, Tatsachen, die ein neues Licht verbreiten, aufzufinden. Schon ist die Appellation im Gange.
Wissen Sie, sagte Oleander, dass Propst Gelbsattel, dem ich die hiesige Vikarstelle verdanke, einer der heftigsten Gegner Ihrer Ansprüche ist?
Nicht bloss der Propst, sagte Siegbert. Ich fürchte, dass wir alle Welt zu Gegnern haben.
Diese bescheidene selbstlose Äusserung bestritt man. Drossel meinte, so müsse es mit allem Unrecht gehen, das durch Verjährung Recht geworden wäre. Er verwünschte dabei die pfaffen, die Tyrannen, die Advokaten, die Menschenschinder, die vertierten Söldlinge, die Staatsanleihen, Alles durcheinander. Der Apoteker war sehr für den Satz: Jeder ist sich selbst der Nächste! Frau von Zeisel bedauerte unendlich, dass es der schönen Melanie nicht mehr möglich sein würde, fast alle Tage ein andres Kleid anzuziehen, allein darum gönne sie doch Herrn Siegbert Wildungen ein Vermögen, das sicher einem Halbdutzend grosser Rittergüter gleichkäme.
Die Erwähnung Melanie's, der Übergang auf ihre Anwesenheit in Hohenberg, die Nachfrage wegen ihrer wieder abgebrochenen Verlobung mit dem Stallmeister Lasally, der hier durch sein mürrisches Benehmen Alle verletzt hatte, die lächelnden Mienen über Melanie und den Fürsten, alles Das war ein Durcheinander, das für Niemand chaotischer und unbehaglicher wurde als für Selma. Siegbert, Louis, Alle wurden ihr in diesem Augenblicke verhasst. Es kreischte um sie her wie von Dissonanzen. Das war Alles unaufgelöst widerlich. Wahrhaft frei fühlte sie sich von einem lästigen Drucke, als man in diesem Tumult aufstand und sie sich an den Vater hängen konnte, dem sie zuflüsterte:
Fort! Fort! Vater! Hier ist es erstickend! Die Brust zerspringt mir!
Ackermann küsste ihre brennende Stirn und sagte in mildem Tone:
Gewöhne dich, Kind, an Rechnungen, die nicht aufgehen! Ich fühle dir das Peinliche solcher Dinge, die du alle nur halb verstehst, wohl nach. Das Leben ist so! Es ist aus Gegensätzen und unvermittelten Widersprüchen zusammengesetzt. Wenn man so sieht, dass Alles anders ist, als man es gern haben will, möchte man verzweifeln und in die Wildniss fliehen.
Nach den gesegneten Mahlzeiten, die man nun, weingerötet, speisenduftend, gegenseitig sich noch wünschte, wurde Kaffee gereicht und manches vertrautere Wort gesprochen. Frau von Sänger rechnete darauf, jetzt auch von dem jungen Maler einige Vorteile der Unterhaltung zu ziehen und war nicht wenig verstimmt, als dieser nur mit Louis allein zu sprechen Lust zeigte. Sie ging ohne Zwang Beiden nach und duldete nicht, dass sie sich isolirten. Zu ihrem Verdrusse hörte sie hier, dass Siegbert nicht einmal mit ihnen nach Randhartingen zurückfahren, sondern die Nacht, wie schon zwischen ihm und Louis verabredet war, auf dem schloss bleiben würde. Für morgen erst versprach er ihr seine Aufwartung zu machen.
Himmel, sagte sie, man ist hier so verlassen von Menschen, die uns einmal über das Gewöhnliche hinwegführen, dass Sie sich nicht wundern dürfen, wenn ich Ihnen gestehe, ich dulde Ihr Hierbleiben nicht.
Nein, nein! sagte Siegbert lächelnd. Ich muss mich vor dem Reize, Sie zu erobern, bewahren.
Keine Eroberung! erwiderte die hübsche junge Frau. Nur Nächstenpflicht! Haben Sie sich einmal verschlagen in eine Gegend, wo nur Wilde wohnen, so müssen Sie sich Denen widmen, die Sie zähmen sollen ...
Siegbert konnte die pikante kleine vertrauliche Unterhaltung nicht fortsetzen, denn Ackermann, der auf ein Kanapé sich niedergelassen hatte, richtete einen so bedeutungsvollen, teilnehmenden blick zu ihm hinüber, dass er sich losmachte und zu ihm entschlüpfte.
Frau von Sänger erfuhr von Louis, dass Beide, er und Siegbert, die Absicht hätten, gemeinschaftlich nach dem Forstause zu wandern. Das Wetter wäre schön. Gegen fünf Uhr wollten sie wieder zurück sein. Siegbert würde dann auf dem schloss über Nacht bleiben und am Morgen eine gelegenheit suchen, nach Randhartingen zurückzukommen.
Dies war genug, um Frau von Sänger zu bestimmen, Siegbert nachzuspringen und ihm zu sagen, dass er ihren Wagen, der in der Schlossremise stünde, hier behalten und mit ihm morgen nachkommen solle. Sie würde mit ihrem mann in dem grossen Wagen des Herrn Anverwandter fahren. Und ehe noch Siegbert ablehnen, danken konnte, war sie schon ihre langen aufgegangenen Locken schüttelnd zu den Männern hinüber, um diese Anordnung kurz- und rundweg anzuzeigen, es ihren Kutscher wissen zu lassen und sich dann die Locken vor'm Spiegel als Scheitel zu ordnen.
Siegbert erfuhr bei Ackermann, dass Selma schon zu den Kindern des Pfarrers hinüber wäre, wo sie bliebe, bis er einige Geschäfte geordnet und auch vielleicht die neue Begleiterin aus dem Forstause in Empfang genommen hätte. Einer weitern Nachfrage über seine Beziehungen zu Siegbert's Eltern wich er sonderbarerweise jetzt aus. Er war einsylbig, nachdenklich geworden. Fast schien es, als bereute er die Hingebung, die er über Tisch verraten. Siegbert fand, dass dies Antlitz, das ihn seiner männlich schönen Formen wegen so gefesselt hatte, auch den Ausdruck eines tiefen Ernstes annehmen konnte und erschrak fast vor dem Anflug von Kälte, der ihm plötzlich aus Ackermann's Benehmen entgegen wehte.
Louis flüsterte ihm zu, sie wollten gehen und von der Gesellschaft ohne viel Aufsehens scheiden. Doch gelang ihnen dieser Rückzug nicht ganz. Die Justizdirektorin und ihr Gatte wenigstens sahen scharf genug, um sie nicht so entschlüpfen zu lassen. Louis gab das Versprechen baldigster Wiederkehr und Siegbert gelobte, so lange er in Randhartingen an Herrn Anverwandter male