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mit dem vom Fürsten Waldemar vor nunmehr etwa fünf Monaten übergebenen verglichen wurde und stimmte. Das Geschäft war im Laufe des Vormittags beendigt. Die Verpackung sollte morgen vorsichgehen und den Tag darauf wollte Herr von Harder abfahren, als Sauvegarde jenes ungeheueren Transportwagens, der unten noch im dorf stand. Man hätte glauben sollen, die unruhige Gesellschaft, die eben das Schloss bewohnte, müsste ihm bei dieser wichtigen Staatsaction sehr störend gewesen sein und Bartusch, der eben zu ihm herantrat, als er die alte Brigitte und den greisen Winkler durch seine Herablassung so glücklich gemacht hatte, sagte auch:

Ew. Excellenz werden froh sein, endlich einmal einen ruhigen Augenblick geniessen zu können.

Der Intendant lächelte und meinte bedeutungsvoll:

Hm!

Bartusch entschuldigte den verwahrlosten Zustand des Gartens, der einem Kennerblick gewiss sehr misfallen müsse.

Hm! Hm!.. Bleiben recht lange aus; war darauf die ganze Antwort.

Bartusch wusste aus Schlurck's grosser Praxis, dass vornehme Menschen selten auf Das Acht haben, womit sie Einer zu unterhalten sucht, und ahnte sogleich, dass Excellenz einen andern Gedankengang verfolgten. Es war, Das sah er wohl, die Cavalcade gemeint, der Dankmar im wald begegnet war.

Excellenz werden doch den kleinen Abendcirkel durch Ihre Gegenwart verschönern, bemerkte Bartusch untertänigst.

Abendcirkel? wiederholte der Intendant. Wie gestern so etwas? Hm! Gesellschaftein Bischen gemischtWas?

Leider! sagte Bartusch, sich dem wandelnden und zuweilen nach der an der Mauer sich hinziehenden Strasse hinausblickenden Cavalier anschliessend. Das bemerk' ich nirgend mehr als in meinen Büchern, wo wir nun diese schreckliche Confusion einer höchst zerrütteten Verlassenschaft zu ordnen haben. Da stehen Jud' und Christ nebeneinander, Civil und Militair, Kaufmann und Handwerker, wer nur was zu geben hatte und sechs Procent von dreieinhalb unterscheiden konnte.

Der Intendant lächelte wieder und meinte:

Recht schlimmer Herr gewesender Fürst Waldemar Durchlaucht; – aber viel Bravour im Kriege gehabthoch gespielt in den Bädernaberhöchstselige Majestät ihn sehr geliebtbewundernswürdiges Attachement gewesen ....

Und die Damen, nicht wahr, Exzellenz? bemerkte Bartusch lauernd. Auch davon wissen die Bücher in Zahlen zu erzählen, die in alle Brüche gehen.

Der Intendant erwiderte hierauf bloss ein schmunzelndes Lächeln, was indessen einer jener Gesichtszüge war, mit denen er in gewissen Fällen Ermutigung bezeichnen wollte.

Die Tänzerin Persiani! sagte Bartusch; die Polin Sobolewskadie Kunstreiterin La Houppedie drei WandstablersDore, Flore, Lore

Ein leichtes Meckern, ziegenartig, verriet, dass Excellenz sich dieser Namen wohl erinnerten und piquanten Anteil nahmen. Doch schien sie das Gehen zu echauffiren. Herr von Harder nahm den feinen weissen Castorhut ab und strich einige mal sehr behutsam über seine ausserordentlich glatt anliegende Tour vom glänzendsten pariser Bagnohaar ... ein sehr schönes südeuropäisches Schwarz bezieht man mehr aus Toulon als aus Brest ... Herr von Harder war zwar schon in den Sechzigen, doch hatte er sich Haltung und Wesen eines beiweitem jüngern Mannes bewahrt und konnte auf den ersten blick jeden Prüfer zweifelhaft lassen, ob er ihn der noch anspruchsvollen, unternehmenden Generation zurechnen sollte oder der schon entsagenden.

Er fing nun von der "Gesellschaft" an.

Da ist eine Frau von Pfannenstiel ... Wer ist Das? fragte er.

Madame Pfannenstiel? antwortete Bartusch achselzuckend; Wirtschaftsrätin.

Nicht üble Frauein bischen dumm. Was?

Excellenz wissen in diesem Punkte gewiss das Richtige zu treffen ....

Aber reich?

Leider!

Wie so leider?

Weil sie Geld hat, ist sie hier. Dumme Menschen sind lästig. Mir wäre lieber, ihr Mann wäre da. Es lässt sich leben mit ihm.

Warum ist der Mann nicht da?

Wagt's nicht. Da er früher hier wirtschaftete und das Volk geschunden hat, wie seinen armen Fürsten, so traut er sich nicht herzukommen.

Ah! ... Madame Schlurck ist eine charmante Frau ... fuhr der Geheimrat fort, der nun gesprächiger wurde.

Bartusch schlug die Augen nieder, aus Gründen, die der Geheimrat nicht zu kennen schien und die auch wir erst später kennen lernen werden.

Die muntere Blondine ... sehr charmant ....

Frau von Sänger ....

Frau von? ...

Frau von Sänger, die dritte Gemahlin des alten ehemaligen Rentmeisters von Sänger. Sind nach Randhartingen zurückgereist.

Wohin?

Randhartingen, Excellenz! Dort hinüberzwei Stunden weitrechts beim Ullagrund.

Ah! ... Allerliebste Frau.

Bartusch liess dem Geheimrat Zeit, sich zu besinnen. Er kam, da er eine junge erwähnt hatte, jetzt auf eine ältere.

Die magere? sagte er.

Welche, Excellenz?

Die mit derdie mit demdie ...

Mit den grossen Zähnen, wenn sie lacht ....

Ah!, Ja!

Frau Pfarrer Stromer.

Keine schöne Frau.

Gute Frau. Hat viel Kinder.

Und die starke? Wissen Sie, die kleine runde!

Frau von Reichmeier, die Schwester des Herrn Lasally ...

Nein, die nicht!

Sie meinen die Justizdirectorin von Zeisel, eine geborene von Nutzholz-Dünkerke.

Nutzholz-Dünkerke? Gute Familie! Apropos. Was will denn der famose Stallmeister Lasally hier?

Der Geheimrat fragte fast unmutig und nicht ohne besonderen Nachdruck.

Es ist des Commerzienrats Schwager, Bruder der Frau von Reichmeier, wie Sie vielleicht wissen;