schöner, lieblicher, edler als meine Herrin waren. Ich genoss kurze Triumphe meiner Freiheit und musste doch zu meinem Joch zurückkehren, denn ein eigner Zufall wollte, dass meine Gebieterin von der festen Vorstellung beherrscht war, dass sie früh sterben würde. Ich kann Ihnen den ganzen Roman meines Herzens nicht erzählen. Nur andeuten wollt' ich, was mir dies Leben da in den Städten und unter den civilisirten Menschen zum Ekel vergällte. Ich fand ein kindlich reines Gemüt, das mich liebte, die Mutter meiner Selma. Es war eine einfache Weiblichkeit, die nichts zu bieten hatte als sich selbst. Wie fühlt' ich mich veredelt von ihrer reinen Ursprünglichkeit! Da lag noch Alles unentweiht in der jugendlichen Brust, nichts vergeudet, nichts angegriffen von Dem, was zu ihren edelsten Schätzen gehörte. Ich fühlte wohl, dass bei diesem jungen kind, das durch eine sonderbare Fügung von meiner früheren Geliebten systematisch dahin erzogen wurde, mich liebenswert zu finden und ihr Grauen vor mir zu besiegen, ich fühlte wohl, dass eine bedeutende, ihre Umgebungen umgestaltende entwicklung bei Selma's Mutter nie eintreten würde, aber gerade, dass ich ihr so viel von dem Meinen zu geben hatte und dass es nur das Gute war, was ich aus meinem Wesen ausscheiden musste zu ihrem Dienste, das hob mich wieder sittlich empor und bestärkte mich in meinem Entschluss, mir eine grosse, starke, lebenerschütternde Läuterung aufzulegen. Ich ging nach Amerika. Da hab' ich am Missouri einsam gelebt und mir die Reste der besseren Bestimmung noch wohlweise und sorglich einmal zusammengelegt. Es gab ein Ganzes! Es war nichts Halbes mehr, was mich erfüllte. Ich lebte einem Berufe, der mir anfangs schwer wurde, dann mich aber unterhielt, mich sogar begütert werden liess. Ich sah wohl, dass Selma's Mutter durch die Trennung litt. Da hatte' ich eine geistige Aufgabe zu lösen, einen Mollton durch unser Leben durchzuführen. Auch dieser Schmerz dessen Ursache ich sogleich doch nicht aufheben konnte, wirkte milde und gut. Ich verwies auf zukünftige Hoffnung und versprach Rückkehr nach Europa. Die Gute erlebte sie nicht. So musst' ich ihrem kind, Selma, mein Wort halten. Ich kehrte ungern zurück. Aber wenn ich diese Ehrenschuld, die ich abzutragen hatte, gern bezahlen soll, so musst' es so kommen, wie jetzt! Ich bin ein Ascetiker der Weltlichkeit! Ich bin ein Egoist der Universalität! Ich weiss nicht, ob ich Ihnen verständlich bin. Ich will nur sagen, dass ich in meinem kleinen Dasein das ganze All wiederzuspiegeln suche und nichts tue, nichts im Geringsten und Kleinsten ergreife, ohne mir zu sagen: Das muss so sein! Das ist gut so! Die alte Zeit, wo mir Alles nur provisorisch war, wo ich immer rannte, hoffte, mich und Andre vertröstete, liegt hinter mir. Was ich beginne, ist nützlich, und was ich sehe und erlebe, ist gut. Ich will nichts mehr vom Überfliegenden. Da jenen Strauch an diesem Fenster zu beobachten, wie lange ihn der Schnee decken wird und wann er sein erstes grünes Keimchen schiessen wird, Das ist mir eine Wonne, und auf solche Freuden beschränk' ich mich. So sehen Sie denn, dass ich mit Bauern bäurisch, mit Handwerkern handwerksmässig, mit Dichtern dichterisch empfinden und reden kann, ohne verdriesslich zu werden und wie in jungen zeiten etwa mein Schicksal zu beklagen.
So sprach Ackermann ...
Hätte ihn Pauline von Harder reden hören, den geliebten Heinrich Rodewald, sie würde doch vor Wehmut und Wonne gezittert haben, ob er sie gleich anklagte. Sie besass die Fähigkeit, auch diese Grösse seiner Worte zu verstehen ...
Louis Armand musste während dieser ihn ehrenden Geständnisse eines solchen Mannes an Murray denken. Es war derselbe Geist der Reue, der beide Männer ergriffen hatte, hervorgegangen aus unähnlichen Zuständen. Er hätte gern gewünscht zu wissen, ob in Ackermann die religiöse Färbung seiner Gefühle auch so stark war, wie bei dem ehemaligen, in sich gekehrten, leichtsinnigen Verbrecher. Deshalb warf er das Wort hin:
Die strebende Jugend, die nicht ruhen kann, muss Sie um diese Läuterung beneiden. Sollte man diese Weisheit, zu der Sie sich aufgeschwungen haben, nicht Religion nennen?
Es ist meine Religion, erwiderte Ackermann, mich gebunden zu fühlen. Früher war die Ungebundenheit meine Religion. Ich bin noch rüstig, ich fühle die Kraft in mir, mit Vielen in der grossen Welt einen Wettlauf zu beginnen. Ich würde mich aber verachten, wenn ich ihn anträte. Religion ist das als eine Lebensnotwendigkeit tiefempfundene Gefühl der Abhängigkeit. Freilich die meisten Religiösen machen aus der tiefempfundenen Tatsache ein tiefempfundenes Bedürfniss dieser Tatsache. Das kann ich nicht! Diese Religiosität, die an sich schon das Bedürfniss der Schranke hat, das Bedürfniss der Gebundenheit, ist Schwärmerei und mit Schwärmerei ist Gefahr verbunden. Diese Art von Religiösen spricht von Läuterungen und läutert sich meist nur durch Das, was ihnen grössres Wohlgefallen verursacht. Ich kannte eine Frau, die sich für die Sünden ihrer Jugend dadurch läutern wollte, dass sie die Feder ergriff und schrieb. Lieber Himmel, die Zeit der Blüte war vorüber. Sie hatte gut sich läutern durch etwas, was ihr einen neuen Lebensreiz bot. Ich kannte Andre, die sich läuterten, indem sie aus unsrer Kirche in die Ihrige übertraten. Die Wollust des Geistes spielt mit der der Sinne geheimnissvoll zusammen.
Eine Läuterung kann ich nur da