, ausnehmend lobte. Der junge Maler, von dem Stillleben dieser Scene wohltuend angeregt, schob den Entschluss, sich mit der Copie der Kirche begnügen zu lassen, noch eine Weile auf und richtete seinen Standpunkt nun so ein, dass er die Kirche und zugleich den Pavillon beobachten konnte. Die hochgewachsene, edle, in jüngern Jahren gewiss sehr schön gewesene Frau schien den alten Herrn auf ihn aufmerksam zu machen. Ohne sich aber dabei umzuwenden oder ein Zeichen von Anteil an den gesprochenen Worten seiner Tischgenossin zu geben, ass der Greis ruhig die speisen, die ihm von ihr vorgelegt und sogar geschnitten wurden. Statt aus einem Glase trank der Alte den Wein aus einem grossen silbernen Becher; wie Siegbert bemerkte, wohl deshalb, weil er mit beiden Händen ihn zum mund führen musste, so zitterten sie. Bis die Mündung eines Glases zum dürstenden mund gekommen wäre, hätte sie lange gewährt; der Becher war leichter zu treffen. Die beiden Diener verrichteten ihr Geschäft lautlos – Alles war still – nur der Rabe grammelte und krächzte zwischen den Reden der freundlichen Dame.
Sehen Sie, wie die Welt ist! sagte in diesem Augenblick wieder der Fremde, der hinter Siegbert stand.
Er musste, während Siegbert die Blicke auf den Pavillon gerichtet hatte, von dem Hügel herabgekommen sein.
Sehen Sie, wie die Welt ist, sagte er mit schneidendem Spott. Gesetzt, der silberne Becher da, den der Alte da kaum an die Lippen bringen kann, käme plötzlich fort – Was geschähe nun? Man würde uns Beide für verdächtig halten. Sie würden nur Ihren Namen zu nennen brauchen, um gleich davon zu kommen; ich aber, weil ich ihnen ein herrenloser Bedienter zu sein scheine, würde sofort arretirt, sässe sechs bis acht Wochen, bis ich nur inquirirt bin, dann würde ich in zwei Instanzen höchst wahrscheinlich mindestens zu sechs Monaten Zuchtaus verurteilt, und erst in der letzten entdeckte der alte Metusalem da selber, dass sein Rabe es gewesen, der den Becher gestohlen hat. Und warum? Das kommt Alles daher, dass Einer von Albums spricht und selbst nicht in Goldschnitt gebunden ist.
Sie kränken mich, antwortete Siegbert, wenn Sie glauben, dass ich Jemanden seines Rockes wegen geringschätzen kann. übrigens scheint Ihre Phantasie so mit Gerichtsscenen erfüllt, dass ich mich zu fürchten anfange und allerdings nicht zurückbleibe, falls die Herrschaften da fortgehen und den silbernen Becher ohne Obhut zurücklassen.
Damit wollte Siegbert, überdrüssig der ihm nun lästigen Gesellschaft, rasch seine Mappe zusammenlegen und sich wirklich entfernen. Der Fremde streckte aber den dünnen knöchernen Finger auf sein Skizzenbuch und sagte:
Erlauben Sie erst noch, mein Herr, dass ich Ihnen zum Dank für Ihre Unterhaltung auf Ihrer Zeichnung einen Fehler sage!
Es sind deren viele, antwortete Siegbert kurz. Ich werde sie ein andermal verbessern.
Nein, nein, sagte der Fremde – den Fehler bemerken Sie doch nicht. Sie haben da am Kreuz etwas nicht richtig gemacht.
An welchem Kreuz?
Dem da über der Kirchtür. Sie haben – sehen Sie – die Enden der vier Kreuzes-Flügel bald mit einem dreiund bald mit einem vierblätterigen Kleeblatt bezeichnet. Sehen Sie aber hin; es sind immer nur vier Blätter. Nur die Tempelherren der alten deutschen Zunge hatten immer das dreiblätterige Kleeblatt.
Voll Erstaunen über diese Auskunft sah Siegbert nach der Kirche und fand die Bemerkung ebenso richtig, wie für ihn des fremden Menschen Kenntnisse in der christlichen Ornamentik überraschend waren.
Wo haben Sie diese architektonischen Feinheiten studirt? fragte er.
Der Fremde sagte lachend:
Freimaurer sollte heute' Einer sein! Glauben Sie mir! – dann macht er sein Glück! Leider hab' ich's verpasst, als ich's konnte, und jetzt nimmt mich keine Loge mehr auf. Oder bin ich zu jung? Doch was das Kreuz anlangt, so hab' ich Das von vielen Häusern her in der Stadt da unten! Diese Häuser gehörten früher dem Orden der Tempelherren an. Dann kamen sie an die Johanniter, von diesen an die Stadt. Die Stadt hat aber mit dem Staat seit Jahren einen grossen Process darüber, bei dem Millionen auf dem Spiele stehen, viel alte Häuser und eine Menge anderer Liegenschaften aus alten zeiten her, die aber an den Kreuzesenden Vierblätter hatten – warum weiss ich nicht – ist auch wenig daran gelegen – drei – oder vierblätterige Kleesaat – das Vieh frisst Alles durcheinander.
Damit ging er wieder, eine abscheulich gleichgültige Miene schneidend, auf die schon vorhin von ihm geknickten Kornähren zurück und warf sich, eine Arie trällernd, auf seine alte Lagerstatt, als wäre sie sein gewöhnlicher Aufentalt.
Nun wieder zu sehr erregt und gebannt, um sich entfernen zu können, wollte Siegbert noch eine kurze Weile bleiben. Wie er so wieder zu zeichnen anfing und das Kreuz nach des Fremden Angabe verbessern wollte, kommt aus dem Garten der alte Diener zu ihm herüber und überreicht ihm im Auftrage seiner herrschaft eine reiche Spende Weines in einem grossen krystallenen Wasserglase. Es ist heute heiss! war Alles, was der alte Mann als Veranlassung dieser Artigkeit dabei sagte. Siegbert, ganz betroffen, blickte zu dem Pavillon hinüber. Die holde, gute Dame grüsste gar artig, winkte lächelnd und drückte Das, was eben der Diener gesagt hatte, in freundlichen, aber ihm nicht hörbaren Worten und mit holden Blicken aus. Während sie sprach, krächzte der Rabe, als fühlte er etwas von Neid. Der greise Neunzigjährige aber zeigte auch jetzt nicht die geringste