Nachfolger Heunisch ist. Den Namen Franziska Heunisch hört' ich zuerst bei meiner Nachbarin Louise Eisold, dann von jenen Feinden dieses jungen Mädchens, die mich veranlassen wollten, sie zu entführen. In dem Drange, den Beziehungen meiner Verwandten auf die harmloseste Art näher zu kommen, ging ich scheinbar auf die mir gemachten Vorschläge ein –
Von Wem kamen sie? sagte Louis. Wie oft versprachen Sie mir diese Aufklärung!
Lassen Sie mich schweigen, sagte Murray. Sie würden sie strafen wollen und mir nur Verfolgungen zuziehen, die ich jetzt noch nicht wünschen kann. Genug, ich wusste nun von Franziska, von den Märtens, Ihnen und Ihrem gutmütigen Nebenbuhler Heinrich Sandrart, dass Ursula Marzahn und ihr Bruder Jakob Zeck beim Fürstlich Hohenbergischen dorf Plessen wohnen. Ich folgte Ihnen. Ich schützte Ihre Freundin. Und da bin ich nun und weiss nicht, wie ich, ohne von den toten leibhaft aufzustehen, nach dem Schicksal jenes Kindes forschen soll, das in allen meinen Anfragen nach der etwaigen Umgebung dieser Menschen nie genannt wurde. Wie ich jenes Mädchen auf dem Wege des Lasters fand, wer weiss, ob ich meinen Sohn nicht als Verbrecher finde!
Dann wäre Ihnen besser, Sie entdeckten ihn nie, bemerkte Louis ...
O! O! Ich glaube an die Möglichkeit moralischer Besserung; nur kommt es auf die richtigen Mittel an. Ein Verbrecher gleicht einer erstarrten Schlange, die man an seinem Busen aufwärmen muss ...
Um sich zum Dank von ihr verwunden zu lassen?
Ich wählte kein gutes Bild. Nehmen Sie den Verbrecher sich selber nah, entziehen Sie ihm die Möglichkeit des Fehlens, erwärmen Sie ihn durch Liebe und Vertraulichkeit, erheben Sie ihn dadurch, dass Sie zu ihm niedersteigen ... ich will nicht sagen, dass Alle dem Besseren zu gewinnen sind: Mancher ist es: warum sollt' ich ihn nicht suchen?
Ich helf' Ihnen, schloss Louis und horchte. Es schlug zehn Uhr vom Kirchturme im dorf. Es war kalt geworden. Man hatte vergessen, im Ofen nachzulegen. Murray fröstelte wie ein Fiebernder.
Sie sind krank? Sie regten sich auf? Was haben Sie? sagte Louis Armand.
Das erste Gefühl einer Frau, die Mutter wird, antwortete Murray lächelnd, ist Fieberfrost. Mein geständnis hab' ich abgeschüttelt. Sie werden es pflegen und schützen. Aber es überrieselt mich doch ...
Besprechen wir morgen, sagte Louis, die Mittel, um bei der Schwester und bei dem blinden Bruder nachzuforschen, welches Schicksal einem kind geworden ist, das ihnen einst der Zufall anvertraute.
Keine Übereilung! rief Murray.
Wir haben ja Zeit, sagte Louis. Sie arbeiten hier in der Stille. Ich soll noch einige Tage bleiben und wer weiss, ob meine Abwesenheit von der Stadt ... nicht wohl gar ... Er stockte voll Betrübniss.
Gewünscht wird? fragte Murray.
Als Louis schwieg, sagte der Alte:
Louis Armand, Sie müssen morgen meine Aufrichtigkeit vergelten und mir sagen, ob auch Sie Kummer haben?
Louis gab Murray den einen Leuchter, während er selbst den andern ergriff und sagte ruhig ausweichend:
Gute Nacht für heute! Sie suchen einen Sohn, edler Mann! Nehmen Sie vorläufig mich an seiner Statt. Sie haben mich tief erschüttert und das Gefühl der Wehmut, das seit einiger Zeit über mich und einige Freunde gekommen ist, vollends aufgelockert bis zum tiefsten Lebensernst. Es gibt denn doch nur wenig Wahrheiten, die uns so aus der Luft zufliegen und gleich unsern innersten Menschen befriedigen können. Aus der eignen Brust heraus müssen wir weise werden, aus dem Bedürfniss unsrer eignen Seele zum Guten kommen. Dank! Dank Ihnen für Ihr Vertrauen! Sie haben es nicht verschwendet. Der Fremdling ist Ihr Freund, Ihr Schüler, Ihr Sohn!
Murray lächelte milde. Er sah sich dann im Zimmer noch etwas mistrauend um, leuchtete an das Fenster, bemerkte, dass der Sturm etwas nachgelassen, schloss die Fenster, bedeckte seine kleine Werkstatt, schloss den Flügel und konnte sich nicht so rasch von dem Zimmer trennen.
Ist es mir doch, sagte er schon im Gehen, als wenn diese Wände zu viel erfahren hätten! Oder ergreift mich ein Bangen in der Nähe meines Bruders? Ich glaube, er würde mich trotz seiner Blindheit erkennen, wenn er meinen Atemzug hörte –
Träume der Aufregung, Murray! Beruhigen Sie sich! Ihr geheimnis schlummert in meinem Herzen!
Murray drückte Louis die Hand und folgte in das Vorzimmer, wo Louis schlief. Er selbst ging über den Corridor in ein entgegengesetztes Gemach, das er gerade aufschloss, als die Kirchturmuhr schon ein Viertel auf elf Uhr schlug, eine Stunde, wo auf dem land, auch im Sommer, wie vielmehr jetzt, Alles im tiefsten Schlummer liegt.
Der Morgen brach an, wie der Abend endete. Das Wetter hatte sich noch nicht aufgeklärt. Derselbe nebelgraue, feuchte Himmel. Louis hätte ihn so gern gewünscht seiner Stimmung gemäss. Er hätte nach Dem, was er gestern von einem der seltsamsten Menschen, denen er im Leben bisher begegnet war, gehört, die neuen, gewaltigen Eindrücke so gern in Luft und natur hinaustragen mögen, um sich der ihn drückenden Schwere dieser geistigen Last etwas entbunden zu fühlen. Der Himmel bot sich aber nicht zu dieser hülfe an. Er blieb verstimmt und verstimmend, verschlossen dem Blicke, der so gern zu seinem Blau emporgeschaut hätte.
Der junge Arbeiter, der hier zu einer unfreiwilligen