sich in seiner natürlichen Art heiter und unbefangen gehen liess und von Melanie's immer gleicher Laune und ihrer kleinen liebenswürdigen Gefallsucht höchst angenehm unterhalten wurde. Dass Akkermann von einem älteren Verhältnisse sprach, Louis nur von einem jüngern wusste, kam in dem Druck der Tatsache selbst, die schwer genug auf Louis lastete, nicht zur Sprache. Auch die folgende Bemerkung Ackermann's, dass es dem Prinzen unter diesen Umständen viel Selbstüberwindung gekostet haben müsse, die Verwaltung seiner Güter ganz von dem Vater des schönen Mädchens zu trennen, kam nicht zu genauerer Erörterung; denn Louis wusste, wie weit der Terrorismus gehen konnte, mit dem sich Egon selber zügelte und sich bis zum Herzlosen auch darin bändigen konnte, dass er Melanien liebte und ihrem Vater dennoch darum nicht den geringsten Vorteil bot ... Das war ganz in Egon's Art.
Ackermann konnte sich von den Nachforschungen über Egon nicht so bald trennen. Der Gedanke an den jungen Prinzen, den er so genau zu kennen glaubte, schien ihm von solchem Werte, dass er Louis nach allen Umständen seines jetzigen Lebens fast ausforschte.
Als Louis seine Neugier befriedigt und ihm besonders von Egon's politischer entwicklung erzählt hatte, ergriff Ackermann die Zeitung, die er bei Louis' Eintreten gelesen und sagte:
Nach Dem, was ich von Ihnen und von ihm selbst weiss, überfällt mich da oft ein sonderbarer Zweifel, wenn ich seine Äusserungen in der kammer lese. Ich finde ihn ausserordentlich schroff.
Er ist von seinen Überzeugungen erwärmt ...
Er; aber diese Überzeugungen sind für Andere von einer, ich möchte sagen puritanischen Kälte. Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, dass es in Frankreich eine politische Partei gab, die der Doctrinäre ...
Ihre Politik compromittirte das Königtum.
Egon ist nicht viel besser ...
Er hasste jedoch immer die Politik der Professoren ...
Es ist gar nicht gesagt, dass die Doctrinäre Professoren sein müssen; auch Kaufleute und Advokaten können es sein, wenn sie an bestimmten Doctrinen zu fest kleben und sie um jeden Preis geltend machen wollen. Die Politik der jetzigen Übergangszustände unserer Staaten ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Wer dem geist der massen mit einer Lehre und sei es welche es wolle, entgegentritt, findet Widerspruch von allen Seiten. Ich fürchte sehr, dass sich Egon ausser seinen politischen Gegnern, die an und für sich schon durch die Parteien und deren Interessen gegeben sind, auch noch die Teoretiker auf den Hals ladet. kennen Sie diese Rede? Ich finde sie bereits zu excentrisch für ein so junges Ministerium.
Ackermann zeigte auf eine Stelle der Zeitung, die er Louis hinhielt. Es war wieder das "Jahrhundert." Man sah, dass diese Zeitung hier überall auf bestimmte Veranlassung gehalten wurde.
Louis las den Tag der Sitzung. Es war einige Tage nach seiner Abreise, dass Egon die folgenden Worte, die Louis laut vorlas, gesprochen hatte:
"Denn, meine Herren, woran leidet unsere Zeit? An dem Mangel einer sichern und festen Lehre über den Staat? Glauben Sie Das nicht! Sie leidet unter dem Mangel an Geduld und Prüfung. Sie leidet unter dem Mangel der Unterordnung und des bescheidenen Bewusstseins seiner nächsten Pflichten. Wo Sie hinblikken, werden Sie arbeitende Köpfe und feiernde hände finden. Ein Jeder bildet sich ein, wenn nur die teoretische Formel, das matematische Gesetz unserer Existenz gefunden wäre, würde diese sich sogleich darnach ändern ohne unser Dazutun. Die Gesellschaft ist, sagt man, krank, meine Herren. Sie ist es, ich läugne es nicht. Aber die Heilung liegt in uns, nicht in den Geheimmitteln der bisher gerufenen Ärzte. Woran fehlt es überall? An der wahren Diät der Geister. Entaltsam, nüchtern, streng gegen sich selbst zu sein, wem fällt Das noch ein? Luxus ist die Vorstellung des Reichen und des Armen. Die Phantasie gaukelt sich in den kühnsten Idealen von Erdenglück und suchen will Niemand das Erdenglück, nur finden wollen es Alle. O, meine Herren, diese Welt kommt mir vor wie das Spiel der Kinder, wo Alle Feldherren, keiner Soldat sein will. Vergeben Sie mir, dass ich mich an Sie selbst wende, an Sie, die hier versammelten Gesetzgeber eines grossen Staates. Ich ehre das Recht des Volkes, sich die Bevollmächtigten seiner Wünsche zu wählen. Aber gestehen Sie, auf jeden von Ihnen kommt, ehe er gewählt wurde, eine solche Fülle der Aufregung, an Jeden knüpfen sich so viel Leidenschaften des Ehrgeizes und der Streitsucht, dass man ernstlich für eine Gesellschaft fürchten muss, die so durchwühlt wird vom Unbestimmtesten, so in fieberhafter Hast auf Ihre Entscheidungen wartet, so nur vielleicht wartet, bis ein Jeder von Ihnen sich als Persönlichkeit und Träger des ihm geschenkten Vertrauens würdig zeigt. Ich ehre Ihr Recht der Prüfung, aber fragen Sie Ihr innerstes Herz, ob Sie hier Alle auf diesen Sesseln sitzen in dem Bestreben, das Staatsleben zu vereinfachen und nur die Tatsachen geltend machen zu wollen, die ... (Murren. Unterbrechung.)"
Lesen Sie nur weiter! sagte Ackermann.
Louis las, indem sich seine Züge verdüsterten.
"Eine stimme. Sie sprechen für den Absolutismus.
Der Ministerpräsident. Ich nehme das Wort auf, das Sie mir zurufen. Was nennen Sie Absolutismus? Glauben Sie, dass ich eine der Freiheiten verkümmern will, die diese zeiten dem volk gegeben? (Neue Unterbrechung.)
Eine stimme. Das dürfte nicht