dazu mit Messer, Gabel und dem Wegräumen aller hindernden Gegenstände bequem; haben Sie's denn nicht in der Zeitung gelesen, wie schlimm er es nun mit uns meint?
Ich bin seit acht Tagen von der Residenz entfernt.
Ich weiss es auswendig, ob es gleich so klingt, dass ich es lieber gleich hätte vergessen sollen. "Ihr beruft Euch auf Amerika", sagte er, "einen Staat, den ich verehre, wie ich etwa eine solide Handelsfirma verehre. Ich habe die grösste achtung vor der Geschäftskenntniss und der Zahlungsfähigkeit eines Londoner oder Hamburger Hauses, allein werde' ich das Haus Rotschild fragen, was es von dem Schienenbau der Eisenbahnen hält, zu denen es das Geld vorstreckt? werde' ich Hope in Amsterdam fragen, ob Schelling oder Hegel der philosophischen Welt näher stehen? Lassen Sie Amerika über Alles entscheiden, was in sein Bereich gehört; aber über Europa, über dies nun einmal so und nicht anders geformte Gewächs der geschichte, lasst Europa zu Gericht sitzen!"
fräulein, ich bewundre Ihr Gedächtniss! sagte Oleander erstaunt. So gründlich haben Sie bis jetzt noch keine historische Tatsache behalten.
Und doch ist auch dieser Satz eine Tatsache, fiel Ackermann ein. Der Fürst hat Recht. Nur sollt' er vorsichtiger sein mit den Dingen, die er von den Kaufleuten nicht voraussetzt. Die Kaufleute sind sehr empfindlich und für einen Staatsmann scheinen mir Scherze über das Haus Rotschild gewagt.
Nein! Nein! fiel Selma ein. Den Fürsten hab' ich aus diesen kalten Worten nicht wieder erkannt. So bitter sprach er im wald nicht! Und du, Väterchen, gesteh' es nur ein, dass du selber sagtest: Wie inconsequent! Er verspottet die Banquiers und borgt doch von ihnen!
Ackermann warf Selma einen verweisenden blick zu.
Louis sprach offen seine Vermutung aus, dass Akkermann wohl von des Fürsten Anleihe bei dem haus Reichmeier gehört hätte ...
Leider! sagte Ackermann. Ich hätte nicht gewünscht, dass sich der Fürst die Schwierigkeiten seiner Lage vermehrte.
Er setzte dabei offen die ganze Mislichkeit der Lage Egon's auseinander. Er erzählte, wie entmutigend die Resultate wären, die er aus den Büchern bei dem Justizdirektor entnommen. Er hätte Verwirrung über Verwirrung angetroffen und könnte für nichts gutsagen, wenn der Fürst immer wieder auf's neue die Schuldenlast vermehrte. Sonst hätt' er geglaubt, in zehn Jahren Einnahme und Ausgabe, Soll und Haben, auszugleichen ...
Ei, sagte Selma spottend, als Louis schwieg, Das sehe' ich nicht ein! Der Fürst will leben wie ein Fürst. Seit er bei hof geliebt und verehrt wird, seit ihn die vornehmen Damen verziehen, hat er sich glänzende Livreen, neue Wagen und Pferde anschaffen müssen. Ist es denn wahr, dass er so eitel ist und auf jeden Teller sein E. mit der Krone malen lässt?
Alles Das sprach Selma mit der kindlichsten Unbefangenheit. Man sah, sie glaubte mit dem Fürsten sich etwas erlauben zu dürfen. Er hatte ihr in ihrem Glauben so nahe gestanden, sich ihr so zutraulich angeschmiegt. Warum sollte sie nicht so weit gehen, sogar zu sagen:
Hätt' ich ihn nur hier! Wie würde' ich ihn auslachen mit seinen bunten Tellern, die mir für die kleine Hedwig da zum Buchstabirenlernen am passendsten scheinen!
Oleander betrachtete die Eifernde mit Wohlgefallen, Louis nicht ohne Verlegenheit, denn er fühlte sich selbst in Egon beschämt.
Herr Oleander kam nun ein wenig mehr aus seiner Einsilbigkeit heraus.
Da wir wissen, dass dieser junge Gottesgelehrte es verschmähte, auf den Grund einer Heirat mit dem ältesten fräulein Gelbsattel befördert zu werden und es vorzog, dies stille und wenig einträgliche Vikariat auf dem land zu übernehmen, so empfinden wir schon eine gewisse Hochachtung vor ihm. Louis bemerkte bald, dass der junge Gelehrte, den er seines Namens wegen noch immer nicht zu befragen wagte, die liebliche Selma in sein Herz eingeschlossen hatte. Die Art, wie der Herr Candidat Selma bei Tische kleine Aufmerksamkeiten erwies, verriet Dies. Er konnte ihn jetzt erst recht von seinem völlig zugewandten Antlitz betrachten. Oleander war sehr gross und mager. Den Kopf trug er etwas übergebeugt. Seine Züge waren starkknochig, verrieten aber Geist. Das Haar hing schlicht und wohl zu wenig gepflegt herab. Das Auge verriet eine stille ernste Ruhe, stand aber oft wie nach innen gekehrt und schien einen abwesenden, träumenden Sinn zu verraten. Es war gerötet wie von starkem Blutandrang oder von Nachtlektüre. Sein ganzes Wesen hatte etwas, das Louis sehr an seinen geliebten Siegbert erinnerte. Doch fehlte Oleandern dessen aufmerksamer, teilnehmender, Jedem liebevoll zugewandter Sinn. Oleander schien mehr ein Egoist des Gemütes, eine jener unschuldigen Naturen zu sein, die wie der Vogel auf den Zweigen unbekümmert um Andre ihr Dasein hinleben. Er gestand sich, er hätte ihn wohl einmal mögen predigen hören. In manchen französischen Werken erinnerte er sich, junge lebensunerfahrene Geistliche so geschildert gesehen zu haben, wie er hier wirklich einen protestantischen fand. Von den katolischen musste er sich sagen, dass die Dichter, besonders Lamartine, diese Gattung Dorf-Vikare zu sehr verschönerten und die idyllische natur der Schweiz oder Südfrankreichs, in denen sie leben und wirken sollten, auf ihr eigenes Wesen übertrugen. Louis Armand erinnerte sich, bei allen katolischen Geistlichen einen Trieb zur Weltlichkeit und Geselligkeit gefunden zu haben, der diesem träumerischen Oleander gänzlich zu fehlen schien.
So hatte er die Einladung, die