichkeit, dass Ursula Murray erkennen könnte, dachte man für den Fall nicht, dass sich dieser bescheiden zurückhielt. Murray zog die Binde fast über das ganze Gesicht und hielt sich gebückter und älter als je.

Als Louis öffnen wollte, ging die Tür nur am schloss auf, nicht ganz in der Angel. Sie war durch eine Kette gehemmt. Aber sie klingelte.

Alles Dies war Louis neu. Für Fränzchen hatte die Alte die Kette und die Klingel abgenommen. Entweder gönnte sie dem Mädchen geringere Sicherheit oder sie wollte in ihrer Zurückgezogenheit oben nicht an den Verkehr des Hauses erinnert werden.

Wer da? rief eine heisere stimme von oben herab.

Zeck rüttelte am Drücker der Pforte und schlug dann mit dem Hammer dreimal an die hölzerne Füllung.

Nun, nun! hiess es oben, wo der Schmied erkannt wurde. Was soll's denn? Willst du sehen, Jakob, ob wir noch nicht im Kehrichtfass liegen?

Sie ist vernünftig! flüsterte der Blinde.

Gott sei Dank! sagte Louis und wartete mit Spannung auf das erscheinen der Frau, von der ihm Franziska so viel Schlimmes erzählt hatte und von der er durch Murray und Zeck zu viel wusste, um nicht dem Verdachte Raum zu geben, dass sie im stand gewesen wäre, Franziska aus diesem haus auch durch irgend eine Freveltat zu entfernen.

Die Alte stand auf der Hausflur, öffnete aber die Tür nicht. Louis sah eine grosse hagere Gestalt zwischen der Türspalte erscheinen mit rotumwundenen kopf und scharfen spitzen Gesichtszügen, dunklen habichtsartigen Augen. Der Mund hatte nur noch vorn einige Zähne, die nicht aufeinander schlossen. Der blick war unheimlich, menschenfeindlich, schielend ohne eigentlich falsch zu sein. Ein rotgelbes ostindisches Tuch war über die Brust geschlagen, der kattunene Rock schien sauber und war heute zur Feier der Wiedereinsetzung in die alten Rechte wohl neugewaschen aus dem Schranke genommen.

Mach' auf, Urschel! sagte der Blinde. Kriegst Besuch! Hast noch Kaffee übrig?

Die Alte antwortete nicht, sondern spähte mit stechenden Augen durch die Tür.

Louis, der fast hätte annehmen sollen, dass sie ihn doch wohl schon von oben beobachtet hätte, grüsste freundlich. Murray trat auf die Seite, sodass er noch nicht gesehen werden konnte.

Mach' auf, mach' auf! sagte der ungeduldige Blinde. Kriegst einen schönen Gruss aus Amerika, Urschel!

Wieder so einen, wie im Sommer ... Kling! Kling! Mach' auf!

Die Alte stierte hinaus und schien ihres Bruders tauben Sohn zu suchen. Ihr blick war der einer Irren. Louis fühlte, wie grauenhaft es Franziska hatte sein müssen, mit einem solchen weib unter einem dach allein zu sein. Er verstand den Entsetzensschrei, den Franziska vorgestern ausstossen musste.

Mach' auf! Alte Hexe! rief der Blinde, der jetzt vor Ungeduld und Gewinnsucht zornig wurde. Hast wohl den Teufel zum Besuch bei dir? Oder was läss'st du mich und die Herren da stehen ... Sollst Spass erleben. Mach' auf!

Die Alte sah noch einen Augenblick und schüttelte den Kopf. Dann hätte sie vielleicht die Tür uneröffnet zugeschlagen, wenn nicht Zeck, diesen Fall voraussehend, sich gleich anfangs mit dem fuss dagegengestemmt hätte.

Hol' dich der Satan! schrie er;