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, der die Ehre hat, geladen zu sein und weil's wieder unruhig in der Hauptstadt ist

Nur wegen der Wirtschaftsrätin Pfannenstiel und Frau Justizrätin Schlurckfiel Frau von Zeisel berichtigend ein.

Dero- oder deswegen! Wenn Drossel auf die Politik und die neuen Wahlen und die geladenen Kanonen kommt, ladet Der zwei Flaschen mehr für sich allein.

Ich will hoffen, bemerkte Frau von Zeisel, dass er uns mit seinen demokratischen Reden verschonen und sich erinnern wird, bei wem er dinirt. Es hat lange genug gedauert, bis wir uns entschlossen haben ...

Den wahren Grund der Entschliessung, der darin bestand, dass Emmeline und Alwine Drossel, die ältesten Mädchen vom gelben Hirsch, viel hässlicher als die jüngere Lenchen waren und nur als Folie ihrer eignen Reize gebeten wurden, verschwieg Frau von Zeisel, die sich nun erhob, um sechszehn Flaschen, teils Rotteils Gelbsiegel, aus dem Keller zu holen. Schlurck hatte dafür gesorgt, dass sein guter Freund und seine gefällige Freundin in ihren kleinen Weinvorräten anständig ausgestattet waren. Schlurck hatte mit Melanie gemein, dass er gern schenkte und sich von allen seinen Bekannten die Geburtstage merkte.

Nach dieser wirtschaftlichen Erörterung erbat sich Pfannenstiel nur noch einige Augenblicke zu einer amtlichen Wahrnehmung.

Ich habe, sagte er, Ihre gestrige Weisung, auf alle verdächtigen Personen der Umgegend zu wachen, auch dem Förster Heunisch mitgeteilt, Herr Justizdirektor. Bis jetzt ist uns nichts aufgestossen ausser den zwei Arbeitern, die vorgestern mit einem Bauerwagen hier eintrafen und in der Krone abstiegen, um bei Herrn Ackermann's neuen Anlagen Arbeit zu suchen. Ich fragte sie nach ihren Papieren. Sie hatten ganz schöne, neue Pässe und gaben sich der Eine für einen Schlosser, der Andre für einen Klempner an. Genauer besehen, kamen sie mir sonderbar vor. Beides alte Knaben schon. Der Eine, der Schlosser, war sicher schon an die Funfzig. Ihre hände glatt, eher wie zum Spazierengehen als zum arbeiten. Der alte Zeck nahm sie, weil er Arbeit vollauf hat. Heute früh aber hör' ich, schmälte und tobte er, dass sie wenig von rechter Feuerarbeit verstehen, faul und unbeholfen sind und besser täten, weiter zu ziehen. Da haben sie ganz volle, schwere Beutel gezogen und ihr Handgeld zurückzahlen wollen. Zeck aber hat's nicht nehmen wollen, sondern gesagt: Bis Samstag sollten sie's in allerhand kleinen arbeiten abverdienen. Das rief er mir heute zu, als er nach dem Ullagrund ging mit seinem Jungen. Er bat mich, ein Auge auf die beiden alten Kerle zu haben. Ich ging auch zu ihnen in die Schmiede und fand, dass sie in Verlegenheit waren, als ich eintrat. Bis Sonntag, sagt' ich ihnen, könnt ihr noch dableiben! Dann trollt euch! Wir gestatten hier keinen Aufentalt! Dazu zogen sie eine Miene, dass ich fast grimmig wurde. Heunisch rief mir einen guten Morgen zu. Er ging gerade vorüber und wollte auf's Schloss. So kam ich von den beiden Gaunern ab. Ich will sie scharf im Auge behalten.

Tut Das! Tut Das! Pfannenstiel, sagte der Justizdirektor zerstreut. Gebe der Himmel, dass das heutige Diner in Ehren überstanden ist. Es ist elf Uhr. Ich muss mich nun wohl anziehen.

Damit überliess Herr von Zeisel den Staat, die Wahlen, die Krisis, die öffentliche Sicherheit dem Gerichtsboten und Amtsvoigte, der in seine Turmwohnung ging, um sich nun doch auch etwas festmässig anzukleiden. Der Gedanke: alles Das um einen ausländischen Tischlergesellen! liess ihn manchmal erstaunt genug dabei den Kopf schütteln.

Der Mittag kam heran und gleich nach zwölf Uhr geriet ganz Plessen in Bewegung. Die am entferntesten wohnten, kamen früher als die näher Wohnenden. Doktor Reinick war einer der ersten. Er besuchte einige Patienten und Genesene. Leider musste er statt in Plessen in Randhartingen wohnen, weil der Spezereihändler und Apoteker Sonntag dort ein Gut bewirtschaftete und deshalb nicht in Plessen wohnen konnte. Auch Herr Sonntag fuhr in einem kotbespritzten Einspänner vor. Der Wirt in der Krone sah es in seinem hof einmal wieder recht lebendig werden. Drossel aber, der Hirschwirt, jagte mit seinem Einspänner wie im Schuss beim Kronenwirt vorbei. Seine beiden ältesten Töchter sassen neben ihm. Aber hier und da rief er, von der Krone an langsamer fahrend, diesem oder jenem bekannten Bauer zu: Neue Wahlen! Was sagt ihr? Neue Wahlen! Unser Fürst! Neue Wahlen! Kanonen! Wir erleben etwas! Justus hat geschrieben. heute' Abend kommt mehr. Es sieht unten schlimm aus! Schlimm! Hurrah!

Er schickte seinen Einspänner, aus Brotneid, nicht in die Krone, sondern auf einem beschwerlichen, morastigen Wege durch den Wald in die Sägemühle. Der Sägemüller war sein Freund. Sie hatten beide das eigne Schicksal erlebt, dass vor Jahren ihre Schwestern, die den Förster Heunisch heiraten sollten, durch unglückliche Zufälle um's Leben kamen.

Herr Rentmeister von Sänger, ein ehemaliger Offizier und alter Kamerad aus dem Husarenregimente, das nach dem Generalfeldmarschall das Fürstlich Hohenbergische hiess, fuhr mit seiner Frau Gemahlin in einem Zweispänner. Sie stiegen am Amtause aus und liessen, ein Vorrecht alter zeiten benutzend, ihre Kalesche dem schloss zufahren, wo sich leere Remisen und Ställe genug fanden.

Louis Armand im schwarzen Frack, ein leichtes Tuch nicht steif, sondern leicht um den Hals geschlagen, in Stiefeln, die er sich selbst geputzt hatte