dicht an ihr vorüberging. Sie lag tief. Die Dächer waren breit und gedrückt. Ohne Zweifel wurden geschnittene Dielen unter ihnen aufbewahrt. Da lagen Blöcke vom Regen durchfeuchtet, die frischgesägten Breter schimmerten durch die Dämmerung. Doch schwieg die Mühle. Alles schien hier wie ausgestorben. Nur weniges kaum hörbares Leben deutete auf Bewohner.
Louis fand hier die beiden Wege, von denen Ackermann's Knecht gesprochen hatte. Der eine ging an dem Waldbache entlang, der andre stieg aufwärts und folgte immer dem bald höheren, bald sich senkenden Felsufer dieses Baches.
Louis ging den letzteren. Er war trockner, aber beschwerlich und nicht ganz ohne Gefahr. Steine lagen links und rechts im Wege und leicht konnte man bei einem Fehltritt ausgleiten und in den Waldbach stürzen. Sich in die Verspätung ergebend, schritt er langsam vorwärts und suchte das schwarze Kreuz auf, von dem Oleander und der Knecht gesprochen hatten.
Er fand es endlich. Eine Inschrift, die darauf zu lesen war, konnte er nicht mehr erkennen. Er riet auf einen Unglücksfall, der sich hier einst ereignet haben musste und nahm das Kreuz umsomehr für eine Warnung vorsichtig zu sein, als gerade hier unter dem Vorsprunge, auf dem das Zeichen errichtet war, der Waldbach ein tieferes Bett gewonnen zu haben schien und wild im Strudel rauschte und schäumte.
Wie er noch so stand und dem Winde lauschte, der die Bäume schüttelte, war ihm, als hörte er einen Schrei aus weitester Ferne von der Luft herübergetragen. Im ersten Augenblick bebte er zusammen. Es war ein einziger schreckhaft hervorgestossener Ton, den er nicht von den krachenden Zweigen, nicht von einem Vogel herleiten konnte. Es war ein Ton aus menschlicher Brust.
Wie er entsetzt lauschte, ob sich der Ruf wiederholen würde, und nichts hörte als nur den Wind, nur das Rauschen des Waldbaches, glaubte er doch, dass er sich geirrt hätte und setzte beruhigter seine Wanderung fort.
Sie war jetzt nicht mehr so schwierig. Von dem Kreuze führte ein gepflegterer Weg abwärts. Rüstig schritt er vorwärts und hatte die Freude, deutlich von Plessen herüber die Kirchturmuhr fünf schlagen zu hören. Nun wusste er, dass er in der Nähe des Jägerhauses war. Schon glaubte er sich zurecht zu finden. Die jenseitige Wand des Waldbaches war eine schroffe mit Bäumen besetzte Anhöhe, das diesseitige Ufer führte zuweilen schon durch Weideplätze, grüne Moos- und Grasstellen. Zuletzt stand er an einer kleinen brücke von Erlenholz. Der Waldbach schweifte links ab nach Plessen zu. Er kannte diese Biegung und nahm keinen Anstand über die kleine brücke hinüber zu schreiten und sich von dem Flüsschen ganz zu trennen.
Ein bestimmter fester Glaube führte ihn den Weg, den er für den richtigen und den zum Forstause leitenden erkannte. Um so entsetzlicher musste es für ihn sein, als er nach einigen Minuten raschen Fortwanderns wieder jenen Ton hörte, der ihn schon oben an dem schwarzen Kreuze erschreckt hatte. Jetzt war es sicher kein sich biegender Ast, kein Vogel mehr. Es war eine menschliche stimme, die einen erstickten Entsetzensschrei hören liess. Es ist Franziska! sagte sich seine aufgeregte Phantasie. Sie ruft um hülfe! Und ohne die Gefahr zu achten, dass er in der Dunkelheit gegen einen Baum anrennen konnte, stürzte er in die Nacht hinaus, vertrauend, er würde zum Ziele kommen. Er rannte gegen Gesträuche und hielt einen Ast in der Hand. Er brach ihn, so stark er war, mit gewaltiger Kraft von seinem Stamme los, um eine Waffe zu haben. So stürmte er fort und rief mit einer Löwenstimme: Franchette! Franchette! dass es im wald schauerlich widerhallte.
Endlich lichtete sich der Weg. Da lag die Wiese! Da lag das Jägerhaus! Ein Lichtchen brannte an Franziska's Fenster. Quer über das sumpfige Grün hinweg! Franchette! Franchette! Die Hunde bellten im Forstause. Fränzchen lebte. Sie öffnete das Fenster.
Louis! Ach, Gott! Sind Sie's!
In demselben Augenblicke fiel in der Ferne ein Schuss.
Das ist der Onkel! sagte sie, als sie todtenbleich draussen schon an der Tür in Louis' Armen lag.
Was ist geschehen?
Kommen Sie! Kommen Sie! sagte Franziska und zog Louis in das Jägerhaus, einen entsetzten blick auf die Treppe hinwerfend, an der sie vorüberhuschte.
Wie sie mit Louis im Zimmer war, wo ein Lämpchen brannte, riegelte sie die Tür zu und fiel erschöpft auf einen Lehnstuhl, der in der Nähe des Fensters stand. Das Fenster war noch offen und wurde von Louis sogleich geschlossen.
Ich kann in dem haus nicht bleiben, begann Fränzchen, als sie sich gesammelt hatte. Alle Gespenster aus der frühern Zeit, dass ich hier war, stehen wieder vor mir. Ich muss fort.
Was war Das nur, Franziska? Sie riefen um hülfe? War hier ein Überfall?
Rief ich um hülfe? Ich weiss es nicht.
Wer war hier? Ich bitte Sie! Und jener Schuss?
Fränzchen antwortete nicht, sondern blickte sich nur scheu um und horchte nach oben hinauf.
Als sie Louis inständiger um Aufklärung bat, lächelte Fränzchen und fragte: Hab' ich so laut gerufen?
In der Stille des Waldes hört' ich es über tausend Schritte weit.
Das tröstet mich etwas und beruhigt mich für die Zukunft – nein, nein, ich kann nicht bleiben! Ich fürchte mich zu tod. Und doch geschah hier eigentlich gar nichts.
Was haben Sie,