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Fronte ist in Form eines Giebels gebaut, der immer spitzer und spitzer zugeht. Hinter dem Tempelhause die St.-Johanniskirche. Zur Seite ein altes Convikt

Dort fand Dankmar Wildungen die Papiere, die die Ansprüche seiner Familie verbürgen, ergänzte Louis.

Ich kenne diese Ansprüche, sagte Ackermann. Die Familie Wildungen ist eine der ältesten in Türingen. Sie stammt von einem Grafengeschlechte, deren Ahnen ihr Grab bei den Sarazenen fanden. Hugo von Wildungen war ein Mann von ernster Strenge, nicht verweichlicht durch den weltlichen Sinn, der die Auflösung der Johanniter in Türingen, die weitin Besitzungen hatten, zu einem leichten Spiele der Reformation machte. Ich kenne die Familientradition der Wildungen. Den Jüngsten sah ich nie. Den Ältesten hab' ich oft als kleinen Buben auf meinen Knieen geschaukelt. Ist er Maler geworden, der kleine blonde Siegbert?

Louis wurde nicht müde, von den Brüdern zu berichten und bat zuletzt, ob er ihnen von Herrn Ackermann nicht eine ausführlichere Kunde bringen dürfe?

Der Name Ackermann wird im Gedächtniss dieser Kinder nicht leben, sagte Selma's Vater. Sagen Sie ihnen nichts von mir, wär' es auch nur, um zu verhindern, an die Vergangenheit zu denken. Der Rückblick auf ihre Jugend kann diesen Jünglingen nicht in die schöne violette Färbung getaucht sein, in welcher die türingischen Berge am Horizonte sich malen. Ach, sie hatten einen Vater, den alles Misgeschick verfolgte, eine Mutter, die erst über die brücke der Kinderliebe ganz zum Herzen des Gatten sich neigte. Um so glücklicher, wenn sie einer märchenhaften Zukunft zusteuern und sich mit entschlossner Hand ihr eigenes Lebensloos zu ziehen wagen aus einer hochgestellten Urne! Sagen Sie ihnen nichts von mir!

Bewegt stand Ackermann auf. Das kleine für die ländlichen Entbehrungen sehr gewählt gewesene Mahl war vorüber. Man wandte sich in das offenstehende Zimmer Ackermann's, wo die Zurüstungen mit Tassen und Kannen schon in aller Stille von den Mägdehänden hergerichtet waren.

Ackermann bot seinen Gästen Cigarren, ohne jetzt selbst zu rauchen.

Selma, sagte er, zeige Herrn Armand, wie wir am Missouri und an der kleinen deutschen Ulla unsre Feste feiern, damals als die Mutter lebte und jetzt, wo wir von ihrem Andenken zehren ...

Selma setzte sich an den Flügel und präludirte einige Takte, während der Tisch abgedeckt wurde und die kleine Hedwig, die schon lesen konnte, fragte, welche Noten sie ihr suchen sollte.

Beetoven! bat Oleander.

Fallen Ihnen da die besten Reime ein? fragte Akkermann.

Gedanken, nicht Reime, sagte Oleander. Und dann mit den Gedanken auch die Reime.

Und mit dem Beetoven, rief Selma vom andern Zimmer herein, wirkt bei Herrn Oleander auch die Digestion auf die Phantasie.

Wie? die Verdauung? sagte Ackermann. Schämen Sie sich! Sind Sie da noch ein wahrer Dichter?

O, bemerkte Oleander errötend, leider hab' ich neulich Selma gestehen müssen, dass ich die prosaische Bemerkung gemacht habe, wie ich unmittelbar nach Tisch die grösste Elastizität des Geistes habe und Bilder, Anschauungen, Gedanken plötzlich finde, die ich sogar in nächtlicher Stille vergebens suchte. fräulein Selma hat darüber einen Spottvers gemacht. Sagen Sie ihn!

Statt aller Antwort schlug aber Selma mit gewaltiger Kraft die ersten Accorde der Sonate patétique an und schnitt damit die weiteren Erörterungen ab. Akkermann lehnte sich ein wenig in die Sophaecke, Oleander, seinen Kaffee trinkend, folgte dem fertigen und gewandten Spiele des jungen Mädchens, das der Musik zu bedürfen schien, um sich von namenlosen Empfindungen, die sie beschlichen hatten, zu befreien.

Während noch Selma in dem Adagio begriffen war und mit grosser Reinheit die ersten Läufe, perlenden Tautropfen gleich, wie aus ihren Fingern gleiten liess, überdachte Louis Armand die Situation, in der er sich befand. Er konnte sich nicht verschweigen, dass in diesem kleinen einsamen Kreise ein Element waltete, das ihm neu und fremdartig war. Die sinnige kleine Welt des höheren Bürgerlebens, verbunden mit den freien und grossartigen Anschauungen eines fremden Weltteils, verbreitete hier eine Atmosphäre, die um so wohltuender auf ihn wirkte, als er überall im gespräche auf die Grenze der reinsten Sittlichkeit gestossen war. Er hatte so viel Ungewöhnliches, Abnormes seit einer Reihe von Jahren erlebt, dass ihm diese Lebenskunst, die hier nach dem Tumult einer grossen Reise schon so rasch einen kleinen Tempel der Häuslichkeit aufbauen konnte, etwas Ehrwürdiges hatte und er sich nur untergeordnet und aufnehmend fühlen musste. Es gibt auch kaum etwas Gefälligeres, als einen feingebildeten, weltklugen Vater, der sich ganz der Erziehung eines einzigen geliebten Kindes widmet, in der Tochter die hingeschiedene Mutter ehrt und für sich zuerst all' die milde Liebe und sittliche Unschuld eines solchen sich entwickelnden jungen Wesens einatmet. Wie bewegt lauschte Ackermann dem unbewusst gefühlvollen Spiele Selma's! klar erkannte man bei Selma die Absicht, mit ihrem Spiele nur den Beweis ihres Talentes, ihrer Fortschritte, ihrer guten von der Mutter gelegten Grundlage zu geben, sie sentimentalisirte nicht mit der Musik, sie gab eine Übung, die ihrer Bildung entsprach, sie spielte Denen zu Liebe, die sie hörten und doch war ihr Spiel voll Seele und Schmelz.

Zum Gesange, zu dem sie Oleander aufforderte, konnte sie sich nicht entschliessen. dafür suchte sie noch einige andre Meisterwerke hervor und wusste sie alle mit gleicher Correkteit wiederzugeben. Zuletzt klagte sie, dass sie Kopfweh hätte und tat sogar gegen die beiden Stunden, die sie heute noch bei Oleander zu nehmen