der alten Herren, die in gewissen Schranken sich haltend den Frauen immer gefällt und von den jungen Männern nur zu selten zum Muster genommen wird.
Frau von Zeisel hatte ein zwischen der Malerei und der Küche geteiltes Herz. Ihre Blicke schossen bald auf ihren Nachbar, bald auf die Schüsseln, die die Mägde hereintrugen. Sie erntete alle Anerkennung. Man begrüsste jede neue Speise mit einem Blicke auf die präsidirende Wirtin, die zwar die Würde des Standes im Allgemeinen vortrefflich behauptete, zuweilen aber doch, besonders wenn es sich um Ergänzung der leergewordenen Flaschen handelte, sich hinreissen liess, Winke zu geben, ja sogar selbst einmal fast aufstand, wofür Herr von Zeisel aber den Mut hatte, sie mit einem ernsten Blicke zu bestrafen.
Ackermann beobachtete voll Rührung die Freundschaftsblicke, die Siegbert und Louis zuweilen über den Tisch wechselten. Er war unstreitig der schweigsamste am Tisch. Selma plauderte mehr, als ihm lieb war. Das junge Mädchen, die Blume der Tafel und der eigentliche Mittelpunkt der Gesellschaft, schien nur zu sprechen, um eine innere Aufregung zu verbergen. Oft warf sie einen verstohlenen blick zu Louis und einen ganz flüchtigen zu Siegbert hinüber, der seinerseits von dem Reize dieses frischen Kindes träumerisch gefesselt war.
Oleander, der Vikar, stand natürlich zuerst auf und brachte einen Toast auf den Fürsten. Er nannte Egon von Hohenberg Einen, der auf der Menschheit Höhen ebenso scharfblickend empor, wie niederwärts zu schauen verstünde. Er hat, schloss er in gebundener Rede, er hat des Lebens tiefste Wurzeln aufgesucht, das innere Sein und der Erscheinung Flucht mit Denkerblick erspäht; den Tron der Wolken fand sein Alpenstab und was ihm schon das Schicksal selber gab, er nahm es nur als seines Wanderns Lohn!
Der Beifall war einstimmig. Nur Drossel brachte sogleich, bitter genug, die neuen Wahlen und die geladenen Kanonen auf das Tapet. Es war ein Miston, den Louis und Siegbert, sich gegenseitig bedeutsam ansehend, wohl in der ganzen Dissonanz zu dem Akkord, den Oleander's Worte hervorgerufen hatten, fühlten. Ihre Freundschaft für Egon gab dem Rentmeister Recht, als er Drosseln drohte, den Rand zu halten. Freilich liess der alte Herr auch sogleich eine Anzahl grimmigster Verwünschungen über die Demokratie aufprasseln, die nun endlich in dem Sohne des alten Generalfeldmarschalls ihren rechten Bändiger fände. Er richtete dabei mit einer gewissen Absichtlichkeit, die dem amerikanischgesinnten Ackermann nicht entgehen konnte, ein förmliches Pelotonfeuer gegen die Republikaner, die er mit Stumpf und Stiel ausgerottet verlangte. Auch der Apoteker Sonntag, der Aktuar Weisse und der Ortsvorstand Marx waren ganz derselben Meinung und konnten die Gefahr, die dem staat durch seine neuen demokratischen Grundlagen drohe, nicht bedenklich genug schildern. Herr Anverwandter war zu sehr Fettmasse, um eine Meinung über das Princip der Bewegung zu haben. Herr von Zeisel lavirte. Er meinte, die Politik des Fürsten läge wohl noch nicht ganz offen da. heute' Abend wär' er vorläufig auf die Zeitung gespannt ...
Nicht offen? rief Drossel. Wer mit dieser gemässigten kammer nicht regieren kann, wem selbst solche Moderirte, wie Justus, zu liberal sind, der kann nur mit einer Beamten – kammer regieren oder wird als Absolutist enden, falls sich solche Komödien noch aufführen lassen.
Ja, Herr, rief der Rentmeister, nach Pulver und Blei sollen Sie noch Ihre Puppen tanzen sehen ... Dabei vergoss vorläufig Herr von Sänger schon mehr von dem Rebenblute, als Frau von Zeisel lieb war.
Es ist doch gut, sagte der Arzt Reinick, ein kleiner Mann von schlichtem Aussehen und verständiger Mässigung im Ton und seiner ganzen Haltung, es ist doch gut, dass es dabei ausser toten manche Verwundete geben wird, die man durch unsre Kunst wiederherstellen kann. Man muss auch wieder an die Ärzte denken.
Diese scherzhafte Wendung gefiel Siegbert, der schon in Randhartingen mit dem Doktor Reinick Bekanntschaft gemacht hatte.
Drossel aber stellte gegen die Kanonen gleich auch Kanonen. Er meinte, dass Salpeter überall in der Erde läge, Blei auch und Schiessen wäre jetzt ein Kinderspiel. Die gefüllten Blechbüchsen, die man Kartätschen nenne – wollte er eben sagen –
Herr Drossel! unterbrach ihn aber Frau von Zeisel. Ich bitte mir aus! Hier werden keine Schlachten geliefert und keine Revolutionen gemacht. Essen Sie meine Cotelettes und bewundern Sie meine jungen Gemüse, die ich auch in Blechbüchsen verwahre.
Man musste über den Übergang lachen. Frau von Zeisel verriet, dass sie nicht ohne Verstand war. Ihre eigentliche Absicht merkte aber doch nur ihr Gatte. Er sah, wie die Aufregung des Gelben Hirschwirtes, den man als Mittelpunkt der noch nicht niedergeworfenen Demokratie der ganzen Gegend schonen musste, sich in der Entleerung der in seiner Nähe stehenden Flaschen vorzugsweise zu erkennen gab. Er rechnete, dass, wenn Das so fortginge und sich die Männer hier politische Scharmützel lieferten, mehr Blut fliessen würde, als durch die Adern der disponiblen sechszehn Flaschen rann. Frau von Zeisel begann auch bereits, gewisse auf diese Beobachtung hindeutende Blicke des Herrn von Zeisel zwar mit Ingrimm, aber doch mit weltkundigem Takte zu verstehen. Glücklicherweise zeigte sich Siegbert Wildungen, der Nachbar der Wirtin, von einer mannichfach liebenswürdigen, höflichen, aufmerksamen Seite und erzählte ihr von seiner Absicht, in der Tat den dicken Herrn Anverwandter zu malen und sich längere Zeit in der Gegend zu halten, so viel Fesselndes, dass sie mit einem rasch verklingenden Seufzer die Kellerschlüssel wirklich hinterrücks durch den Stuhl der Bedienung zureichte und den Weinvorrat auf Gnade