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, keine zusammenhängende Antwort mehr geben können, sondern war von Gast zu Gast gewandert und hatte zu Jedem über die Unschicklichkeit der Verspätungen gesprochen. Herr von Zeisel hatte Mühe, sie nur zu beruhigen. Endlich kam ein grosser Vierspänner, aus dem drei Männer stiegen. Herr Anverwandter, ein reicher Gutsbesitzer in Randhartingen, der Ortsvorstand Marx aus Schönau und ein Dritter, den Niemand kannte.

Louis stand gerade im politischen Gespräch mit dem sehr lebhaften, aufgeregten Ökonomen vom gelben Hirsch, Herrn Drossel, als die Tür aufging, der starke Herr Anverwandter eintrat, nach ihm Herr Marx und der Dritte, der von allen Anwesenden wenig Notiz nahm, sondern mit scharfem Blicke sich gleich Louis hervorsuchte ...

Louis wandte sich und erschrak, Siegbert Wildungen zu sehen.

Die Frage: Wie ist Das möglich! ging in der Umarmung verloren.

Die Anwesenden nahmen das lebhafteste Interesse an dieser Begrüssung und waren, als sie den Namen hörten, gleich davon unterrichtet, dass auch dieser junge Maler zu dem engeren Freundeskreise des Fürsten gehörte, dieser Wildungen, der in den vielbesprochenen Johanniterprozess verwickelt war, dessen Kunde schon überall hin gedrungen schien.

Siegbert, auf dem die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen ruhten, erzählte mit wenigen Worten, dass er in dem vier Meilen von hier gelegenen Örtchen Schönau das freundlichste Entgegenkommen gefunden hätte. Herr Marx hätte ihn aufgefordert, mit ihm nach Randhartingen zu fahren und Herrn Anverwandter zum Geschenk für seine Frau, die Herrn Anverwandter's Schwester wäre, zu malen. Er hätte diesen Antrag angenommen, um, flüsterte er Louis mit gedämpfterer stimme zu, in seine Nähe zu kommen, da er vermutet hätte, dass er sich noch auf dem Hohenberg befände.

Eine weitere Auseinandersetzung war nicht möglich, da eben die Aufforderung zu Tische erfolgte. Paarweise schritt man über einen steingepflasterten Corridor nach einem sehr schön gelegenen Eckzimmer, das an freundlicheren Tagen eine herrliche Aussicht in die Ebene bieten musste. Siegbert wurde dabei von der Justizdirektorin wie im Traum entführt, Louis wagte Niemanden die Hand zu bieten. Ackermann gab ihm seinen eigenen Arm; denn Selma, auf die es der Vater für Louis abgesehen hatte, war schon von dem Hauptmann und Rentmeister von Sänger entführt, der trotz seiner Jahre die Frauen liebte, wie sein alter Chef, und schon die dritte Gemahlin hatte. Frau von Sänger, eine hübsche, lebhafte Blondine, schien nicht zufrieden, dass sie mit dem einfachen Doktor Reinick vorlieb nehmen musste.

Auf dem Corridor sagte Ackermann zu Louis:

Wer ist der junge Mann, der mit Herrn Anverwandter kam?

Hörten Sie ihn nicht nennen? sagte Louis. Derselbe Siegbert Wildungen, von dem Sie gestern erzählten, dass Sie ihn als Kind auf den Armen trugen.

Ackermann war von dieser Mitteilung so erschüttert, dass er den Arm sinken liess und sprachlos neben Louis in das helle heitere Esszimmer trat. Starr blieb er hinter dem entferntesten stuhl stehen und richtete den blick auf Siegbert, der seinerseits auch ihn, dessen Kopf ihm so wohlgefiel, flüchtig fixirte.

Frau von Zeisel duldete aber nicht, dass schon Alles Platz nahm; denn gestern Abend schon war ihre sorge gewesen, mit Oleander, den sie deshalb vom Whistspiele dispensirte, gründlichst zu überlegen, wie jeder Gast placirt sein sollte. Der Aktuar Weisse hatte in sauberster Canzleihandschrift alle Zettel geschrieben, die auf den etwas altmodischen Gläsern lagen und Jedes Namen in einer auf Psychologie und die Schule der Höflichkeit begründeten Ordnung möglichst ortographisch wiedergaben. Für Siegbert lag ursprünglich neben einem der fräulein Drossel ein leerer Zettel und Frau von Zeisel hatte Herrn Ackermann neben sich trotz der Rivalität. Gleich aber wusste die kleine Frau diesen Irrtum zu eskamotiren und vertauschte die Zettel so, dass Siegbert Wildungen, der blonde Maler mit den blauen Augen, den frischen Lippen und den weissen Zähnen, die bei seinem geistreichen Lächeln so freundlich hervortraten, an ihre Seite, Ackermann aber zu den Gelben Hirschtöchtern in die Nähe des ultrademokratischen, aber wie man sagte, auch ultrafinanzzerrütteten Ökonomen Drossel kam.

Endlich sass die Gesellschaft zu grosser Beruhigung des Herrn von Zeisel, dem einige gelinde Schweisstropfen schon auf der Stirn standen. Er gab heute ein Diner der Herablassung, ein Diner der Rücksichten, als Stellvertreter des Fürsten, dem Freunde des Fürsten zu Ehre. Es war nur der einzige Adlige, Herr von Sänger, zugegen und auch dieser nur als fürstlicher Rentmeister. Dennoch setzte ihn selbst diese Aufgabe, wo er doch nur gnädig, nur herablassend zu sein brauchte, in Verlegenheit. Er hatte dabei den Takt, Louis Armand neben sich zur Rechten zu setzen und ihm die Unterhaltung der Frau Pfarrerin zuzuweisen.

Frau von Sänger war eine sehr heitre, eine sehr kokette Frau. Sie zeichnete sich durch schöne Gesichtsfarbe aus und erweckte durch ihre Lebendigkeit eine grosse Vorstellung von dem ihr innewohnenden Temperament. Sie pflegte mit der Justizdirektorin in Kleidung, Lebensweise und Neigung zu wetteifern und hatte eigentlich, seitdem Frau von Zeisel Gefallen an Oleander fand, in der ganzen Gegend Niemanden ihres Attachements Würdigeren gefunden, als geradezu Selma's Vater, der wohl im stand war, noch auf mittlere Frauen einen lebhaften Eindruck zu machen. Nun aber war ein junger Franzose, Louis Armand, und ein hübscher Maler, Siegbert Wildungen, in den meist philisterhaften und bequemen Kreis getreten. Da ihrem Stolze denn doch Louis' Stand zu geringfügig erschien, so ergrimmte sie nicht wenig über ihre Rivalin, die den andern neuen Ankömmling so ohne Weiteres schon in Beschlag nahm. Ihr Gatte entfaltete inzwischen gegen Selma jene Liebenswürdigkeit