wohl möglich sein.
Der Ministerpräsident. Ich verachte den Absolu
tismus früherer zeiten, den diese Tage niedergeworfen haben. Es ist ein gefälltes Ungetüm, das vom Schwerte des Zeitgeistes St.-Georg getroffen zu Boden liegt. Der Absolutismus der Polizeigewalt und der patriarchalischen Despotie wird nie wieder sein Haupt erheben dürfen. Aber ich frage Sie auf Ihr Gewissen, ob Sie den Staat, wie ihn einmal die geschichte nicht als Zufallsprodukt der Privilegien, sondern als Naturprodukt der Gesellschaft, der Existenz, des Lebenmüssens, meine Herren, des Lebenmüssens überliefert hat, ob Sie, sag' ich, diesen Staat jemals für etwas nur Relatives halten können?
Eine stimme. Sophistik!
Der Ministerpräsident. Sophistik? Sagen Sie
Logik, mein Herr! Wer ist ehrlich mit dem Wohle der Menschheit meint, kann keinen Staat und wär' es den kleinsten, zufälligsten, für etwas Relatives halten, für ein zufälliges Ergebniss ewig schwankender Bestimmungen. Das Absolute im staat ist die Gesellschaft! Das Absolute ist der gegebene Mensch! Dieser Absolutismus soll das Ruder aller Politik sein oder die Politiker werden Verräter am allgemeinen Wohle, Friedensbrecher, Rebellen nicht gegen den Fürsten und die Krone allein. Nein, Rebellen gegen den Armen, der leben soll und nicht leben kann, Rebellen gegen das grosse Rätsel unsers Daseins, das man zu lösen haben wird nicht in den Lehrstuben der Doktrin, nicht in den Bureaux der Beamtenwelt, nicht in den Palästen, sondern in den Hütten, in den Werkstätten, in den Kranken- und Siechhäusern, ja auf den Friedhöfen, meine Herren, unter den Gräbern. Denn der Tod ist das gelöste Rätsel dieses Lebens! (Rauschender Beifall von allen Seiten des Hauses.)"
Da sehen Sie nun, unterbrach Ackermann den erschütterten Louis, da sehen Sie nun, wie die Phrase die Menschen regiert!
Ah, unterbrach Louis, hier ist mehr als Phrase.
nennen Sie es lieber, antwortete Ackermann lächelnd, ein Einlenken auf die übliche Heerstrasse der Rhetorik! Ich gestehe, in Allem, was ich von dem Fürsten in diesen Berichten nun seit acht Tagen gelesen habe, bewundern zu müssen, wie er es versteht, die Schlagworte der Zeit in Augenblicken der Gefahr zu hülfe zu rufen. Aber ich sehe doch, er eskamotirt sie.
Wie verstehen Sie das? fragte Louis besorgt.
Er ficht mit den Waffen seiner Gegner. Er entwindet ihnen die Rappiere, die sie gegen ihn brauchen wollten und schlägt vortreffliche Paraden. Noch bin ich nicht klar, ob er wirklich ein Taschenspieler der Begriffe ist. Nur ehrlich sein! Nur aufrichtig, Prinz! Er soll sagen, ich bin ein Absolutist! Ich bin beauftragt von der Monarchie, ihre schwankende Sache zu führen! Was windet er sich so durch die Doctrin von Arbeit und Tätigkeit und Existenz ...
O mein Herr, unterbrach Louis den skeptischen Agronomen, der in diesem Augenblicke an die hohe Stellung seines Patrons nicht dachte, diese Doctrin ist sehr heilig und für den Fürsten unendlich wichtiger als die Spitzfindigkeiten der Advokaten.
Die lieb' ich nun erst gar nicht, die veracht' ich wie unser lieber Fürst! Aber Sie sehen aus dieser kleinen probe seiner schwierigen Stellung – Sie werden die Sitzungen mit Aufmerksamkeit verfolgen – Mein Exemplar steht Ihnen immer zu Diensten – lesen Sie und Sie werden bald merken, dass sich Egon mit dieser Teorie von der Entsagung und der Pflichterfüllung der Menschen in eine Sackgasse verliert, in der ich für ihn sehr viel Unglück erblicke. Es ist von Genf her etwas Calvinistisches in ihm stecken geblieben, er ist trotz der schönen Melanie ein Puritaner und ich wollte, ich dürfte ihm einmal recht den Text lesen ...
Ackermann fiel in einen so warmen, vertrauten, doch liebevollen Ton über Egon, dass Louis nicht umhin konnte, ihn zu fragen, was er ihm dann wohl sagen würde?
O, sagte Ackermann, Sie sind sein Freund, er hat Ursache, Sie zu lieben; denn durch das wunderbare Labyrint seiner Jugend haben Sie ihn treu geführt. Lehnen Sie dies Lob nicht ab! Egon ist eine merkwürdige Erscheinung. Ja, ja! So jung! So reif! So weltklar! Ich sah es gleich an seinen Augen, dass in denen ein geheimnis schlummert. Wenn Sie ihn von mir grüssen und ihm Versicherungen geben wollen über Das, was ich Ihnen Alles noch von der Praxis meiner Pläne zeigen werde, so sagen Sie nur, in der Politik verirre er sich! Ihm, das säh' ich schon, wären Kammerauflösungen, Verfolgungen, Einkerkerungen ein Leichtes! Er wird bald alle Mittel verschossen haben, um auf friedliche Art zur herrschaft seiner Teorieen zu kommen! Er soll sich, sagen Sie es ihm, er solle sich vor den gewaltsamen Mitteln in Acht nehmen; die sind zweischneidig, treffen ihn selbst. Und unsre Zeit will keine Lehre, keine Doctrin, wenigstens sieht die seine so aschgrau aus, wie da die ganze Flur draussen. Sehen Sie hinaus, wie der Regen tröpfelt! Der ganze Himmel ein grosses Sackleinen! Langweilige Raben fliegen mit matten Flügeln träge über die entlaubten Bäume hin! Sagen Sie doch Egon, ob er vergessen hätte, dass das Alles grün werden muss und dass es im wald, wo er mit Selma einst wandelte, viel fröhlicher aussieht! Es ist gar nicht möglich, in unsrer Zeit das Evangelium der Pflichten zu predigen. Es ist grausam sogar, den Menschen allein auf die Arbeit zu verweisen. Wer arbeitete denn nicht gern?