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, was sie für morgen versuchen wollten. Dann kam Brigitte, ordnete das Bett, gab auf die Frage nach zwei Männern im Garten die Antwort, dass sie nichts gesehen hätte und es vielleicht der Kutscher und der Bediente der Frau von Sänger wären; kurz, Murray war endlich beruhigt und gestattete Louis hinunter zu gehen in die Schmiede, um seinen Bruder für morgen zu bestellen. Er wünschte Louis jede nur mögliche Anregung durch einen mit einem Künstler und einem Dichter zugebrachten Abend.

Louis sah sich unten nach allen Richtungen um, die beiden Männer zu entdecken. Er fand sie nicht. In der Schmiede war Alles wie ausgestorben. Das Handwerkszeug lag umher. Die Kohlen waren verglüht auf dem Herde. Louis rief. Niemand antwortete. Eine Treppe, bemerkte er in der Dunkelheit, ging von der Werkstatt empor. Er rief hinauf. Die stimme eines alten Weibes liess sich hören.

Ist denn Niemand hier? fragte Louis laut hinauf.

Niemand hier! wiederholte es fast echoartig.

Alles fort?

Alles fort!

Wie ausgestorben und ausgeflogen?

Jetzt hörte er Holzpantoffeln.

Eine kleine gebückte Alte kam mit einer Laterne ...

Du mein Gott, lärmte sie, sind die beiden Taugenichtse fort

Der alte Zeck und sein Sohn? fragte Louis erstaunt über dieses Prädikat, das im mund eines wie es schien hier dienenden Wesens etwas vermessen war.

Nein, hiess es, die beiden Gesellen!

Hier ist Niemand. Wo ist der Meister und sein Sohn?

Dieses Volk!

Wetter! rief Louis. Ich frage nach Denen, die ihr nicht Volk nennen werdet. Sind sie im Ullagrund?

Die beiden alten Schlingel?

Die krumme Alte kam aus dem Zorn über die unerlaubte Abwesenheit der beiden Gesellen nicht heraus. Sie wetterte über diese unzuverlässigen Spitzbuben, die jedoch morgen, Gott sei Dank! mit dem letzten Wochentage das Weitere zu suchen hätten.

Louis zweifelte kaum daran, dass die beiden so heftig vermaledeiten Gesellen die Späher im Garten waren und beschloss ernstlich auf seiner Hut zu sein.

Als er den alten und jungen Zeck zu morgen früh zehn Uhr, falls er nicht im Ullagrunde arbeitete, auf das Schloss bestellt hatte, konnte er nicht umhin, die Alte zu fragen, ob sie schon lange bei dem Meister diene. Sie sagte:

Funfzehn Jahre!

Es drängte ihn, sie weiter auszufragen; doch fürchtete er, dem mistrauischen Blinden, der gewiss jedes seiner Worte wiedererzählt bekam, damit Verdacht zu erwecken. Er wiederholte daher nur einfach seine Bestellung und verliess die Schmiede, während die Alte sich nicht beruhigen konnte, wo die beiden Gesellen, wie sie sagte, ein Ende genommen hätten.

Louis beflügelte jetzt seinen Schritt, um an das Pfarrhaus zu kommen. Wie erstaunte er, als er in der Ferne deutlich wieder jene beiden Gestalten entdeckte, aber nicht allein, sondern mit einem mann in Amtskleidung im Gespräch begriffen! Sie trugen kurze Jakken und waren ohne Zweifel die beiden unfleissigen Arbeiter. Den Mann in der Amtskleidung hatte er bei dem Diner heute auf dem Corridor gesehen. Er folgte den Dreien, die ruhig und wie im vertraulichsten Gespräch nebeneinander schlenderten. Sie schlugen den Weg zum Amtause ein. Jetzt wandten sie sich, blieben eine Weile stehen, zeigten auf das Schloss hinauf und traten dann wieder ihre Wanderung zum Amtause an, wo sie zuletzt durch einen Vorbau Louis' weiteren Blicken entzogen waren.

Er war dabei über das Pfarrhaus schon hinausgekommen.

Nachdenklich musste er stehen bleiben und sich zu erklären suchen, was er von diesem Vorfalle denken sollte. Die Furcht vor Dieben gab er auf. Da ihm nichts beifallen wollte, was ihm ganz wahrscheinlich dünkte, so glaubte er zuletzt sich beruhigen zu können und voraussetzen zu müssen, dass diese Arbeiter in das Amtshaus wären gerufen worden zu irgend einer mit dem schloss in Verbindung stehenden Reparatur oder einer sonstigen Dienstleistung.

Er kehrte zum Pfarrhause zurück und sah in das nicht geschlossene, matt erleuchtete Fenster. Es war eine Scene, die ihn fesselte. Zwei Kinder sassen um einen runden Tisch und hatten grosse Zeitungen vor sich aufgeschlagen, aus denen Siegbert sie vorlesen liess. Die Mutter, das jüngste schlummernde Kind im Schoosse, mit einem Strickstrumpf in der Hand, sah bald auf diesen, bald auf das Kind, bald auf Siegbert, der seine Freude an dem geläufigen Lesen der Kinder hatte und ihnen das Gelesene zu erklären schien. Sie lächelte vor Vergnügen über die Fertigkeiten, besonders Hedwig's, die alle von Siegbert ihr vorgelegten fragen gewandt beantwortete. Dazu das matte Licht einer kleinen Lampe, die lautpickende, bis draussen hörbare Wanduhr, die Stille im dorf ... Louis mochte sich kaum entschliessen, die einfache, friedliche Scene zu stören. Aber der Hund, der unterm Tisch lag, witterte ihn und schlug an. Da musste er in die Haustür und seinen guten Abend sagen.

Ich bin lange geblieben ...

Oleander ist auch noch nicht da, bemerkte die Pfarrerin. Die Müllerin hat ein zehrendes Siechtum und bittet immer den Guten, ihr Abends ein Capitel aus der Bibel vorzulesen. heute' sind es mehr geworden, sagte sie. Er bleibt lange ...

Inzwischen haben mir die Kleinen aus dem "Jahrhundert" die Werke ihres Papas vorgelesen, sagte Siegbert und zeigte auf die grossen Blätter, die über den Tisch ausgebreitet lagen ...

Wir bekommen sie vom Justizdirektor, sagte die Pfarrerin. Sie sind immer schon längst gelesen. Wenn sie die Reihe herum sind, bekommen wir sie