'm Wintereise
Der grüne Halm der Frage: Was kommt nun?
kommt wieder Lenz und prangen alle Blüten
Auf Feldern nur, im grünen Gartenhag?
Begrüssen wir mit den geschwung'nen Hüten
Nicht endlich auch der Freiheit Frühlingstag?
Bleibt Alles so im alten Weh' und Kummer,
Sowie die Sterne geh'n am Himmelszelt?
Derselbe Tag? Derselbe nächt'ge Schlummer?
Nicht endlich, endlich auch die neue Welt?
Was will ich denn? Nur dann und wann ein
Lächeln
Auch in den Seelen wie des Maien Luft!
Ein Zephyr Menschenliebe! Nur ein Fächeln
Der Hoffnung in die kranke Menschenbrust!
O muntrer Quell, du frohe Wiesenblume,
Zieht frohe Augen zu Euch niederwärts!
Zum Blütenast, zum Sternenheiligtume
blick' ängstend und entsagend nicht das Herz!
Wie müsst' es schön auf dieser Erde werden,
Umfing' einst die natur zu gleicher Zeit
Auch dieses Lebens nackteste Beschwerden
Mit ihrer Liebe buntem Feierkleid!
O Zauberland, wo auch die Herzen sprossen,
Das Leben selbst in solchen Farben lacht,
Die wie ein Regenbogen ausgegossen ...
Bleibst du der Traum nur einer Winternacht?
Die Dohle krächzt – die Nebel hüllen Alles
In der Verzweiflung graues Einerlei.
Die Todtenglocke läutet dumpfen Schalles
Und ruft den Hoffenden: Vorbei! Vorbei!
Der Stein bleibt Stein – Nie wird die Welle fliessen
Zum Berg hinan – Was kann im Eise ruh'n?
Gott lässt uns wohl die alten Blumen spriessen,
Doch seine Wunder soll'n wir selber tun!
Herr Oleander war durchaus bei all' seiner Schweigsamkeit nicht unfreundlich. Er blieb in seiner wohlwollenden Miene während der ganzen Fahrt. Oft rückte er zur Seite, als wenn er möglicherweise seinen Begleiter störte oder ihm unbequem sässe. Dann starrte er wieder auf die kahlen Felder hinaus und schien eine innere Geistesarbeit zu verrichten, wie Louis. Dichtete er vielleicht auch wie dieser? Auffallend genug, dass er zu den wenigen Worten, die er auf der Fahrt sprach, die Veranlassung von der natur hernahm und immer etwas Eigentümliches zu verfolgen schien oder beobachtete. So sprach er von den Dohlen, die sich noch die vergessenen Körner aus den durchweichten Äckern suchten, von der unschönen Form der entblätterten Weiden, die wie abgehauene Stumpfe, oben dicker als unten, an einem Graben standen, von der immer grünen Tannenwand der Berge, von der er sagte, dass sie den Kindern zu Liebe für die Weihnachtszeit grün bliebe. Wie Louis von dieser Äusserung Veranlassung nehmen wollte, nach den Kindern des Pfarrers zu fragen, für den er vicarirte, gab Oleander eine flüchtige Antwort und sah wieder hinaus in die graue Weite.
Endlich kam das kleine Gefährt dem Ullagrunde näher, an dessen Einfahrt Ackermann ein Haus bewohnte, das der reiche Bauer Sandrart in einem Anfall von Prachtliebe für sich erbaut hatte, aber immer noch nicht bewohnen mochte, weil er sich schwer von seinem gewohnten Giebeldache trennte. Das Bauerhaus war einige hundert Schritte weiter und tiefer schon hinein in die Schlucht gelegen, die von einem kleinen durch sie hinrieselnden Flüsschen der Ullagrund genannt wurde. Das stattliche zweistöckige, massive Haus, das Sandrart an den neuen Pächter des Fürsten vermietet hatte, lag noch mehr der Ebene zu und höher. Es war umgeben mit Wirtschaftsgebäuden, einem grossen hof und eingefriedigten Obstgärten. Überall sah man noch die Spuren einer neuen Anlage, die indessen einen sehr geeigneten Platz getroffen hatte.
Ackermann's Wohnhaus lag vom Wege zurückgebaut und wurde erst erreicht, wenn man einen gewaltigen Hof mit Ställen und Scheunen hinter sich hatte. Trotz des Regens, trotz der dem Ackerbau keinerlei Beschäftigung darbietenden Jahreszeit, war es in diesen Räumen nicht still. Man hörte dreschen, hämmern, sägen. Ackermann hatte sich schon jetzt auf seinem Pachtof die Menschen gemietet, die er erst mit dem Frühjahre in eine neue grossartige Tätigkeit einführen wollte. Er prüfte schon jetzt Den, den er brauchen konnte und gewöhnte diese Menschen, jede Jahreszeit auf nützliche Weise zu verwenden. Am untern Ende des ganzen Hofes, wo die Ulla floss, wurde trotz des Regens sogar gebaut. Ein ganz neues Haus stand dort fast bis zum dach aufgerichtet. Drinnen hörte man das Hämmern und Sägen von Zimmerleuten ...
Dies wird die amerikanische Mühle! sagte Oleander, der Louis' neugieriges Hinausblicken nach diesem Baue bemerkte.
Auf Louis' fragen, wann sie begonnen wurde, wann sie beendigt sein würde, wie ein solches Werk eingerichtet wäre, gab Oleander den kurzen aber artigen Bescheid:
Sie müssen sie sich ansehen.
Es schien, als wenn eine amerikanische Mühle nicht zu den Begriffen gehörte, von denen Herr Oleander ein vollständiges Bild lange mit sich herumtragen konnte.
Das Wohnhaus, noch nicht mit Kalk überworfen, stand etwas höher als der Vorhof. Es war zweistöckig und bot in seinen Fenstern einen freundlichen Anblick. Links und rechts war es von Bäumen eingeschlossen, die jetzt kahl, doch seine wirkung lebendiger hervorgehoben. Der Eingang war von der Seite, an einem ganz von Gebüschen umgebenen Brunnen vorüber. Schon stand von weissen, neugezimmerten Latten ein Dach um die steinernen Stufen, die in die Haustür führten. Dieser Eingang sollte also künftig von einer Laube überschattet werden.
Louis war ausgestiegen und unter dem schützenden grossen roten Regenschirm der Frau Pfarrerin von Plessen neben Oleander über den gekieselten Boden hingeschritten. Erst jetzt besann er sich auf Das, was er Ackermann zu sagen hatte. Er beschloss, sich so einzuführen, als wollte er eine zufällige Anwesenheit auf dem schloss Hohenberg zugleich benutzen, um dem Fürsten