ihm höchst dringend gestern Abend und heute früh die Gemahlin des Herrn von Zeisel an Herrn Ackermann und fräulein Selma für morgen aufgetragen, ganz vergessen. Erst als Louis zufällig von der erneuten Nachfrage nach den Büchern der Verwaltung auf Herrn von Zeisel kam und seine Freude ausdrückte, dass doch, wie die Einladung auf morgen beweise, zwischen dem neuen Generalpächter und dem alten Verwalter keine Spannung obwalte und Ackermann und Selma gefragt hatten, welche Einladung? erst da besann sich Oleander auf den ihm gegebenen dringenden Auftrag.
Und Das konnten Sie vergessen, Freund? lachte Ackermann; eine so überraschende Einladung! Die erste, seit wir Nachbarn und freilich auch die unwillkommenen Gegner der Frau Justizdirektorin sind? Was sagst du dazu, Selma?
Ich überlege schon meine Toilette, antwortete Selma mit der grössten Offenherzigkeit. Einer so strengen Richterin der Mode, wie Frau von Zeisel, wag' ich mich noch nicht auszusetzen. Es ist gewiss, wir finden dort, zu Ehren des Herrn Louis Armand, Alles zusammen, was sich nur an Honoratioren auf drei Meilen in der Runde auftreiben lässt.
Es ist gut, dass du sagst zu Ehren des Herrn Louis Armand, sonst würde' ich nicht hingehen! bemerkte der Vater.
Um's Himmelswillen, fiel Oleander ein. Tun Sie mir Das nicht an! Wie dank' ich Ihnen, Herr Armand, dass Sie mich an diesen Auftrag erinnert haben. Sie kennen Frau von Zeisel nicht. Ich versichere Sie, dass sie seit Ihrer Ankunft nicht schläft und über die Vorbereitungen zu dem morgenden Diner Alles, Alles vergisst, höchstens ihren Stammbaum nicht.
Oleander taute, wie Louis sah, allmälig auf.
Ich habe mir in mein Taschentuch, sagte er, vor ihren Augen drei Knoten machen müssen, das Tuch in meinen Hut gelegt und nun will der Zufall, dass ich wegen des Regens die Mütze nehme und obenein ein neues Taschentuch. Wenn ich Das nun vergessen hätte! Sie hätte mich nächsten Sonntag in meiner Predigt irre gemacht durch die rollenden Augen, die sie Einem zuwerfen kann! Dank! Dank Ihnen!
Man musste lachen. Ackermann gab sich darein, zu kommen.
Nach Tische, sagte Selma, können wir ja einmal das Schloss besuchen. Noch niemals waren wir in den Zimmern und immer versprichst Du es, Vater. Jetzt wäre die beste gelegenheit!
Ackermann antwortete darauf nicht. Es schien ihm nicht lieb zu sein, an dies Versprechen erinnert zu werden. Um von dem gegenstand abzukommen, gab er Louis Veranlassung, wieder von sich selbst, von seiner Heimat, seiner Jugend zu sprechen. Auch nach seiner Schwester fragte Ackermann jetzt und erzählte, was er von Egon's Beziehung zu ihr wusste, mit absichtlich hervorgehobenem Nachdruck. Louis erschrak über diese fragen und auffallend war ihm, dass sich Ackermann mit der Erwähnung seiner Schwester nicht beruhigte, sondern auch von Helene d'Azimont und zuletzt von Melanie sprach und wie absichtlich er hervorhob, dass Egon's Charakter den Frauen gegenüber leichtsinnig wäre und von einem sittlichen Standpunkte aus keine Rechtfertigung finden könnte.
Die wirkung dieser für Louis peinlichen Erörterungen auf Selma fiel ihm auf. Das Blut stieg dem holden Mädchen in die Wangen. Sie wurde unruhig. Sie plauderte mit dem kind, ohne dass sie darum aufhörte, dem gespräche der Männer zuzuhorchen. Oleandern, den die Mitteilungen interessirten, zog sie sogleich von ihnen ab und verwickelte ihn in ein andres Gespräch. Erst als Ackermann merkte, dass seine, wie es schien, absichtliche Erörterung dieser Herzenschronik des jungen Fürsten von Selma nicht mehr beachtet wurde, brach er ab und ging auf gleichgültige Dinge über.
Seid Ihr fertig, rief jetzt Selma, fertig mit diesen Verleumdungen? Freilich der Tod Ihrer guten Louison ist keine Verleumdung. Sie wissen wohl, wo sie ruht und woran sie starb, die Gute! Aber Helene und Melanie! Das Alles mag in Wahrheit viel anders aussehen, als die Justizdirektorin es Dir neulich aufgeheftet hat! In der Zeitung steht, Helene d'Azimont ist abgereist und Melanie –
Nun, Selma? fragte Ackermann lächelnd, aber mit scharfem Blicke.
Melanie ist schön! sagte das gepeinigte Mädchen. Ich sah sie hier zu Pferde ... wie eine Königin ... o so schön!
Louis freute sich der Bemerkung, dass Helenen's Abreise in der Zeitung bestätigt war. Er hatte davon gehört, es nicht glauben mögen, nun schien es doch gewiss, dass Egon wenigstens von dieser Seite frei war.
Die Zeitungen brachten Ackermann jetzt auf den Wildungen'schen Prozess, der ihn gleichfalls zu interessiren schien. Lebhafte Freude empfand er über die Mitteilung, dass Louis diese beiden Brüder Wildungen kannte. Er fragte nach der Mutter der Brüder und hörte voll Bedauern, dass sie krank sei und Dankmar nach Angerode auch deshalb gereist war, um sie aus der Pfarrwohnung, die kalt und ungesund sein sollte, in eine behaglichere überzusiedeln. Als Louis das Tempelhaus von Angerode erwähnte, sagte Ackermann fast vor sich hin mit eignem aber auffallendem Ausdruck:
Das Tempelhaus von Angerode!
kennen Sie es? fragte Oleander.
O wohl kenn' ich es aus meiner Jugend, bestätigte Ackermann; bin ich doch selbst ein Türinger und nicht weit von der güldenen Aue geboren! Wohl kenn' ich das stolze Gebäude von roten aus dem Harz gebrochenen Sandsteinen! Die Fenster, immer zu zwei und zwei, dicht beisammen, verbunden durch einen Pfeiler, den ein Tier oder ein Engel oder ein Heiliger ziert. Die