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drückten. Siegberten, der einige freundliche Worte mit Ackermann gewechselt und von diesem eine herzliche Einladung zum Besuche im Ullagrunde erhalten hatte, verneigte sie sich flüchtig, aber mit einem jener wohlwollenden Blicke, die nur so im Vorüberstreifen hingeworfen an Frauen immer bezaubern müssen. Leidenfrost hatte einmal zu Siegbert diese Blicke, die auch Melanie sehr in der Gewalt hatte, wenn sie durch das Berg'sche Atelier schwebte, panteistische genannt und seine Bezeichnung so erklärt: Die Frauen wollen gewissermassen mit diesen Blicken sagen: Freund, auch du bist liebenswürdig und ich würde dich gern nehmen, wenn ich nicht schon schwärmerisch liebte und bei unsern düstern monoteistischen Ideen nur Einen Gott und keinen Andern neben ihm haben dürfte!

Louis reichte dem Knecht das Päckchen hinauf, das er neben sich legte. Im Wagen war es ziemlich eng; denn statt der kleinen Hedwig, die Ackermann zurückgebracht hatte, ging heute der mittelste Knabe mit, Waldemar, dessen Pate der alte Fürst Waldemar von Hohenberg gewesen war. Alle zwei, drei Tage wechselte Selma unter den Kindern der Frau Pfarrerin ab, die noch an dem Wagenschlage stand und für die Liebe dieser guten Menschen dankte. Ackermann, der noch immer in einer gedrückten, nachdenklichen Stimmung blieb, schien froh, als sich endlich sein Gaul in Bewegung setzte. Fränzchen reichte voll Innigkeit und freudigen Dankes Louis noch die Hand, während der Wagen schon rollte.

Louis und Siegbert mussten, da sie ihre Hüte in dem Pfarrhause gelassen, wieder zurück eintreten und Oleander mochte sie nun nicht weglassen.

Sie wissen, was Sie mir gestern versprochen haben, sagte er zu Louis.

Louis, dem es peinlich war, Murray aus seiner einsamen Ruhe aufzuschrecken, dachte sehr lebhaft daran, ob nicht Siegbert, er und Oleander den Abend zusammen zubringen könnten.

Herr Oleander wollte die Güte haben, mir von seinen Gedichten vorzulesen ... bemerkte er mit fragendem Blicke nach Siegbert hin.

Dieser erwiderte sogleich:

Ein Dichter dem andern! Wissen Sie, Herr Oleander, dass Louis die artigsten französischen Verse macht und ich sie zu übersetzen versuche?

Diese Nachricht erfreute den schwäbischen Vikar so, dass er nicht ruhte und die Freunde durchaus bei sich zu behalten erklärte.

Frau Pfarrerin, Sie schicken uns einen Tee auf mein Zimmer, heizen ein und das gleich! Erst hab' ich noch einen kleinen gang. Dann kommen Sie hinauf oder gehen Sie sogleich selbst und machen Sie sich's oben bequem!

Louis sagte, er zöge vor, erst auf das Schloss zu gehen und sorge zu tragen für das Nachtlager seines Freundes. Siegbert bat, keine Umstände zu machen. Louis, der nur gern ein Wort mit Murray sprechen, den armen Verlassenen, einsamen begrüssen wollte, hielt Siegberten zurück und ging mit Oleander, der eine Kranke, die Müllerin in der Mühle, besuchen wollte, hinaus in die inzwischen vollständig herabgesunkene Nacht.

Wie trieb es Louis hinauf zu Murray! Es lastete auf ihm wie eine Schuld der Lieblosigkeit. Er hatte ein fest genossen, einen Freund gefunden, das Glück gehabt, Franziska glücklich zu machen und da oben sitzt in stiller Verlassenheit der freudlose, nur in sein Inneres blickende, wehmütige, gewissenskranke Alte, der dies Erdenleben nur noch für eine letzte Prüfung ansah und alles Trauerbringende für seine Bestimmung! Es trieb Louis, als hätte er ihm um den Hals fallen und diesen ganzen reichen, glücklichen Tag abbitten müssen.

Auf dem Emporwege begegnete ihm Brigitte, mit der er rasch besprach, dass sie noch ein Zimmer zu öffnen, noch ein Bett zuzurichten hätte. Und ob das Fuhrwerk der Frau von Sänger die Nacht über versorgt wäre? Alles Das fragte und bestellte er rasch hintereinander. Die Alte nickte und gab auf Jedes ihren höflichen Bescheid. Nur eine Bemerkung war ihm peinlich. Der Amtsvoigt Pfannenstiel wäre bei ihr gewesen und hätte nach dem alten Herrn oben gefragt, wäre auch selbst zu ihm gegangen und hätte ihn ersucht, der Ordnung wegen, seinen Namen und seinen Stand aufzuschreiben.

So! So! sagte Louis und wollte seine Besorgniss verbergen. Das ist ja Alles in der Ordnung. Vergesst das Bett nicht!

Nun erst hatte er recht Eile, zu Murray zu kommen.

Er fand diesen wirklich in einiger Bewegung und begrüsste ihn sogleich mit den heftigsten Vorwürfen gegen sich selbst.

Ich lasse Sie allein! Verurteilen Sie mich! Ich bin ohne Aufmerksamkeit für meine Freunde! Vergeben Sie mir!

Beruhigen Sie sich, lieber Louis, sagte Murray mit weicher Gelassenheit. Ich bin nie in Verlegenheit, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Nur wenn ich grade sagen soll, was ich treibe, beunruhigt mich's. So vorhin, wo ich der Ortspolizei über Sie und mich, der Ordnung wegen, einen Nachtzettel habe ausfertigen müssen ...

Über Sie und mich? Wenn auch ich verdächtig erscheine, beruhigt mich diese Nachfrage. So sollte nur eine Förmlichkeit erfüllt werden.

Besorgten Sie, dass mein erscheinen auf diesem schloss und meine Zurückgezogenheit auffällt? Hörten Sie etwas darüber?

Man bedauerte, dass Sie nicht zu dem Diner kamen. Niemand verlangte, dass ich von Ihnen mehr sagte, als dass Sie ein älterer Freund und gönner meiner heute über Gebühr gefeierten person sind.

Louis teilte nun Murray in gedrängter Kürze seine Erfahrungen mit. Ackermann's Benehmen in dieser Gesellschaft schien Murray recht ein sprechender Beweis für den Charakter, den er in ihm schon am Missouri erkannt hatte.

Ich sehe die Ironie auf seinem Antlitz! sagte er. Denn Sie