einer Bank unter dem Fenster hinaufgestiegen war und ihm einen Kuss gegeben hatte, ein schönes Bild ihres Schutzpatrons. Bald hatte der glückliche einen solchen Zulauf von allen Schönen der Umgegend, dass er die ganze Bücherei zerschnitt, bis die Klosterbrüder dahinter kamen und er seine Liebe zu den schönen Mädchen und seine Misachtung der Wissenschaft durch lange, lange Leiden teuer bezahlen musste.
Die geschichte kenn' ich, sagte Oleander. Sie endet besonders gut mit dem naiven Geständnisse des verliebten Bibliotekars, dass ja in der Bibel alle Bücher der Welt entalten wären. Ja, ja, um die Poesie möchte der Dichter auch alle Weisheit der Welt hingeben, alle Sprachen und alle andern Künste.
Nach einem längern Gespräch, in welchem sich Louis Armand wohlweislich hütete, seine eigenen Verse zu erwähnen, fragte er Oleander, wo er herstamme, ob nicht seine Geburt auf das südliche Deutschland verweise.
Wohl! sagte Oleander. Ich bin auf der schwäbischen Alb geboren ...
Louis war nicht Geograph genug, um die schwäbische Alb sogleich im Königreich Württemberg unterzubringen. Er liess also nur so obenhin die Bemerkung fallen, dass auch er von einer Deutschen herstamme, Namens Anna Oleander ...
Und nun hatte er die Freude zu vernehmen, dass Oleander sogleich mit der Frage einfiel, ob er jene Oleander meine, die den flüchtigen Polen Taddäus Kaminski heiratete und mit ihm nach Frankreich zog?
Dieselbe! sagte Louis Armand. Es sind meine Grosseltern ...
Diese Entdeckung brachte die gefährten inniger zusammen. Zwar war die Verwandtschaft sehr entfernt, aber sie bot doch gelegenheit zum Austausch mancher Frage, mancher wohltuenden Antwort. Louis Armand fühlte sich heimischer und Oleandern bot diese seltsame überraschende Begegnung einen solchen Fernblick in fremdes Leben, fremde Sitte, dass er sich bei seinem naiven Sinne kaum fassen, kaum beruhigen konnte.
Als Louis endlich den Wunsch äusserte, ob man nicht hier auf kürzerem Wege nach dem Forstause einlenken könnte, wollte Oleander, da es nur einen Fusssteig dortin gab, aussteigen und ihn begleiten. Louis lehnte diese gefälligkeit ab und begnügte sich mit des Vikars genauerer Beschreibung. Es hiess, dieser Weg führe an der Sägemühle vorüber, dann an das sogenannte schwarze Kreuz und von da in wenig Hundert Schritten auf das Jägerhaus.
Louis stieg aus. Oleander gab ihm herzlich, noch immer überrascht von der entfernten Verwandtschaft, die Hand. Der Knecht schlug anfangs eine Erkenntlichkeit, die ihm Louis anbot, aus, dann nahm er sie, gab aber Louis dafür noch den Rat, sich von der Sägemühle an, immer oben auf dem Felsenwege, nicht unten an dem Waldbach zu halten. Nur gerade auf das schwarze Kreuz zu! sagte er und dann bergab. Da wird's trockner sein bis zum Jägerhaus.
Louis hörte, wie er schon auf dem Seitenwege wandelte, noch in der Ferne das Knallen der Peitsche und den Widerhall des rasch dahinrollenden kleinen Wagens.
Es war schon dunkel, als er sich der Bergwand näherte. Es trieb ihn mit einer unerklärlichen sehnsucht zu Franziska. Mit Gewalt drängte er die neugeweckte Teilnahme für Heinrich Sandrart zurück.
Warum soll ich es nicht wagen, sprach er zu sich, endlich das entscheidende Wort zu sprechen, das schon so oft auf meinen Lippen lag! Kann ich es länger vor ihr und dem Onkel verbergen! Ich werde in Deutschland bleiben, diesem Boden, der meine mütterliche Heimat ist. Wie fühl' ich mich in dies neue Leben so wunderbar schnell hinein! Wie traulich sprechen mich alle diese Menschen an! Wie wecken sie in mir das Tiefste und mildern meine Leidenschaften, statt sie aufzuregen!
Wohl mahnte den jungen Mann der Ruf seiner sozialen Bestrebungen. Doch seit dem Abend, wo Dankmar den Bund der Ritter vom geist begründet und die Aufgabe jedes gesinnungsvollen Menschen als nicht zu unmittelbar, nicht zu dringend herausfordernd dargestellt hatte, war eine grosse Beruhigung über ihn gekommen.
Er fühlte, wie sonst, lebhaft für die Sache des Volkes, aber es trieb ihn nicht mehr so gewaltsam, gleichsam den ersten besten Stein, der ihm nahe lag, zu heben und auf die Feinde des Erdenglückes zu schleudern. Wie sehnte er sich nach Siegbert und Dankmar, denen jetzt sein Herz mehr gehörte, als Egon, der so Vieles tat, sich seine Freunde zu entfremden! In der Ausmalung seiner nächsten Aufgabe, für Murray bei Zeck oder der Ursula Nachforschungen anzustellen nach dem kind jener kalten vornehmen Dame und dann nach einem offnen Bekenntnisse seiner Liebe von Franziska für den Winter Abschied zu nehmen und in die Residenz zurückzukehren, schritt er rüstig vorwärts und achtete des Dunkels nicht, das sich inzwischen ganz über die stille, trauernde Gegend herabgesenkt hatte.
Er war im Wald. Das Grün der Tannen verscheuchte hier die Vorstellung vom herangenahten Winter. Am fuss der entlaubten Bäume, die hier und da noch zwischen den Tannen standen, grünte unbekümmert vor dem Herbste das immergrüne Moos. Der Weg war viel fester als im feld. Wo man dort einsank, wurde man hier durch die weitgestreckten, aus dem Boden hervorstehenden Wurzeln der Bäume oder durch das zusammengeballte Laub im Gehen erleichtert. Fröhlich pfiff Louis leichte Liedchen vor sich hin und suchte mit seinem spähenden Auge in der Ferne irgend ein Licht, oder mit dem scharfen Ohre irgend einen Schall, wenigstens von den Rädern der Sägemühle.
Bald hörte er das Bellen eines Hundes, bald auch das Rauschen des Waldbaches, der die Sägemühle trieb. Es war so finster geworden, dass er diese einsame Niederlassung erst erblickte, als er