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Lebenszeit erfüllt hatte, überkam ihn dabei wohl mit einschmeichelndem Behagen, aber nur flüchtig, nur obenhin.

Dieser vornehme Herr war nun, wie wir bald bestätigt erhalten werden, Se. Excellenz der Herr Intendant sämmtlicher königlicher Schlösser und Gärten, eine im land wohlbekannte und gefürchtete Persönlichkeit, der wirkliche Geheimrat Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein, zweiter Sohn jenes neunzigjährigen Obertribunalpräsidenten, der bei Tempelheide mit Anna von Harder, der Witwe seines ersten Sohnes, in so stiller Zurückgezogenheit lebte. Der neunzigjährige Hohepriester der Temis hatte bekanntlich zwei Söhne; einen feurigen, höchst talentvollen, unternehmenden, aber früh verstorbenen, den Gatten eben jener Anna von Harder, die Frau von Trompetta als ein so seltenes Muster edler Weiblichkeit gerühmt hatte und nach Allem, was wir jetzt schon von ihr wissen, ein solches wohl auch sein musste. Der jüngere dagegen war diese sogenannte "junge Excellenz von Harder", die nicht ganz in die Richtung des Harder'schen Hauses passte. Der alte Vater war ein scharfsinniger und sehr bedeutender Kopf, dem der ältere Sohn in jeder Hinsicht entsprach; der Jüngere dagegen, früh etwas verwöhnt, wurde durch einen Zufall, den der Vater ewig bereute, für den Hof erzogen, war anfangs Kammerpage, dann Kammerjunker, zuletzt Kammerherr und hatte keine andere Bildung sich angeeignet als die, die er auf Reisen mit dem verstorbenen Monarchen, dem Vater des jetzt regierenden, sich sammeln konnte. Es war durch die Richtung, die der Kammerherr Kurt Henning Detlev von Harder nahm, eine grosse Spannung zwischen Vater und Sohn eingetreten. Berührungen fanden seit Jahren zwischen ihnen nicht mehr statt und konnten es um so weniger, als sich der wunderliche alte Herr nur auf seine Gerechtigkeitsübung beschränkte, in frühern Jahren allenfalls noch nebenbei die Maurerei, die er sehr liebte, eifrig trieb, gegenwärtig aber auf seine sonderbaren psychologischen Studien über die Tierseele, die ihn von den Menschen ganz abzog, sich beschränkte. Spötter bei hof, die den später zum wirklichen Geheimrat und Intendanten der königlichen Schlösser avancirten Kammerherrn von Harder nach seinem Geistesgrade kannten, behaupteten, dass sein Vater, als dieser sein Sohn von Reisen mit dem verstorbenen Landesfürsten und besonders von einer mehrjährigen Abwesenheit in Paris zurückkehrte, gerade durch das Wiedersehen desselben auf die idee gekommen wäre, sich künftig nur noch mit den Geistesanlagen der Tiere zu beschäftigen. Ehemalige Spötter behaupteten Das. Denn wie wir bald sehen werden, in der Nähe des gegenwärtigen Herrscherpaares durften sich solche Plaisanterien, Wortspiele und kleinen Frivolitäten nicht mehr hörbar machen. Nach anderer Version verdankte Henning von Harder seine Stellung nicht den Rundreisen mit dem verstorbenen Monarchen, sondern dem eminenten geist seiner Gattin, die zufälligerweise auch seine Schwägerin war. Die beiden Harders hatten Schwestern geheiratet, die geborenen Freiinnen Anna und Pauline von Marschalk. Wie Dem auch sein mögedie Zukunft wird uns über diese in unsere geschichte eingreifenden Persönlichkeiten Aufklärung gebenwie Dem auch sein möge, Se. Excellenz der Geheimrat von Harder war auf dem schloss Hohenberg als Gläubiger vom Trone erschienen und hatte in der Tat den Befehl zu vollziehen, sich das Mobiliar der verstorbenen Fürstin Amanda vollständig anzueignen.

Fürst Waldemar von Hohenberg, der Verstorbene, zu allen zeiten Verschwender und geldbedürftig, verkaufte nach einer Sinnesart, die wir noch deutlicher werden kennen lernen, auf seinen Gütern das Ei unterm Huhne und wie dann auch das Huhn dazu, so auch sogar die letzten Erinnerungen an seine Gattin. Zu diesem Schritt entschloss er sich einige Wochen vor seinem vor drei Monaten erfolgten tod. Wie die Intendantur der königlichen Schlösser eigentlich darauf kam, sich so geflissentlich diesen Erwerb anzueignen, war dem Publicum noch ein Rätsel. Die Einen fabelten von einer wunderbaren Einrichtung, die jedoch Andere gänzlich in Abrede stellten. Viele sagten, die Einrichtung der Fürstin Amanda von Hohenberg war zwar nicht kostbar, aber sie war sinnig und geschmackvoll. Sie liebte Rococomöbeln, sagten die Einen. Im Gegenteil berichtete Frau von Trompetta (und sie, die zu den Wenigen gehörte, die Hohenberg besucht und sich der verschollenen frommen Fürstin manchmal erinnert hatten, konnte es wissen); im Gegenteil, ihre Wohn-, Schlaf- und Betzimmer wären ganz in altdeutschem Geschmack gewesen: man fände daselbst nur grosse Tische und gewaltige Schränke mit gewundenen Füssen und Säulen, Alles pechbraun oder rabenschwarz gebeizt; ausgezeichnet, gestand sie zu, sind die Gegenstände, die auf einem rings an den Wänden angebrachten zierlichen Holzsimse ständen. Da sähe man Schnitzarbeiten von Elfenbein und Hirschhorn, gusseiserne Crucifixe, das Abendmahl von Leonardo da Vinci aus Wachs bossirt, ein Meisterstück von einem tiroler Mönche .... Ja! fügte die Trompetta in ihrer Weise erregt hinzu, und der vielen Litophanieen an den Fenstern und all der bunten Glasbehänge nicht zu gedenken, die ihren Zimmern einen wahrhaft heiligen, das Gemüt sanft zur Ruhe wiegenden Dämmerschein gaben! Nach dieser Mitteilung der Frau von Trompetta kam dann eine mysteriöse Schalkheit dieser Frau. Frau von Trompetta, behauptete man, hätte bei einer Audienz, wo sie die Königin zur Teilnahme an einem neu von ihr begründeten Kleinkinderbewahrinstitute aufgefodert, sich erlaubt, der erlauchten hohen Dame eine solche Schilderung von Hohenberg zu entwerfen, dass diese eine grosse Neigung fasste, die Hinterlassenschaft zu erwerben. Man liebte ja bei hof die Dämmerungszustände .... Man hüllte sich ja so gern in diese bunten Lichter des Rätselhaften und Ahnungsvollen ein .... General Voland von der Hahnenfeder, der berühmte militairische Diplomat, hatte ja den Hof und dessen Liebhabereien mit seinen Sammlungen von Glasmalereien, Elfenbeinschnitzarbeiten,