finden, wo man sich in etwas, seiner natur und Neigung Widersprechendes, aber objectiv als gut und vollkommen Anerkanntes hineinlebt und in der Pflichterfüllung eine süsse Freude geniesst.
Bei diesen Worten öffnete sich die Tür. Selma und Oleander traten ein. Dieser, um für heute Abschied zu nehmen, Jene, um zu fragen, ob es nun für morgen bestimmt dabei bliebe, dass sie im Plessener Amtshause zu Tische wären?
Warum nicht? sagte Ackermann. Gewiss, gewiss! Sagen Sie der Justizdirectorin zu, dass wir kommen.
Damit begleitete er die Scheidenden an den Wagen, der ihm gehörte. Die kleine Hedwig musste auf Selma's Verlangen Grüsse an die Mutter und Geschwister bestellen. Louis bat Selma, sie möchte sich der rauhen Luft nicht aussetzen und in das Haus zurücktreten. Sie war erhitzt. Ihre Farben glühten wie vom Pinsel des Malers aufgesetzt. Louis nahm noch einmal den vollen Eindruck ihrer Anmut hin, dankend für die freundliche Aufnahme, versicherte, dass er Egon auf ihren Wunsch die Lection lesen würde für seine Urteile über Amerika und fuhr dann mit dem wieder schweigsam gewordenen Oleander, begleitet auch noch von einem zutunlichen Nachnicken der etwas dreisten Magd aus dem Heidekruge, über den Hof auf die Strasse hinaus, die sie heute früh gekommen waren.
Sechstes Capitel
Waldeinsamkeit im Winter
Regnerische Herbsttage enden oft mit einem Abend, wo sich der Himmel aufklärt und ein roter Streifen am westlichen Horizont die scharfe, gereinigte Luft verkündet, die nun bald den ganzen Winter bringen wird.
Ein solcher roter Streifen lag weit über die Ebene hin, die sich vom Ullagrunde immer mehr niedersenkte und nur noch bei Plessen und Hohenberg einmal in die Höhe stieg.
Louis konnte dem Drange nicht Einhalt tun, sich über diesen Empfang und diese beiden Wesen, Vater und Tochter, mit voller Teilnahme auszusprechen. Er sagte, wenn Selma in dem geist ihres Vaters reife, müsste sie ein weibliches Ideal werden.
Es war nicht ganz der Widerschein des Abendhimmels, dass Oleander's Wange bei diesen Worten dunkel erglühte.
Da Sie Dichter sind, sagte Louis, haben Sie in Ihrer Schülerin eine Muse, die Sie zu manchem Verse begeistern wird. Darf ich Sie nicht bitten, mir einmal einige Mitteilungen Ihres Talentes zu machen?
Besuchen Sie mich in einer Abendstunde, sagte Oleander. Am Tage hab' ich oft in der Frühe die Plessener Schule zu besuchen, an zwei Wochentagen ist Religionsunterricht, dann fahr' ich auf den Ullagrund, finde Abends heimgekehrt noch manche amtliche Pflicht, Samstags bereit' ich mich auf meine Predigt vor, so kann ich nur des späten Abends mich mit dem Niederschreiben der Verse beschäftigen, die mir freilich schon den ganzen Tag wie mouches volantes vor den Augen tanzen.
Suchen oder finden Sie Ihre Ideen? fragte Louis, dem es lehrreich war, in die Werkstatt einer Kunst zu blicken, die er mehr als Naturalist und nur des Tendenzzweckes wegen trieb. Man hatte ihm auch schon den Unsinn beweisen wollen, dass die Tendenz mit der Poesie unvereinbar wäre oder die Schwingen des Talentes nicht in reine Sphären tragen könne.
Ich suche die Ausführung, antwortete Oleander, aber ich finde die Veranlassung. Beim Ausführen muss der Verstand helfen. Das Finden ist zufällige Anregung. Ich möchte diesen Zustand mit dem blick in den Nachtimmel vergleichen, wo plötzlich von den Sternen uns ein Lichtglanz abzufallen scheint. Die besten Gedichte müssen solche Sternschnuppen sein.
Aber im August und November, sagte Louis nicht ohne Feinheit, fallen die Sternschnuppen mit einer gewissen Regelmässigkeit. Dann muss es Gedichte geben, man mag wollen oder nicht. Ist nicht die Liebe eine solche ewige August- und Novembernacht des Dichters?
Oleander, der eine tiefe Neigung für Selma gefasst zu haben schien, schwieg fast verlegen.
Nach einer Weile wiederholte er seine frühere Aufforderung:
Wenn Sie noch eine Weile bei uns bleiben, kommen Sie einmal des Abends auf mein Stübchen. Ich will Ihnen dann etwas von meinen Versen lesen. Das Beste wird wohl vorläufig daran sein, dass ich sie alle sehr zierlich in ein Buch eintrage, das ich früher für gelehrte Zwecke bestimmte. Da steht immer eine lateinische Phrase auf dem Anfang des Blattes und hinterher folgen meine deutschen Reimereien.
Das erinnert mich, sagte Louis, an jenen jungen Mönch, den die Brüder seines Klosters zum Vorsteher der Bücherei gemacht hatten. Er sass unter all' den heiligen Werken und sollte sie durch Abschriften noch vermehren. Am Fenster vor den bunten Scheiben stand ein Lindenbaum, dessen Zweige schattig und kühlend in die Bücherei fielen. Da stand sein Tisch, da am Fenster sollte er schreiben. Nun aber kamen die jungen, hübschen Mädchen am Kloster vorüber und Alle grüssten den jungen Schreiber. Wie gern hätt' er sie aufgehalten! Wie gern mit ihnen geplaudert! Von seiner Liebe durfte der arme ja nicht sprechen und doch plauderte er so gern mit der Jugend und der Schönheit. So suchte er sie anfangs mit dem Lindenbaum zu fesseln und pries ihn als so kühl und schattig. Setzt Euch doch! Aber sie gingen bald wieder fort, die jungen Mädchen. Dann pries er den Gesang der Vögel in dem Baume. Aber sie zwitscherten nicht gerade dann immer, wenn die hübschen Mädchen kamen.
Da nahm er die alten Legendenbücher mit den bunten kostbaren Buchstaben und den herrlichen Heiligen auf Pergament gemalt. Jede, die nun kam und vorüber wollte, fragte er: wer ihr Schutzpatron wäre und Jeder schenkte er, wenn sie mit ihm geplaudert hatte und auch wohl an