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dadurch gelegenheit, die Eindrücke dieses Besuches noch einmal zusammenzufassen, für die freundliche Aufnahme zu danken und Ackermann den glücklichsten Fortgang seiner Unternehmungen zu wünschen.

Empfehlen Sie mich dem Fürsten, sagte Ackermann, indem er Louis' Hand ergriff, sagen Sie ihm, dass ich mich bemühen werde, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Zu Neujahr treffen die Hülfsmittel meiner künftigen Tätigkeit ein. Sehen Sie, der elende und geringe Sinn, den Sie bei jenem Bauer, meinem Nachbar, gefunden haben, ist er nicht eine Folge der elenden und geringen Hülfsmittel, mit welchen man bisher der natur ihre Geheimnisse, die sie ungern hergibt, zu entlocken suchte? Da wo der Mensch und immer nur der Mensch allein, höchstens mit einem dummen Stiere, einem geduldigen Pferd der grossen allgewaltigen natur gegenübersteht und sie sich allerdings in gewissem Sinne dienstbar macht, da wächst auch der Dünkel, der Hochmut, wenn nun wirklich diese kleinen Handgriffe gelingen und sich ihre Erträgnisse in Geld verwandeln, das man nicht zu benutzen versteht. Sagen Sie dem Fürsten ... doch ich spreche Sie ja morgen noch! Wie lange denken Sie zu bleiben?

Wenn Egon leidet, sagte Louis, wenn ich höre, dass ihn sein politisches System vielleicht zu gewaltsamen Schritten treibt, so hab' ich einen Drang, bei ihm zu sein, der mich in wenig Tagen von hier entfernen wird.

Bleiben Sie in seiner Nähe, schloss Ackermann mit einem eignen Tone der Rührung. Schützen Sie ihn vor der Welt, auch vor sich selbst. Ich fürchte, er kam zu jung auf einen Platz, der gereifte Männer erfordert. Ich fürchte, die traurige Ideenlosigkeit des Momentes, die schwierige Lage des Hofes und die Ratlosigkeit, mit der sich die privilegirten Stände nach Geistern umsehen, die für sie mit einer leidlichen Teorie in die Schranken treten, hat hier etwas zu stand gebracht, was weder jene zu ihrem, noch ihn zu seinem Ziele führt. Entweder zerfällt jene Gesellschaft mit Egon oder Egon mit sich selbstdas Letztere

Wäre entsetzlich! fiel Louis ein.

Wenn Sie Ihren Freund und gönner recht in Gefahr wissen, in geistiger Gefahr, wollen Sie mir es dann schreiben? sagte Ackermann. Versprechen Sie mir Das?

Ich versprech' es Ihnen! antwortete Louis überrascht ...

Ich verstehe mehr als den Feldbau, fuhr Ackermann fort. Ich kenne das Lebenund die Wissenschaft war einst mein Beruf.

Wie ist es nur möglich, musste ihn Louis, den diese Bemerkung schon lange brannte, jetzt fragen, wie ist es nur möglich, dass ein Mann von Ihrer Weltbildung, die ihn recht eigentlich auf den Verkehr der grossen Städte anzuweisen scheint, sich durch dies einfache Landleben befriedigt fühlen kann! Sie stehen geistig so hoch und müssen hier so niedrig steigen. Es umgeben Sie Menschen, die unbedingt keine andre Sprache verstehen als die der Beschränkteit und Selbstgenügsamkeit.

O mein junger Freund, antwortete Ackermann, schon seit einer Reihe von Jahren hab' ich mir dies Leben der Beschränkung und Einsamkeit anfangs als eine Läuterung, die mir schwer wurde, dann als eine Pflicht, die mir Vergnügen machte, auferlegt. Was ist diese Welt? Ich habe sie durchgekostet bis zur Hefe. Ich bin in den Irrtümern des ringenden Ehrgeizes, der ungebändigten Herzensregungen aufgewachsen. Ich habe mich auf seidene Polster gestreckt und aus goldenen Bechern die Lust des Lebens getrunken. Ich war nie vermögend, aber ich besass angeboren das Talent des Reichtums. Ich konnte Denen, die besassen, meine Phantasie leihen und ihnen sagen, was den Genuss steigere und veredle. Ich lag wie auf Rosenblättern und über mir herab hingen die vollen braunen Trauben. Ich durfte nur zugreifen. Freilich war ich dabei ein Sklave. Ich hatte die Freiheit des Herzens nicht. Für Glück und Annehmlichkeit, die mich umgaben, für Liebe sogar, die mich mit weichen Sammetänden pflegte, musste ich doch die Kette dieser Liebe, die meinem Ideale nicht entsprach, hart empfinden. Wissen Sie, was eines der kläglichsten Loose des gebildeten Menschen ist? Empfindungen heucheln zu müssen, die man nicht hat, erkenntlich sein müssen für eine Hingebung, deren Gründe uns verdächtig scheinen. Ich war jung, strebsam, ehrgeizig. Ich hatte eine Phantasie wie Sardanapal. Ich konnte mir die glänzendste Welt, in der ich leben mochte, zaubern. Da fand ich sie! Ein Weib, das mich liebte, schüttete die Freuden der Bequemlichkeit auf mich herab. Ich reiste mit ihr. Sie liebte mich, ich erwiderte wenigstens äusserlich ihre Hingebung und musste mir sagen, weil ich besser, weil ich edler in meinen Regungen war, als sie selbst in ihren angebornen, ehrgeizigen, unwahren, so hielt ich sie in ihrer sittlichen Haltung empor und diente ihr als Stamm und Anlehnung.

Allein es war eine Sklaverei. Lieben sollen, wo man nicht liebt! Schön finden müssen, was uns nicht gefällt! O mein Freund, ich erkenne in dem Freunde des Fürsten Egon, so bescheiden und anspruchlos Sie auch sind, doch ein Auge, das auf die Tiefe des Herzens geht und sage Ihnen, ich verachtete mich. Ein junger Mann, geliebt von einer älteren Frau, die für ihn sorgt, ihn nur für sich und nur für sich in Beschlag nimmt, ist in neunzig bei hundert Fällen tief, tief verächtlich. Ich klirrte mit meiner glänzenden Kette. Ich riss mich heimlich zuweilen los. Ich fand Wesen, die mich bemitleideten, weibliche Wesen, die