1850_Gutzkow_030_603.txt

ist mit Mühe und Kosten aus fernher entbotenem Material erbaut. Wozu Das? Wir brennen die Ziegel selbst und verkaufen, was wir an Überfluss haben. Allein damit noch nicht genug. Wir Ökonomen werden die Hand auch Euch Industriellen zum gemeinsamen Wirken reichen müssen. Landwirtschaftliche Gewerbe dürfen nicht fehlen; denn wo nicht Alles Hand in Hand geht, wo nicht jeder Anbau seine mehrfache Nutzung, auch die Menschenkraft, auch die sich oft ergebende Musse und die Ruhezeit benutzt wird, bleibt ein Capital tot liegen. Gegen Kartoffelbrennerei sträub' ich mich, obgleich der Mehrbedarf von Kartoffeln sich dadurch so lebhaft aufdrängt, dass sie als Hackfrüchte dem Boden eine gute Ausrodung garantiren. Aber ich denke doch die Rübe vorzuziehen und werde Zucker fabriziren. Die Metode ist vereinfacht worden, der Apparat nicht mehr allzu kostspielig. Und welches Futtermaterial gewinn' ich nicht! Wie kann ich den Arbeiter im Winter so behaglich beschäftigen! Sehen die Leute hier, was Maschinen so treu verrichten helfen, die Abneigung gegen sie wird sich legen, sie werden mir dann jene Unterstützung gewähren, die ich leider jetzt noch nicht allzubereitwillig antreffe.

Angenehm unterhalten von dieser offenen, sachkundigen Auseinandersetzung sagte Louis:

Ich finde auch eine amerikanische Mühle im Bau begriffen.

Zum Entsetzen aller Müller der Umgegend, fuhr Ackermann wohlwollend und in seinem schönen Organe fort. Das ist nun nicht anders. Feindschaft des Zunftwesens folgt überall den Fortschritten des menschlichen Geistes. Es tut mir leid um die Herren in ihren blaugrauen Mehlröcken ... glücklicherweise sind alle Müller der Gegend reich. Nun mögen sie von ihren Zinsen leben oder die Preise, die meine Mühle stellt, auch an ihr schwarzes Preiscourantbret schreiben. Bis zum Frühjahr sind wir mit dem Mühlenbau fertig. Sie sollen diese erfindungsreiche Construction sehen, wo derselbe Umschwung der Räder das Getreide sichtet, es aufschüttet, zermalmt, das Mehl siebt und von der Kleie scheidet. Man wird das Brot hier künftig wohlfeiler essen und man braucht diese Erleichterung, denn die Ortschaften ringsum sind arm, alle Handtierung ist heruntergekommen und je tiefer hinein Sie in die Berge gehen, je elender fristen die Einzler in baufälligen Hütten ihr Dasein, das doch ohne Brot nicht sein kann.

Der Prinz wird eine Freude haben, von allen den Dingen zu hören, sagte Louis mit aufrichtigem Herzen, Egon darin wohl kennend.

Umsomehr wird er es, fiel Ackermann ein, als ich aus den Zeitungen hier sehe, dass er ja ganz auf die hohe See der Politik hinaussegelt. Er ist Minister geworden. Glauben Sie, dass ihm dieser Wirkungskreis Freude machen wird?

Egon gehört zu den Naturen, die in der Arbeit ihren Genuss finden, antwortete Louis.

Ackermann hörte diese Bemerkung mit sichtlichem Wohlgefallen.

Erzählen Sie mir von Ihrem gönner, sagte er, rückte Louis einen Stuhl zurecht und öffnete den Deckel einer Havanakiste, um ihm Cigarren anzubieten.

Louis nahm zögernd.

Eine chemische Zündmaschine, deren Hahn Ackermann nur drehte, gab im Nu Feuer und ohne sich von der fremdartigen, neuen Umgebung nun noch beengen zu lassen, teilte Louis so viel von seinen persönlichen Beziehungen zu Egon mit, als er nur irgend glaubte davon erzählen zu dürfen. Die Beziehungen zu seiner Schwester und zu Helenen verschwieg er.

Ackermann hörte sehr aufmerksam zu und bestätigte das Ergebniss dieser Mitteilungen mit den Worten:

Ja! Ja! Der Fürst ist keine gewöhnliche natur! Wie hätt' ich sonst mich entschliessen können, in seinen zerrütteten Vermögenszustand meine Hand zu stekken! Er machte mir einen bedeutenden, und ich kann wohl sagen, wohltuenden Eindruck, so spröde ich mich auch anfangs gegen ihn erwies.

Sie kennen ihn genauer? fragte Louis, erstaunt, dass ihm Egon niemals davon gesprochen hatte ...

Wohl, sagte Ackermann, von jenem Incognito her, das er im Sommer beobachtete, um sich hier den Zustand seiner Güter anzusehen.

Louis fand in dieser Äusserung nichts, was ihn bestimmen konnte, irgendwie zu ahnen, wie Ackermann den Prinzen mit Dankmar verwechselte. Egon war in Hohenberg gewesen, Egon hatte Ackermann selbst in seiner Gegenwart gerühmt, ohne sich auf den Ursprung seiner Bekanntschaft mit ihm weiter einzulassen.

Ich bin durch diese für seine Jugend überraschende Laufbahn als Staatsmann umsomehr befriedigt, sagte Ackermann, als ich die Gefahren zu kennen glaube, in die ein hochgestellter junger Adliger nur zu leicht gerät, wenn seinem geist nicht die rechte Nahrung geboten wird. Ich fand ihn nahe daran, der Spielball koketter Frauen zu werden. Ein Portefeuille rettet gewiss aus jedem Strickknäuel und wenn es verwickelt wäre, wie der gordische Knoten.

Louis errötete fast. Er gedachte Helenen's ...

Wohl muss ich sagen, fuhr Ackermann fort, dass ich selten ein schöneres Frauenbild gesehen habe, als Melanie Schlurck. Welche hohe Vollendung der Formen! Man glaubt jene Statue lebendig zu sehen, um die Pygmalion so unglücklich wurde, als sie nur von Marmor war! Ja noch richtiger möchte' ich dies Mädchen jener Armida vergleichen, die die ernstaftesten Menschen bezauberte und Weise gezwungen hat, sich in ihrer Gegenwart für dumm zu erklären. Dauert dieser Roman noch?

Leider konnte Louis nicht sagen: Nein! Es war ihm nur zu bekannt, dass Melanie Schlurck einen grossen Einfluss auf Egon seit seiner ihm und aller Welt rätselhaften Verbindung mit Paulinen von Harder gewonnen hatte. Schon seit Wochen war Egon ja gegen ihn der Alte nicht mehr. Seine Aufrichtigkeit hatte zu stocken angefangen. Dennoch wusste er, dass er bei Paulinen wie von seinen Erschöpfungen sich ausruhte, bei ihr