liebe Franziska! Was war Ihnen?
Franziska erzählte nun mit gedämpfter stimme, immer nach oben blickend, dass sie seit ihrer Anwesenheit im Forstause die alte Ursula nicht erblickt hätte. Wie sie aber vorhin allein gewesen, verlassen von dem Onkel, der auf der Jagd pirsche, wäre die Alte, die sie im Bette geglaubt hätte, herabgeschritten feierlich mit einem Lichte in der Hand, lang und hager, wie ein Gespenst. Mit hohlen Augen wäre sie eingetreten, an jenen Schrank gegangen, hätte den aufschliessen wollen, dann aber wäre sie herangetreten, das Licht gegen sie haltend. Ohne zu sprechen, ohne sie zu begrüssen, wäre sie dicht an sie herangeschlichen, dass sie im ersten Schreck hätte glauben müssen, sie beabsichtige ihr, und wenn nur durch Anhauchen, ein Leids zuzufügen. Da hätte sie, wie sie dicht an ihrem mund gewesen wäre, aufschreien müssen, wie in Todesgefahr. Die Alte wäre nun zurückgegangen, hätte sich an die Tür gestellt und ein lautes lachen aufgeschlagen. So hätte sie während einiger fürchterlichen Minuten gestanden, dann wäre sie noch einmal gekommen, in derselben geraden Linie auf sie zu, mit derselben starren Miene, wieder das Licht gegen sie hinhaltend, um sie zu erkennen. In der Angst ihres Herzens hätte sie hülfe rufen müssen, da wäre in der Ferne ihr Name von Louis gerufen worden, die Alte hätte wieder wie eine Irre gelacht und dann sie verlassen, um nach oben auf ihre kammer zurückzukehren.
Franziska verstärkte den ängstlichen Eindruck, den auch Louis von diesem Vorfalle empfing, durch die Erinnerungen an ihre Jugend, die sie ihm erzählte. Sie behauptete, dass sie glaube, die Alte möge in diesem haus Niemand dulden und hätte trotz ihrer Jahre eine Art Eifersucht auf Jeden, der ihr die alleinige herrschaft über den bequemen Onkel, der sie einst hätte heiraten sollen, streitig machen würde.
Louis fand es geratener, dass Franziska wohl in der Nähe, aber nun nicht selbst im Jägerhause länger bliebe. Er schlug ihr vor, morgen mit Ackermann zu sprechen und diesen einsichtsvollen, freundlichen Mann zu bewegen, sie in sein Haus zu nehmen. Freilich, setzte er, als Franziska freudig einstimmte, hinzu:
Sie werden, liebe Freundin, dort in der Nähe des alten Sandrart sein, der nicht Ihr gönner ist!
Und ich bin nicht seine Gönnerin, sagte Franziska, die von ihrer beklommenen Stimmung aufzuatmen begann. Erwähnen Sie doch diesen Namen nicht!
Franziska, Sie wissen, dass Heinrich vermögend ist und Ihnen eine glänzende Zukunft bieten kann!
Ich mag ihn nicht! Es ist schlimm, wenn ein Mann zu wenig Herz hat, aber noch schlimmer lässt's ihm, hat er zu viel.
Wie beschämt steh' ich vor Ihnen da, Franziska! Sie kennen die Freundschaft –
Der Onkel kommt! sprach Franziska und sprang zur Tür hinaus.
Louis verwünschte die Störung. Er hatte sich erklären wollen. Er hatte endlich das entscheidende Wort der Liebe auf den Lippen. Die Reflexionen waren von ihm gewichen. Die Einsamkeit des Waldes, die Nähe des blühenden Mädchens, ihre Freude, ihn zu sehen, von ihm aus einer peinlichen Lage befreit zu werden, die sanfte Hand, die, kalt geworden von dem nach dem Herzen gedrängten Blute, sich in der seinen erwärmte ... Das Alles sprach ihm so viel Mut und Ermunterung zu, dass er endlich ein festes und sicheres Verständniss zwischen sich und dem Mädchen begründen wollte. Wieder vergebens! Jeder Andere hätte kühn mit einer einzigen Umarmung diesem peinlichen Zustande ein Ende gemacht. Das konnte Louis Armand nicht. dafür war er zu sehr ein Hamlet des Herzens, die Blässe des Gedankens kränkelte seine Empfindungen an. Er konnte in Dingen, die eine so grosse Lebensänderung würden nach sich gezogen haben, wie diese Erklärung seiner Liebe für Fränzchen Heunisch, nicht aus einer gewissen Pedanterei, einer zaghaften Scheu heraus, wie im grund so viele junge Männer, die, wie uns die Leserinnen bestätigen werden, schon lange nicht mehr den "Mut der Erklärung" haben.
Heunisch hatte, da der Wind nicht nach seiner Richtung stand, von dem Schrei nichts gehört und war nicht wenig erstaunt, als ihm Louis den Vorfall erzählte und daran die notwendige Überzeugung knüpfte, dass der Förster seine Nichte aus dem haus geben sollte. Der Vorschlag mit Ackermann gefiel ihm, der Nähe Sandrart's wegen, sehr wohl, obgleich er diesen Grund nicht aussprach.
Die Ursula, dachte' ich mir gleich, sagte unser alter Freund in seinem sorglosen bequemen Tone, die Ursula hat nur eine verstellte Krankheit. Sie ist tückisch, weil sie Niemanden im haus leiden mag. Das ist nun ein Kreuz, das man tragen muss. Glücklicherweise ist Liebe damit verbunden. Sie meint es gut.
Louis zweifelte.
Gegen mich gewiss! fuhr der Jäger fort. Sie hat mich ordentlich in Pacht genommen. Ich bin ihr Herzblatt, ihre Augenweide. Es ist wahr, sie hat oft einen blick, als wollte sie damit die Ratten vergiften, aber mich blinzelt sie an wie eine verliebte Katze. Urschel, Urschel, ich muss doch noch ein Ende machen und dich in die Kirche führen!
Wissen Sie nichts vom frühern Leben dieser Frau? forschte Louis und gedachte seines im schloss harrenden Murray ...
Heunisch plauderte was wir wissen, vom Doktor Lehmann, vom blinden Schmied, ja sogar von der Erbschaft und schloss:
Sie kurirt jede Rose und jeden steifen Hals renkt sie ein