und Ungnade in fremde hände gab.
Man brachte einen Toast auf die Wirtin, den Wirt, die Damen, die Gäste, ja auch auf Louis Armand, den Freund und Genossen des Fürsten. Diese Aufmerksamkeit hatte Oleander gehabt, der Alles, was poetisch war, lebhaft ergriff und jenen Mut besass, unter Schaalheit und Philisterei sich an das Bedeutendere zu halten, mocht' es erst auch wunderlich erscheinen. Er erlebte aber damit den eigentümlichen Fall wie Jeder, der an das Edle im Menschen glaubt, dass das Poetische immer verstanden, immer freudig aufgenommen wird, selbst unter nüchtern Scheinenden und rein materiell Gestimmten. Er sagte hier einige schöne Worte über Egon's allbekanntes, vergangnes Leben und Jeder verstand sie und Jeder fühlte, wie sie diesen einfachen Fremdling verklärten und hoben.
Louis Armand aber, der schon längst bemerkt hatte, dass man sich des Justizdirektors wegen Zwang auferlegte, offen und frei die Verehrung vor Ackermann auszusprechen, Louis erhob sich mit raschem Entschluss, lehnte den Einfluss, den man ihm auf den Fürsten zuschrieb, bescheiden ab und sagte:
Denen wollen wir Dank sagen, die dem Fürsten die Hand geboten haben, festzustehen auf dem Boden seiner Väter! Es lebe Herr Ackermann!
Dieser Toast, so kurz, so einfach, so natürlich, drückte doch Aller Stimmung aus und die langverhaltene Empfindung machte sich in dem freudigsten jubel Bahn, der nur noch von Drossel, der gleich hinzusetzte: Der Republikaner hoch! unmelodisch genug überschrieen wurde.
Ackermann hielt sich an den herzlichen Gruss, der ihm in den Gläsern widerklang, die Reinick, Oleander, Sonntag, Anverwandter ihm entgegenhielten und sagte, dem Justizdirektor die Hand bietend, die dieser auch gerührt ergriff und schüttelte:
Lassen Sie den Frühling leben, meine Freunde! Lassen Sie die Hoffnung leben! Der Winter rüttelt schon an der Tür, ein schlimmer Gast, der uns noch eine lange Prüfungszeit bringen wird! Wenn aber dann der Schnee auf diesen Höhen schmelzen wird, wenn die Lerche steigend singt, die Erde, zerschnitten vom Pfluge, Frühlingsodem ausströmen wird, dann wollen wir Alle zusammenwirken und im Glücke eines Mannes, den wir lieben, unser eigenes finden. Auf treue, gute, fröhliche Nachbarschaft!
Das war wieder ein Wort, so recht alle Herzen entzündend; denn nun bekam Jeder doch auch etwas für sich! So sind die Menschen. Erst allenfalls Einer, dann aber auch gleich Alle. Die Gläser klangen, die hände wurden geschüttelt. Als man dann sass und sich von den angeregten schönen Gefühlen sammelte, um wieder zur Tafelfreude zurückzukehren, kam noch ein Glas als Nachzügler zu Ackermann hinüber. Selma hielt es hin, mit schalkhaftem, lächelndem blick. Dem kind glänzte eine Träne im Auge, die der Vater durch einen Scherz nicht entfernen konnte. Auch er war gerührt und drückte die Hand der holden Tochter über den Tisch hinüber.
Wie vorauszusehen war, musste zuletzt auch der Gegenstand berührt werden, den damals alle Welt an den Namen Wildungen anknüpfte. Gleich bei Siegbert's Eintreten hatte man geflüstert, ob dies jener Wildungen wäre, der ... ja, ja! hatte es geheissen und mit um so gespannterem Interesse betrachtete ihn jedes Mitglied der Tischgesellschaft.
Herr von Zeisel war es, der das Eis dieser Spannung brach und mit den beziehungsreichen spürend belauschten Worten Siegberten sein Glas entgegenhielt:
Zwar hat sich Vieles in unserm Hohenberg geändert! Alte Irrtümer sind erkannt worden und neue hülfe ist gefunden. Aber man soll Niemanden verleugnen, der uns Freund ist, wenn er auch irrte. Der Justizrat Schlurck mag der Zukunft des Fürstentums nicht gewachsen gewesen sein. Dennoch schätz' ich ihn als meinen Freund. Ich wünsch' ihm die reichsten Belohnungen für seinen allbewunderten, vielgerühmten Scharfsinn. Nur in einem gegenstand soll er unterliegen, in einem Punkte die Waffen strekken müssen, in einem eine schmähliche Niederlage erleiden – Herr Siegbert Wildungen, ich meine in Ihrem Prozess!
Da war der Damm weggerissen. Alle Blicke, alle fragen der Neugier hatten nun eine freie Strömung. Jeder sah nun in Siegbert Wildungen den künftigen Krösus und Louis besann sich durch die Röte, die den Freund überflog, sogleich auf die Äusserungen, die noch vor kurzem über diesen Gegenstand Siegbert im alten Ratskeller der Residenz getan hatte.
Mit wärmerem Interesse aber, als alle Übrigen, liessen Selma und Ackermann ihre Blicke auf Siegbert ruhen und bald wussten es Alle, dass Ackermann in jüngern Jahren den Fremden wollte auf den Armen getragen haben.
Wo Das? rief Siegbert erstaunt.
In Taldüren!
Kannten Sie meinen Vater?
Vater und Mutter!
Ich entsinne mich nicht, Ihren Namen –
Wie geht es der Mutter?
Sie kränkelt ...
Siegbert begriff nicht, wie ihm wurde, als er Ackermann in's Auge sah. Es stiegen ihm Empfindungen auf, denen er keinen Namen geben konnte. Ganz verloren in die Züge Ackermann's und Selma's hörte er nicht, dass man ihn um Auskunft über den Stand seines Prozesses bat.
Erst Frau von Zeisel musste ihn erinnern, dass man mit ihm sprach.
Er sagte nun:
In erster Instanz hat mein Bruder, der diese Angelegenheit mit Eifer verfolgt, unsre Ansprüche, von denen er so fest überzeugt ist, nicht behaupten können. Wir haben verloren. Jetzt ist der Bruder in Angerode, wo wir schon einmal über diese alte Streitfrage Dokumente fanden. Es handelt sich um die genauere Feststellung unsres Stammbaumes. Mein Bruder schreibt mir, dass es ihm gelungen ist