1850_Gutzkow_030_616.txt

ist des Deutschen Vaterland?" Darauf kehrte sich mein braver Major zu unserm Lieutenant um, sagte gar nichts, sondern nahm seinen Tschako ab. Das war prächtig! Auf unserm Tschako haben wir jetzt nämlich zwei Cocarden, die von unserm Landesvater und die vom deutschen Vaterland. Da sagte er gar nichts, sondern zeigte bloss auf die kleine Cocarde, dass die noch gälte und er ging dann seiner Wege. Der Lieutenant warf mir aber einen giftigen blick zu und wird mir's wohl noch gedenken. Lieber Vater, es ist hier nicht Alles so, wie es sein sollte. Unser Fürst Egon ist Minister geworden. Ich sah ihn heute früh in die kammer fahren. Er sah schon recht blass aus. Den werden sie bald mürbe kriegen! Adie, lieber Vater! Sie brauchen mir vor Weihnachten nichts mehr zu schicken, seien Sie nur freundlich mit Franziska und grüssen Sie sie von mir, auch Herrn Armand, der jetzt auf dem schloss ist, aber bald wiederkommen wird. Er ist Franziska zugetan und sie hat ihn gern, das weiss Gott! Leben Sie wohl, lieber Vater, und bleiben Sie noch lange am Leben! Dies wünscht Ihr Sie aufrichtig liebender Sohn Heinrich Sandrart, Sergeant in der dritten Compagnie, Leibregiment."

Der Eindruck dieses Briefes war auf jeden der drei Anwesenden ein andrer.

Ackermann schien erst an den naiven Wendungen und dem gutmütigen Charakter des jungen Bauernsohnes den lebhaftesten Gefallen zu haben, stockte aber am Schluss bei der Stelle über die Nachricht von Egon's schwieriger Stellung und seinem bedenklichen Aussehen.

Auch Louis hörte die Mitteilung voll Besorgniss, war aber von dem gläubigen, vertrauenden Tone seines Nebenbuhlers beschämt, während er sich vorwurfsvoll sagte: Wie unwahr bist Du! Wie grausam und wie töricht! Der Bauer aber, der eben, als der Brief zu Ende ging, sich anschicken wollte, auf die verdammte demokratische Richtung seines Sohnes loszuwettern, erschrak über den Schluss, bei welchem Ackermann im Lesen auf Louis Armand deutete, so sehr, dass er in Verlegenheit geriet, jetzt erst zu begreifen, wen er vor sich hatte! Den bekannten Freund des Prinzen! Den Abgesandten desselben Egon, den er auf der Landstrasse einst zu sich genommen hatte, in seinem Wagen in die Stadt führte und für einen Landstreicher hielt und so behandelte! Er hatte Ackermann oft genug davon erzählt, mit Beklommenheit sich von Heunisch und Herrn von Zeisel berichten lassen, was Se. Durchlaucht selbst über diesen Vorfall gemunkelt hätten und nun war dies jener im ganzen kleinen Fürstentume bekannte Freund und Gefährte der sonderbaren Jugendschicksale des Fürsten, der, wie Alle einstimmig versicherten, ein einfacher Tischlergesell sein sollte. Vor Erstaunen blieb ihm der Mund offen. In seiner Verlegenheit hätt' er gern dem Franzosen einen Beweis seiner achtung, auch gern einen Einblick in seine gute Lage geben mögen.

Er sprach von einem Staatszimmer, das er hätte sollen aufschliessen lassen und äusserte sogar etwas von Wein, den er doch im Keller hätte.

Da kommt es heraus! sagte Ackermann, der wieder zu seiner Laune zurückkehrte. Nun schämt er sich, dass er uns so bärbeissig empfangen hat! Am besten, Nachbar, könnt Ihr es dadurch gut machen, dass Ihr diesen freundlichen Herrn ersucht, bei dem Fränzel, das ich nun auch kennen lernen muss, ein gutes Wort für Euern Sohn einzulegen, damit der arme Flötenbläser, der für den König nicht zu taugen scheint, erhört wird, seinen Abschied nimmt und hier zum Vater herzieht. Eine probe ihrer Liebe soll die sein, dass sie noch drei Jahre mit Euren heissen Kachelöfen, in deren Nähe eine luftliebende Lunge umkommen kann, vorlieb nimmt.

Ne! sagte der alte Bauer wieder mit demselben Ausdruck bestimmter, ruhiger und kalter Malice. So nicht!

Eigensinniges Volk, das Ihr seid! polterte Ackermann und brach nun auf. Kommen Sie, Freund, es ist hier zu heiss.

Der Bauer begleitete mit vieler Umständlichkeit und dem Drange, sich eigentlich jetzt erst recht lebhaft mit dem jungen Franzosen zu verständigen, seinen Besuch vor die Tür und über den Hof. Es regnete nicht mehr. Der Weg war nur zu schlecht, sonst hätt' er Louis gern ausführlicher über seinen Sohn, ob er ihn kenne, wo er ihn gesehen hätte, wie er ihn gesehen hätte, ausgefragt. Den Fürsten, den er auf seinem Leiterwagen gar schnöde behandelt haben musste, wagte er nicht zu erwähnen.

Louis Armand war in der eignen Lage, von Heinrich Sandrart mit Interesse sprechen zu müssen. Er räumte ihm all' die vortrefflichen Eigenschaften von Herzen ein, die er an dem jungen Nebenbuhler kannte und trotz seiner geteilten Empfindung zugestehen musste.

Als Ackermann mit Louis allein war und zu seinem Wohnhause die Schritte zurücklenkte, verwünschte er den Eigennutz dieser besitzenden Klasse auf dem land und fand alle Fehler des deutschen Charakters in unserm Bauernstande wieder. Man spräche, sagte er, vom Egoismus der Fürsten und des Adels, diese Bauern wären die ärgsten Verbündeten jenes auf Vorrechte und ein gieriges Mein! oder Dein! begründeten stabilen Prinzipes.

In der weiteren Ausführung dieser Tatsache und ihrer Vergleichung mit den Verhältnissen andrer Länder, besonders dem freien Blicke der amerikanischen Farmer kehrten sie zu dem Wohnhause zurück, wo schon der Knecht mit dem Einspänner harrte. Selma und Oleander waren noch nicht sichtbar. Ackermann horchte an der Tür, wo die Lection gehalten wurde und ersuchte Louis, da sie noch nicht zu Ende schien, noch so lange bei ihm einzutreten.

Louis fand