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Wiedersehen!

Unten halfen Brigitte und der Gärtner Louis einsteigen. Der Kutscher schien ein Bauerbursche. Er sass schon durchnässt auf seinem Bock und war nicht wenig erstaunt, heute nach Herrn Ackermann's wohnung statt des jeden Morgen von ihm abgeholten Herrn Candidaten Oleander noch einen andern Besucher mitzunehmen.

Langsam fuhr der kleine Wagen den schlüpfrigen Weg hinunter, bog dann um den Turm, an dem Herrschaftsgebäude vorbei, in das schmale, kaum fahrbare Örtchen ein. Wie hatte sich's hier gegen den Sommer geändert! Wo war das Grün der Bäume hin! Wo der Sonnenschein, wo die funkelnden Diamanten in dem Wasserstaub der Mühle! Wo die Blumen an den Staketen und Einfriedigungen! Wo die muntre Entenschaar auf dem Teiche! Wo die fröhlichen Kinder! Ein grauer Regen hüllte die ganze natur ein. Man ahnte kaum, dass in der Nähe das Gebirge sich emporhob und auf diesen verschleierten Matten einst die Glocken der Heerden geläutet hatten. Der kleine Wagen hielt vor der düstern Pfarrwohnung Guido Stromer's.

Viertes Capitel

Der Ullagrund

Es war Louis Armand ein eigenes Gefühl, sich zu denken, dass dies niedere Haus die wohnung jenes Guido Stromer war, dem er, ohne ihn genauer zu kennen, doch hier und da schon beim Fürsten oder seit einigen Wochen in der Zeitung "Das Jahrhundert" begegnet war. Er wusste von ihm, dass er vom Fürsten auf ein Jahr Urlaub erhalten hatte, um dem Triebe seines Genius zu folgen, wie Egon einmal von ihm gesagt hatte. Er wusste, dass sein Weib, die Kinder daheim geblieben waren und dass statt Stromer's die Pflichten seines Amtes ein Vikar verrichtete, dessen Name ihn an seine eigne Herkunft erinnerte.

Louis warf über das Fussleder hinweg einen blick in das Pfarrhaus. Er sah an den kleinen Fenstern Kinder, die neugierig auf den Wagen schauten. Irrte er sich nicht, so stand auch eine Frau lauschend hinter der Gardine. Die Rouleaux waren halb niedergelassen. Blumentöpfe standen inwendig auf den Fensterbretern. Die Linden, die das Haus im Sommer beschatteten, waren entlaubt. Der ganze Eindruck war der der Einsamkeit, der öden verlassenen Traurigkeit, die in einem wehmütigen Widerspruche stand zu dem Vater dieser Kinder, dem Gatten dieses Weibes, der jetzt vielleicht noch, von den Anstrengungen einer vornehmen Abendgesellschaft ermüdet, im Bette lag oder für die grosse Welt wirkte in der rauschenden Hauptstadt!

Die Tür des Hauses ging auf und ein langer, schlankaufgeschossener junger Mann trat heraus, in einem grauen verschlissenen Mantel, eine Brille vor den Augen, einen alten roten Regenschirm in der Hand. Einige Bücher steckte er eben in die Brusttasche des Mantels, als er rasch von den zwei Stufen, die vor der Haustüre die Schwelle bildeten, mehr herabstolperte als schritt, um unter dem Regen hinweg bald in den Wagen zu kommen. Der Knecht öffnete das Deckleder, Louis rückte zur Rechten und grüsste mit der Entschuldigung, dass er sich dieses Wagens mit ihm zugleich bediene, um zu Herrn Akkermann zu fahren.

Herr Oleander musste sich sehr bücken, um unter dem Schirmdach der kleinen Halbchaise Platz zu finden. Errötend sagte er einen guten Morgen und bemerkte lächelnd, dass er schon erfahren, mit wem er die Ehre hätte.

Damit brach er sogleich ab und murmelte nur noch einige unverständliche Worte über das schlimme Wetter. Der Knecht gab dem Pferde die Peitsche und weiter ging es langsam durch den Plessener Kot an der Schmiede vorüber, in welcher es heute still war. Diese Werkstatt mit Dem, was Louis gestern Abend Alles erfahren hatte, in Verbindung zu bringen, machte auf ihn einen eigenen Eindruck. Auch gedachte er des Försterhauses, des einsamen Fränzchen's, der alten Ursula. Am Abend hoffte er bei Heunisch vorzusprechen ... Einstweilen beschäftigte ihn der Dialekt des Herrn Oleander, der wirklich an die etwas breite Art der deutschen Aussprache erinnerte, die in seinem grosselterlichen haus geherrscht hatte.

War Louis ein leicht eingeschüchterter junger Mann, der nicht gern mit seinen Empfindungen und Meinungen von selbst hervortrat, so war dies Herr Oleander noch in weit höherem Grade. Dieser Begleiter blieb immer höflich, wenn es sich einmal um den bessern Sitz, um das Ablaufen des Regens, um das Losgehen des Fussleders handelte, aber sonst kam auch keine Sylbe aus seinem mund, die nur irgendwie auf das Bestreben gedeutet hätte, seinen Nebenmann zu unterhalten, seine nähere Bekanntschaft zu machen, nach dem wahren Zweck seiner Anwesenheit in dieser unfreundlichen Jahreszeit zu fragen.

Auch Louis mochte nicht der Erste sein, ihn in ein Gespräch zu verwickeln oder gar nach seiner Herkunft zu fragen. Er dachte an seinen Stand, an den Unterschied seiner Bildung, an die Bildung eines Gelehrten. Er wagte nicht, irgendwie zu verraten, dass er, ein Tischler, von manchen höheren Dingen Kunde besass. Da Oleander nichts sprach, sondern in sich versunken dasass und in die öden Felder blickte oder den Krähen nachsah, die träge auf- und abschwebten, so folgte er dem Beispiel seines Nebenmannes und versank vorläufig wie er in Träumerei. Es gestaltete sich ihm in Hinblick auf die öde natur ein französisches Gedicht, das ihm später so von Siegbert übertragen wurde:

Du grauer Nebel, spinnst du Leichentücher?

Singst, heis'rer Vogel, du ein Todtenlied?

Erschrickt das Auge, das im Buch der Bücher

Die letzten Blätter aufgeschlagen sieht?

Sie fallen nieder, die natur haucht leise

Ihr letzt' geheimnis aus und will sich ruh'n;

Da hebt sich schüchtern unter