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sich auf den Ausweg, den er schon einmal einschlagen wollte:

Fragt die Ursula! Sie hat alle Papiere.

Gut, sagte Louis, ich sehe, dass Ihr nicht wisst, wie und wo das Euch anvertraute Kind gestorben ist. Ihr seid und war't ein Blinder, schon damals, als das Kind geboren wurde. Ihr habt es nie gesehen. Wohlan, lasst Eure Schwester reden. Heute Nachmittag ist sie im Forstause allein. Ich werde Euch zu ihr führen ...

Mein Sohn, Herr, führt mich.

Euer Sohn führt Euch! Wohlan, dann können wir zu gleichen Paaren sein. Da mein Freund, der nicht hört, wie Euer Sohn, er soll mich begleiten. Wir steigen in die kammer der Ursula oder rufen sie herunter und ich denke, Ihr, Zeck, werdet es verstehen, ihr Gedächtniss ein wenig zu kitzeln. Ich höre, dass sie gegen andre hände unempfindlich ist. Seid Ihr's zufrieden?

Zeck sagte, dass sein Sohn den Förster mit dem Karren zu begleiten hätte, der Franziska's Sachen in den Ullagrund bringen sollte.

Nun so hol' ich Euch an der Schmiede allein ab ... Ihr werdet Euch doch von mir führen lassen?

Um zwei? Dann kann ich die Schraube nicht fertig liefern zum Abend ...

Die eilt nicht, Zeck! Mich aber eilt's mit dieser Sache. heute' Nachmittag! Jetzt kommt, ich führe Euch hinaus zu Eurem Sohne. Er muss mit dem Förster in den Ullagrund, damit wir die Ursula allein treffen.

Zeck bot zögernd die Hand, die rauh wie Leder war und schwarz gefärbt. An der Tür hielt er noch einmal inne und fragte mit verschmitzter Neugier:

Herr, darf man fragen, ist es was Ordentliches, was unser Friedrich hinterlassen?

Ihr meint, weil Ihr Euch für Euren Sohn darauf freut ...

Ach!

Sagt's nur heraus!

Ein blinder Vaterein tauber Sohndie haben mehr Not, ehrlich durchzukommen, als Leute, die sehen und hören können

Das ist wahr! sagte Louis, beruhigt Euch, Zeck, das Erbrecht wird seinen vollkommenen Fortgang haben.

Indem horchte Zeck auf, als er eben aus der Tür treten wollte.

Was horcht Ihr so?

Reiten da nicht welche unten über die Landstrasse?

Könnt Ihr so gut hören?

Ich höre, dass Eisen dabei klappert

Losgegangne HufeisenIhr werdet zu tun bekommen.

Das ist Säbelklappern

Louis sah zum Fenster hinüber und bemerkte, unten auf der Landstrasse um den Berg herum schwenkten zwei scharfzutrabende militairische Reiter.

Es sind zwei Landdragoner! sagte er. In der Hauptstadt war es unruhig ...

Ich hört' es gleich

Scharfes Ohr! Ihr könnt dem Himmel danken, dass er gleich wiedergibt, wenn er genommen hat. Um zwei Uhr ...

Zeck nickte und ergriff die Hand seines Sohnes, bis zu dem sie auf dem Corridor angekommen waren. Der starrte den Landdragonern nach, die in das Amtshaus ritten, nahm dann seinen Vater und führte ihn die grosse breite Stiege hinunter ...

Louis, zurückkehrend, fand Murray sehr erschüttert.

Über die erste Rührung, den durch ihn geblendeten Bruder zu sehen, sollte er doch wohl bald hinwegkommen, da er die eingewurzelte Bosheit erkannte. Doch sagte er, alle Reue hülfe dem Frevelnden nichts, seine böse Tat behielte ihre Folgen und nur der Tugendhafte wäre sicher, höchstens mittelbar Schlimmes zu veranlassen. Denn schlimm sind wir Alle! Wer weiss, fuhr er fort, was ich Alles in Folge meines damaligen Fehltrittes noch anrichte, als willenlose Ursache! Nehmt den Tod meines Kindes. Bin ich nicht sein Mörder? Diese Gedankenreihe erschütterte ihn mehr als das wirkliche Nichtmehrvorhandensein des Kindes. Denn ein Wesen, das er nie gesehen, dessen Ursprung sich auf Sünde und Reue zurückzog, ein Wesen, dessen Schicksale ihm nur, wenn es erwachsen und misraten war, Gewissensbisse verursachten, konnte sich seinem Herzen doch nicht so tief als eine notwendigkeit eingepflanzt haben. Im Gegenteil durfte er freier atmen und Gott danken, dass er ihm eine Veranlassung zu neuer grosser Schuld früh hinweggenommen hatte. Was aber Murray ebenso erschütterte, war der unverkennbar böse Sinn des Bruders, die ungebesserte Lüge, die Verstockteit, die Geldgier. Und auch für diese musste sich Murray nach seinem Sinn verantwortlich machen.

Ach, sagte er zu Louis, konnte ich bittrer gestraft werden als durch den Anblick eines Menschen, der durch mich das Licht der Augen verlor! Wäre dieser Elendedenn ich kann ihn in nichts beschönigenwär' er sehend geblieben, so hätte ihn die Kraft seiner Sinne wohl seinen eigenen Weg geführt. Er hätte nicht nötig gehabt, Andre für sich denken, Andre ihn führen zu lassen! Was konnte da noch aus ihm Gutes werden, wo er nun genötigt war, meiner Schwester zu folgen und ihr eine Last wurde! Sie stiess ihn aus dem Försterhause, gab ihm vielleicht von ihrem Pflegegeld so viel, um sich die Schmiede anzulegen mit seinem damals schon erwachsenen Sohn. Wer nicht sieht, ist mistrauisch. Der Verlust keines Sinnes macht so bitter wie der Verlust des Auges. Man findet wohl Blinde, die heiter und getröstet sind über die ewige Nacht, die sie umgibt, aber dann sind sie leichtsinnig und rühren uns nicht mehr, sondern erschrekken uns.

Louis hielt sich nicht an diese Reflexionen, wie sie Murray auszuspinnen liebte, sondern an