1850_Gutzkow_030_623.txt

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Louis sah wohl, dass von diesem Virtuosen im Vertrauen, diesem starken geist der Denkmüdigkeit nichts über die frühern Verhältnisse der Ursula für seinen guten Murray zu gewinnen war. Heunisch stopfte sich eine Pfeife, hing sein Gewehr an die Wand, legte die Jagdtasche ab und sagte nur immer vor sich hin:

Ja, ja, Fränzchen! Ich habe nichts dawider. Sie nehmen dich auch! Das fräulein nimmt dich auch! Der Ackermann ist ein guter Herr! Es ist mir auch so recht. Da sprech' ich im Ullagrund vor und gehe nicht so oft auf den gelben Hirsch. Und wenn Sandrart, der Alte, grob bleibt wie heute, so stopf' ich mir immer bei Ackermann die Pfeife und rauche ihm hinter seinem Zaun gerade auf die Nase.

Dabei lachte Heunisch und machte sich's bequem und sah sich nach seiner Suppe um, die ihm Fränzchen lange nicht so gut zubereitete wie die Ursula, die sich nicht mehr wollte sehen lassen und eigentlich so trotzte, dass Heunisch's Bequemlichkeit darunter litt.

Louis warf Fränzchen beim Gehen einen liebevollen blick zu und flüsterte:

Morgen Nachmittag komm' ich in Wind und Wetter und bringe den Bescheid von Herrn Ackermann. Rüsten Sie sich, dass Sie mir dann gleich folgen können!

Fränzchen dankte mit innigem blick.

Als Louis dem Förster die Hand gegeben hatte, rief ihm dieser nach:

Nehmen Sie den Weg rechts an der Wiese herum und dann links, von der Eiche abwärts. Sie sollten auch einen Stock bei sich tragen. Ich halte Herrn Akkermann's neue Geschichten sehr hoch, aber sie ziehen allerhand Gesindel in die Gegend. Der Justizdirektor hat mir von einem Brief gesprochen, den er aus der Residenz bekommen. Es soll nicht recht geheuer sein. Die beiden Gesellen, die die Zeck's angenommen haben, gefallen mir nicht. Da! In der Ecke steht ein alter Ziegenhainer! Oder wollen Sie einen Hirschfänger?

Louis dankte und meinte, der Baumstamm, den er draussen hätte liegen lassen, täte Dienste genug, wenn's Not am Mann wäre.

Fränzchen, zitternd und aufgeregt, bat den Hirschfänger zu nehmen.

Nein, nein, sagte Louis. Der Ast draussen genügt.

Damit verliess er das unheimliche Haus mit dem tiefsten Mitgefühl für die in ihm zurückbleibende Franziska, die bei aller Bangigkeit ihres Herzens nicht aufhörte, zu ihm aufzublicken wie zu einem verklärten Heiligen, der über den gemeinen und geringen Bedingungen dieses Lebens stand.

Louis kam unangefochten im schloss an. Nichts hatte ihn im wald gestört. Fast seiner selbstspottend warf er am fuss des Hohenberges den schützenden Ast von sich.

Das gemeinschaftliche Wohnzimmer sah Louis, den Berg emporsteigend, hell durch die Nacht schimmern. Es schlug sieben Uhr, als er bei Murray eintrat.

Unwillkürlich musste er die Tür auflassen, die er in der Hand hielt.

Himmel, rief er, was machen Sie, Murray? Hier ist ja eine Hitze zum Ersticken.

Ich habe so stark geheizt, sagte Murray, um mir einen alten Schlüssel, den mir Brigitte gab, so zu feilen und zu schmelzen, dass ich ihn zum Umdrehen der Wirbel des Klaviers brauchen kann. Es will nicht gehen und ich möchte doch Wohllaut im Ohre haben.

Kommen Sie heraus, ich beschwöre Sie, sagte Louis, das ist von dem glühenden Ofen eine Hitze, die Ihnen für den ganzen Winter einen Katarrh zuzieht!

Murray öffnete die Fenster und kam, da Louis wirklich nicht eintreten mochte, in's Vorzimmer.

Sie müssen Ihrer Liebe zur Musik und der notwendigkeit, sich in Ihrer Einsamkeit zu unterhalten, ein Opfer bringen und mir erlauben, diese Arbeit unten in der Schmiede verrichten zu lassen. Umsomehr, als ich nach meinen heutigen Entdeckungen auch kein andres Mittel weiss, Ihre Nachforschung anzustellen, als zuvörderst bei den Zeck's im dorf.

Louis gab einen Bericht über seine reichen Erlebnisse ...

Murray folgte mit Teilnahme und verweilte mit grosser Rührung bei Dem, was Louis über Ackermann erzählte.

Ja, ja, sagte er. Das ist Ackermann selbst, der in Amerika einen andern Namen führte und nicht weiss, was mich zu ihm zog und wen ich in ihm, was er in mir wiederfand!

Zu hören, dass Otto von Dystra in Europa war, machte ihm keine Besorgniss, eher Freude ...

Ackermann hat Recht, sagte er, wenn er diesen Sonderling einen Epikuräer des Geistes nennt. Ich kenne keinen Gerichtshof der Welt, wo man leichteren Stand hätte als vor diesem Äsop. Er kommt mir wie eines jener Asyle vor, in welchen die Verbrecher vor der Hand der Gerechtigkeit gesichert waren.

Erschreckend wirkte auf Murray, was Louis aus dem Jägerhause erzählte.

Ich erkenne, sagte er, die dämonische natur meiner Schwester. Sie war die Älteste von uns. Was sie gab, drückte mehr als es erfreute. Sie hatte schwarze Augen, ganz beschattet von dichten Brauen und hielt mit Niemanden Freundschaft, da Alles schon vor ihrem Blicke floh. Dennoch besass sie gute Eigenschaften. Sie war gefällig, dienstergeben, treu bis zur Last. Sollten alle diese Keime besserer Regung in kalte Versteinerung übergegangen sein? Jetzt scheint sie geistesschwach zu sein. Wenn sie das Gedächtniss verloren hätte!

Indem kam Brigitte mit dem Tee. Sie hatte vom Justizdirektor hundert Empfehlungen auszurichten und auf's neue zu mahnen, dass die Herren die morgende Einladung nicht vergessen möchten. Nachdem sie die Fenster mit erlaubnis geschlossen und sich wegen des