Klavier. Er konnte die Wahrheit nicht umgehen und musste einräumen, dass ihn noch ein Freund begleitet hätte, der kränklich wäre, zurückgezogen auf seinem Zimmer lebe und sich mit Musik unterhalte.
Zeck horchte gespannt und bemerkte zu Louis' Erstaunen, dass der Blinde in seiner neugierigen, dreinlachenden Weise sagte:
Die Brigitte sagt, dass der Herr ja auch etwas vom Fach ist: Er hat's mit Kupfer, wie wir mit Eisen.
Mit Kupfer? fragte Ackermann sorglos.
Louis, der Murray's Einfall, ihm eine Visitenkarte zu stechen, ebenso sehr verwünschte, wie die Plauderhaftigkeit ihrer Bedienung, bemerkte, dass sein Begleiter chemische Experimente mache und zuweilen auf Kupferplatten ätze.
Als Ackermann sich zum Gehen wandte, bemerkte er:
Ein Verwandter dieses Blinden nannte sich schon in England Morton und war ein Kupferstecher. Wie er dazu kam, hat mir Keiner von ihnen klar machen wollen. Es sind versteckte unheimliche Menschen.
Auch Morton? fragte Louis, ohne an dem Namen Morton statt Murray Anstoss zu nehmen.
Morton war ein Sonderling, sagte Ackermann. Ich lernte ihn auf eigene Art kennen. Er reiste einmal mit einem nicht minder eigentümlichen mann, dem Diplomaten Otto von Dystra, durch die Vereinigten Staaten, fast immer zu Fuss, viel rüstiger, als ich ihn in nicht gar langer Zeit darauf in Newyork wieder antraf. Die beiden Wanderer kamen an den Missouri, wo ich meine Niederlassung unter Engländern hatte. Sie hörten meine verstorbene Frau in der Farm ein deutsches Lied singen. Sie hatte eine helle zum Herzen dringende stimme. So klopften sie an mein Tor und blieben lange genug, um die Sängerin schätzen zu lernen. Otto von Dystra wohnte als russischer Consul in Newyork. Er war ein Tourist von Profession, hatte die halbe Welt gesehen und war der eigentümlichste Bequemlichkeitsphilosoph, der mir jemals vorgekommen.
Bequemlichkeitsphilosoph? unterbrach Louis die freundliche Mitteilung. Verstehen Sie darunter einen Epikuräer?
Ja! Einen Epikuräer des Geistes, sagte Ackermann. Es gibt Epikuräer der Sinne. Ein solcher soll z.B. der Justizrat Schlurck sein, der früher hier schaltete. Es gibt aber auch Epikuräer des Geistes. Unter ihnen verstehe' ich Menschen, die auf Alles nach Wohlgefallen dilettiren, die jede Wahrheit zu schätzen wissen, ohne sich für eine zu erklären, Männer des Studiums und eines unermüdlichen Wissenstriebes, Reisende, denen es nirgends Ruhe lässt, Verschönerer der natur, mit einem Worte Menschen, die glücklicherweise so reich sein müssen wie Otto von Dystra, um sich so durch die Welt tummeln zu können, wie er es liebt.
Und ein solcher Komet passt in die russischen Bahnen? fragte Louis erstaunt.
Für Petersburg schwerlich, sagte Ackermann. Aber Russland hat die weise Art, seine Diplomatie nach den Ländern einzurichten, in denen sie wirken soll. Die deutschen Gesandten des Zaren sind oft halbe Gelehrte, seine italiänischen Gesandten sind Kunstliebhaber, die französischen sind Liebhaber der Intrigue, die englischen sind Wettrenner und Dandies. In Nordamerika lässt sich der Zar durch halbe Republikaner vertreten, die in den Ton und die Denkweise jener Länder wenigstens einzugehen verstehen. Dem reichen Kurländer Otto von Dystra hat man vergebens grosse Summen geboten, die eigentliche Botschafterstelle in Washington anzunehmen. Er begnügte sich mit dem Consulat in Newyork, weil es ihm gelegenheit zu Menschenstudien bot, die ihm die liebsten sind. Dass er jetzt in Europa, in unsrer Nähe ist, überrascht mich. Ich versäumte von ihm Abschied zu nehmen. In Europa kann der Zar diese Persönlichkeit zu keinem seiner Zwecke mehr brauchen, umsoweniger, als er abschreckend hässlich ist.
Wie wurde wohl Murray mit diesem mann bekannt? fragte Louis.
Murray? sagte Ackermann und verbesserte: Morton!
Morton! wiederholte Louis.
Morton war ein Kupferstecher und hatte für Otto von Dystra Karten gestochen. Dies wurde die Veranlassung gemeinschaftlicher Reisen. Zwei wunderliche Gegensätze! Otto von Dystra, klein, verwachsen, ganz Epikuräer, Morton ganz Stoiker. Von seinem frühern Leben hab' ich aus diesem alten Zeck nicht viel herausbringen können. Er war tiefsinnig, religiös, hypochondrisch. Ich glaube, dass ihn die sekte der Shakers, deren Religionsübungen er zuweilen beiwohnte, verwirrt gemacht hat. Dystra nahm Morton so wie er sich gab und liess ihn als eine Curiosität gelten. Einige Male, dass ich in Neuyork war, entdeckt' ich sogar, dass Morton wohlhabend genannt werden konnte. Er hatte ein ausgebreitetes Geschäft auch mit Metallbuchstaben, die er neu bei uns einführte. Ich erinnere mich noch der schönen Überraschung, die er mir durch eine Kiste Metallbuchstaben machte, als meine Frau starb. Da haben Sie, schrieb er, in vierfacher Anzahl das deutsche Alphabet! Setzen Sie daraus ein Wort der Erinnerung an Ihr gutes Weib zusammen! Die Buchstaben, die in dem Worte: "Dulderin" vorkommen, schick' ich Ihnen doppelt. Sie werden sie brauchen können in Ihrer Inschrift, die Sie an dem metallenen Kreuze mit kleinen Schrauben, die ich gleichfalls beilege, befestigen müssen.
Ackermann schwieg eine Weile. Auch Louis war durch einen Zug, der seinem neuen Freunde und Vertrauten so ähnlich sah, gerührt ...
Morton, schloss Ackermann, schrieb mir, als ich ihm auf diese Sendung dankte und anzeigte, ich würde nun nach Europa, wenn nicht für immer, doch für einige Zeit zurückkehren, ich möchte mich einigen Aufträgen für Deutschland unterziehen. Er wies mir die kleinen Summen an, die ich seinen Verwandten bringen sollte und empfahl sich, mit einem