Nur die Belohnung fehlt, nur der Genuss fehlt. Und von dem soll er nur machen, dass er sich in den Grenzen hält! Ich sage, man schlage der Menschheit das Capitel von der ächten Freude auf, das doch irgendwo in unsern Herzen geschrieben stehen wird. Egon wäre sehr gut, eine Quäkerkolonie zu gründen. Da mag er sein Evangelium der Pflichten, seine Teorie der Arbeit lehren. Der Adel und die Beamten werden so viel, als sie von seiner Lehre brauchen können, auspressen und ihn dann als einen politischen närrischen Ascetiker bei Seite werfen. Er bläst zu rauh, dieser Boreas! Er soll sich den Sonnenschein zu hülfe nehmen! Er soll Freude verbreiten, erlaubte, unschuldige Freude. Besäss' ich seine Gabe der Rede, durch Scherz entwaffnete ich meine Gegner und machte alle möglichen Gesichter, nur nicht die eines Schulmeisters.
Louis lächelte über die gute Laune des Generalpächters, den er ersichtlich durch seinen Besuch erfreut hatte. Er begriff wohl, wie man hier in so einsamer Welt aus den innersten Geistes- und Gemütsquellen schöpfen müsse, um sich wach und froh zu erhalten. Er fühlte auch bald heraus, dass Ackermann eine sehr feine, gebildete Intelligenz war und auf einem höhern Standpunkte, als dem eines exclusiven Landwirtes stand. Dabei erwärmte ihn seine Hingebung an Egon, von dem er so menschlich, so treu und teilnehmend sprach, ganz so, wie es Egon einst liebte – einst! sagte er sich und verfiel in trübes Sinnen, warum das Alles im grund doch so viel anders war, als es Ackermann bekannt sein konnte.
Ackermann sagte nun noch:
Es versteht sich von selbst, lieber Herr Armand, dass Sie über Mittag unser Gast sind. Wir essen schon um zwölf Uhr. Bis dahin zeig' ich Ihnen meine kleinen Vorbereitungen, die erst in gang kommen werden, wenn zu Weihnachten und Neujahr meine Maschinen eintreffen ...
Ich soll Ihnen, unterbrach ihn Louis, von Herrn Leidenfrost viel Grüsse sagen ...
Dem wackren Techniker!
Ihre Maschinen sind in Arbeit und werden zur bestimmten Zeit fertig werden.
Für diese Nachricht dank' ich Ihnen! Hoffentlich wird man nicht erst die Dreschmaschinen und dann die Säemaschinen machen, wie es einem Bekannten von mir in Amerika ging, der zum Frühjahr Alles bekam, was er im Herbste brauchte und im Herbst, was er im Frühjahr hätte haben müssen.
Louis lachte über eine Bemerkung, die Ackermann mit den Worten ergänzte:
Glücklicherweise traf diese Nachlässigkeit einen Mann, der gewohnt ist, die Pferde manchmal hinter den Wagen zu spannen, den Baron Otto von Dystra, von dem ich gestern mit der angenehmsten Überraschung gelesen habe, dass er seinen Plan, einmal Europa wieder zu besuchen, bald nach mir ausgeführt hat.
Louis hatte vom Baron Otto von Dystra noch nichts gehört und nahm keine Veranlassung, länger bei Erwähnung dieses Namens zu verweilen. Er kehrte auf Leidenfrost zurück und sprach voll Teilnahme über das umfangreiche Streben dieses vielseitigen jungen Mannes.
O, sagte Ackermann, Das ist eine der Naturen, die mir am verwandtesten sind. Reger Geist, fern von jeder Grübelei, fern von jedem sentimentalen Despotismus. Denn Das sag' ich Ihnen, lieber Freund, Niemand ist despotischer als die bloss Gefühlvollen und kein Mensch ist meist herzlicher als der, der für einen Verstandesmenschen gilt.
Der Verstandesmensch ist gleich bei der Hand, wo hülfe nottut. Der Gefühlvolle betet, wünscht uns das Beste hienieden und im Jenseits und geht, abscheulicher als der Pharisäer, an dem von Mörderhand getroffenen Wandrer vorüber, über den er nachher eine Elegie schreibt. Das rechte Herz, glauben Sie mir, ist nur da, wo der Verstand klar ist. So ein Gefühlvoller der sinkt gleich in Ohnmacht und ruft um hülfe. Hat er sich einmal aufrecht erhalten, ist er einmal rasch herbeigesprungen und hat Jemanden aufgehoben, o welch' ein Aufhebens weiss er dann auch zu machen! Wie spiegelt er sich in der Glorie seiner Tat! Wie bescheiden lächelt er auf seine stillen und nun doch plötzlich ans Tageslicht gekommenen Verdienste herab! Ich halte es mit den Verständigen, die auch darin Verstand zeigen, dass sie weit weniger sprechen, als ich heute tue. Kommen Sie! Kommen Sie! Sie sollen jetzt etwas von meiner Niederlassung sehen.
Mit dieser lakonischen Wendung hatte Ackermann ein leichtes Käppchen ergriffen und forderte Louis auf, ihm in den Hof zu folgen. Die Magd brachte draussen einen Schirm und erhielt im Vorübergehen die Weisung, dass sie sich doch wohl schon auf ein Couvert mehr eingerichtet hätte? Die Magd nickte resolut, als wollte sie sagen: Was denken Sie, Herr Akkermann! Alles besorgt! Sie sagte aber:
So politisch werde' ich doch sein!
Diese Äusserung muss uns auffallen; denn sie war gerade jene unpolitische Liese, dieselbe Magd, die beim Heidekrüger Justus unter den Weltstudien ihres Herrn so viel gelitten hatte und jetzt in diesen neuen Dienst getreten war, während Justus in der Residenz eine grosse politische Rolle spielte und den Chef einer "Fraction" machte.
Rasch eilten die Männer über den Kieselboden und das nasse Hofpflaster hin.
Louis überzeugte sich jetzt erst, wie jugendlich das Aussehen des Generalpächters war, wie hoch und schlank sein Wuchs, wie fein sein ganzes Wesen! Er musste sich sagen, dass Ackermann sicher einst eine der schönsten männlichen Erscheinungen war. Sein Auge hatte etwas Durchdringendes, seine Stirn glänzte edel und hell, die Nase und der Mund waren von grosser Feinheit. Sein