sonderbaren Ausdruck, meinem Andenken und meiner Gerechtigkeit. Als ich in Newyork nach ihm suchte, hiess es, er wäre spurlos verschwunden. Sein Besitztum hatte er verkauft und wahrscheinlich einer milden Stiftung übermacht. Ihn selbst suchte man überall vergebens. Die Entdeckung von Kleidern, die ihm gehörten, an einer Uferstelle des Hudson lässt fast vermuten, dass er in einem Anfalle von Hypochondrie sich das Leben genommen hat.
Ackermann und Louis waren während dieser Mitteilungen wieder zu dem Wohnhause zurückgekehrt. Louis, vertieft in die Möglichkeit, dass sich Ackermann und Morton begegneten. Er merkte kaum, dass ihnen ein Kind entgegengesprungen war und gerufen hatte:
Selma's Stunde ist aus! Zum Essen, Onkel!
Ackermann bemerkte, dass diese Kleine dem Pfarrer von Plessen Herrn Guido Stromer gehörte und von ihm und Selma auf längere Zeit in den Ullagrund genommen wurde. Wäre sie lange genug da, so käme ein andres von den Kindern an die Reihe und Alle müssten ihn Onkel nennen, damit die armen Kleinen, die einen Vater hätten und doch auch wieder keinen, an Menschenliebe nicht irre würden. Von Oleander bemerkte Ackermann, dass er seiner Tochter täglich Stunden gäbe und ihn als einen sinnigen, vielleicht zu bescheidenen und träumerischen Menschen schätzen müsse.
Die kleine Hedwig, so hiess Stromer's zweite Tochter, die gerade jetzt an der Reihe war, im Ullagrunde weilen zu dürfen, zog den Onkel in das Haus und in die Tür, die neben der zu Ackermann's Zimmer führenden lag. Geöffnet bot sie den Anblick eines zwar niedrigen, aber traulichen Wohnzimmers. Alle Möbel, von Kirschbaumholz, waren neu und stachen mit ihrem blassen Glanze gegen die dunkle Färbung der Wände angenehm ab. Ein grosser Flügel stand aufgeschlagen. In der Mitte des Zimmers war ein runder Tisch gefällig gedeckt. Im Ofen prasselte ein belebendes Feuer. Am Fenster stand ein Nähtischchen für Selma. Über ihm hing ein Bücherbord mit zwei Reihen englischer und deutschen Classiker. Im Eck stand ein Fachwerk mit bronzenen und gläsernen Nippsachen. Es schienen langgesammelte Andenken. Manches war ohne Zweifel vom Transport zerbrochen, stand aber doch wie eine heilige Reliquie, wohlgeordnet, unter allerhand kleinen scherzhaften Spielereien.
Oleander, der am Bücherborde in einem Goldschnittbändchen blätterte, grüsste die Ankommenden.
Da steht ja schon die Suppe! sagte Ackermann. Wo ist Selma?
Sie zieht ein schön'res Kleid an! verriet Hedwig Stromer.
In dem Augenblick öffnete sich das Nebenzimmer und Selma, hocherrötet, sich gegen Louis leicht verneigend und um Entschuldigung bittend ob der Verzögerung, trat herein und gab, sogleich einen Stuhl ergreifend, das Zeichen, dass man sich zu Tische setzte.
Fünftes Capitel
Deutsche Liebe, deutsches Leben
Selma's Erröten hatte ohne Zweifel seinen Grund darin, dass sie sich des Besuchers sehr wohl von jenem Tage erinnerte, wo ihr Vater mit dem Justizrate Schlurck so heftig aneinander geriet und Louis mit der vom Vater so sehnlich erwarteten Botschaft eintrat, der todtkranke junge Fürst genehmige die Anträge des Amerikaners. Damals war sie Selmar, der Knabe. Heute sah sie Louis als Mädchen und so wohlbekannt ihr auch der geringe Stand dieses Besuches war, so wusste sie doch, wieviel der Fürst auf Louis hielt. Vor aller Welt war sie mit leichter Mühe in die neuen, ihr eigentlich gebührenden Kleider geschlüpft. Bei Louis ahnte sie zuerst, was sie wohl fühlen würde, wenn sie einmal, wie sie doch hoffte, dem ihr so teuer gewordenen Fürsten Egon selbst begegnen sollte.
Da Louis aus Bescheidenheit, Oleander aus Gewohnheit schwieg, so musste sich wohl Selma zusammenraffen, um das Gespräch zu führen. Sie legte mit grosser Geschicklichkeit vor. Louis beobachtete ihr Wesen, ihre innere und äussere Erscheinung, mit grossem Gefallen. Sie war zierlich gewachsen, schlank und behend. Das kastanienbraune Haar trug sie noch kurzgeschnitten. Es war noch von der Knabentracht her nicht länger gewachsen. Die lockige Biegung, in der es auf den weissen Nacken fiel, machte einen sehr einnehmenden Eindruck. Das Kleid, das sie rasch angezogen hatte, war blau. Über den obern teil desselben fiel ein reicher gestickter Kragen. Ein blaues geripptes Band umschloss die Taille und kreuzte sich unter einer emaillirten Schnalle. Von Fischbein und engem Geschnür war keine Spur. Man hatte in dem weiten und vollkommenen Kleide den reinen Ausdruck ihrer natürlichen Formen. Das dunkelblaue Auge, die weissen Zähne, ein schöngeschnittener Mund waren die Zierde des lieblichen Antlitzes. Besonders anmutig machte sie ihr Lächeln. Um den Mund spielte dann eine Schalkhaftigkeit, die Jeden bestricken musste.
O, sagte Selma, als die Suppe von einer zweiten Magd abgetragen wurde, es ist nur gut, dass ich dem Fürsten einmal durch Sie, Herr Armand, ein ernstes Wort sagen lassen darf. Ich bin ihm nicht mehr gut.
Warum, mein fräulein?
Als er in Hohenberg war, sagte Selma, und ich mit ihm zum Forstause durch den Wald ging, wie sprach er da so warm und teilnehmend von Amerika! Ich albernes Kind tappte recht wie die Fliege in die Milch, so süssen Zucker streute er auf Amerika! Aber was hab' ich nun erst vor kurzem lesen müssen! In der kammer, wo sie sich im Zank und dem Allesbesserwissen üben, hat er so abscheulich über Amerika gesprochen, so abscheulich!
In der Tat? sagte Louis erstaunt.
Haben Sie's denn nicht in der Zeitung gelesen? sagte Selma und schob dem Vater das inzwischen hereingebrachte Rindfleisch zum Tranchiren hin und machte es ihm