auch noch und die Kinder freuen sich immer, wenn da steht: Guido Stromer.
Hier ist noch etwas vom Vater, rief Hedwig und zeigte auf ein Gedicht ...
Oleander bleibt lange aus. Das Teewasser steht schon oben, bemerkte die Pfarrerin.
Lies dem Herrn Louis Armand auch etwas vor, Hedwig, bemerkte Siegbert. Du hast einen Vater, den alle Menschen hochverehren, weil ihm Gott die herrlichsten Gaben verliehen.
Einen leisen Seufzer, der durch das Zimmer fuhr, hörten Louis und Siegbert nicht. Er kam von der Pfarrerin ...
Hedwig las: "An Diotima" ...
Wer ist Diotima? fragte sie ...
Diotima? sagte Siegbert und blickte auf die Zeitung, die in ihrem Feuilleton ein Gedicht auf Diotima entielt mit der Unterschrift: Guido Stromer.
Diotima, sagte er, mein Kind, Diotima und Aspasia waren Freundinnen berühmter Weltweisen des Altertums und werden noch jetzt als Bezeichnung schöner, sehr edler Frauen gebraucht. Diotima heisst auf Deutsch: die Gottesfürchtige.
Die Uhr hatte einen singenden Ton bei ihren Pendelschwingungen. Es raschelte fast geheimnissvoll im Zimmer ...
Hedwig las: "An Diotima: Windest du Rosen in's Haar dir, Göttliche, wähle die weissen! Denn in den weissen noch glüht zart ein beschämendes Rot".
Der Hund schlug an und schnupperte ...
Liebt der Vater die weissen Rosen? fragte Siegbert, dem diese Distichen nicht für Kinder geeignet vorkamen und der Olga's gedenken musste.
Wir haben im Sommer mehr weisse als rote im Garten, sagte Hedwig.
Der Kirchhof, fiel seufzend die Mutter ein, liegt dicht an unserm Garten ...
Siegbert machte Louis eine Miene, ob sie nicht hinaufgehen wollten?
Aber Hedwig hielt ihn zurück und rief:
Da ist noch ein Gedicht an die andere gute Dame:
Aspasia! Soll ich es lesen?
Die Pfarrerin blickte auf ihr schlummerndes Kind. Ach, es lag ein unendliches Weh in ihren Augen, so drückend, so schwer, wie diese Schwüle im Zimmer ...
Ohne die erlaubnis abzuwarten, las Hedwig: "An Aspasia: Dir, der Schwester, das Rot! Die Centifolie pranget wie in Kohlen die Glut schöner im glänzenden Schwarz".
Die Uhr schrillte, wie immer, wenn sie eben schlagen wollte ...
Oleander kam nun und erlöste Siegbert, der von Guido Stromer's excentrischem Leben mehr wusste als hier Alle, erlöste ihn von der Pein, die Kinder das Lob entziffern zu hören, das der "seinem Genius folgende" Vater wohl schwerlich hier an die alten Freundinnen des Sokrates gerichtet hatte ...
Ach, in die leise Wehmut, die auf diesem Nebelbilde des Lebens ruhte, kam noch Oleander's Wort:
Die Müllerin ist eben entschlafen ...
Die Pfarrerin erschrak.
Reinick war von der Tafel gleich zu ihr gegangen, sagte Oleander, und blieb bis jetzt ...
Indem rollte auch der Wagen des treuen Arztes am haus vorüber ...
Ihre Augen sind zu, sagte Oleander. Ihr Ohr hörte noch lange, was ich las und sprach. Dann hielt sie mir die Hand so hin, dass ich sie fasste. Sie starb, wie ein Licht erlischt. Und dabei hielt die Mühle nicht still. Die und der Müller waren seit Jahren an das Sterben der Müllerin gewöhnt. Das Mühlrad rundum und sie stirbt. Ich hätte nicht einmal gemocht, dass es schwieg. Wir fahren so hin. Leben, Tod, Tod, Leben ... Eins lehnt sich an's Andre ... Und es ist tröstlich so. Genug. Es ist vorbei. Kommen Sie nun hinauf, lieben Freunde!
Louis und Siegbert folgten bewegt dem Vikar, der hinausschritt auf die Treppe zu und auf ihr voranging. Die Pfarrerin leuchtete ...
Oben ist Licht! sagte sie tonlos ...
Oben ist Licht! wiederholte Oleander, sinnig das Wort deutend auf die Entschlafene ...
Die drei guten, sanften Menschen stiegen hinauf ...
Die Pfarrerin aber weinte noch lange – um die Nachbarin? Von dem Engel, der im Zimmer unsichtbar stand und über diese Gedichte auf Aspasia und Diotima, vorgetragen von den eignen Kindern, gewidmet zweien unwürdigen Frauen, weinte, bemerkte sie wohl nichts. Dieser Engel hielt ihr wohl nicht das Buch entgegen, wo sie hätte gezeichnet sehen können Oleander den Pfarrverweser an dem Sterbebett der Müllerin und Den, dessen Dienst und hohen Beruf er vertrat, vielleicht im selben Augenblick in einem Salon unter hellen Kerzen Geist zerzupfend, Ideen wie Brillanten in den Augen schöner Weiber sich brechen lassend, vielleicht schmachtend zwischen Melanie und Pauline und Egon, vielleicht gar unter dem gespenstisch warnenden, finster drohenden flammenden Kreuze wieder, wie damals ... die gute Frau sah – die Himmlischen bewahrten uns vor zu ferntragenden Augen – nur den Tod der Müllerin, hörte nur das ferne Verrollen des Wagens, der den treuen Arzt nach Randhartingen zurückbrachte, hörte nur das Rauschen der Mühle, das wie ein Sterbelied ihr erklang und ermahnte die Kinder, zu Bett zu gehen und mit ihrem gewohnten Abendsegen und in Liebe zu ihrem Vater einzuschlafen ...
Oben aber brachten drei edle Menschen bis gegen Mitternacht im glücklichsten gespräche über die fragen zu: Was ist Poesie? Was wahre Kunst? Was Tugend? Was Pflicht? Was Leben? Was Tod und Unsterblichkeit? Mit dem Aufgang des Mondes, lange nach zehn Uhr, stiegen Louis und