tun. Wenn sie es verspräche, so könnte sie gewiss sein, dass die hohen und einflussreichen Verwandten der Dame Alles aufbieten würden, das los ihres gefangenen Bruders, dieses ruchlosen Abenteurers und Betrügers, zu mildern. Meine Schwester Ursula, noch entsetzt von dem Anblick des blinden älteren Bruders, voll Teilnahme auch für mich, mehr noch aber gereizt durch den Gewinn versprach, das zu erwartende Kind zu sich zu nehmen und für dessen Schicksal zu sorgen. Acht Tage vor meiner Verurteilung hatte die Entbindung von einem Knaben stattgefunden. Meine Schwester hatte dreitausend Taler empfangen, klagte aber, dass sie schon dem blinden Bruder davon die Hälfte abgeben sollte. Dieser war noch immer an dem schrecklichen Orte, wo meine Schwester in Diensten stand. Freilich hatte sie jetzt diesen Platz zu verlieren. Ihr Herr hatte meines Bruders Verbrechen erfahren und würde nicht gelitten haben, dass sie mit dem kind bei ihm geblieben wäre. Wo ist denn nun das Kind? fragt' ich damals und wohin willst du dich mit ihm wenden? Meine Schwester hatte zu allen zeiten etwas Verwirrtes und Seltsames. Statt auf meine Frage zu antworten, antwortete sie darauf selbst mit fragen. Nach Allem, was mir Franziska Heunisch von ihr erzählte, wundert es mich nicht, dass sie in ihren alten Tagen das Wesen einer Hexe angenommen hat. Wenn's nur erst über den grünen Klee ist! sagte sie damals. Was sie damit meinte? fragte ich. Ist das Kind schwächlich? Ist es krank? Wie wird es genährt? In diesem Augenblick, erfüllt von der ganzen gewaltsamen Teilnahme für ein Wesen, das mir noch für die Zukunft einen gewissen Zusammenhang mit dem Leben gab, trat der Gefängnisswärter ein. Die Frist der Unterredung war abgelaufen. Ursula musste fort. Besorg' Alles gut! sagt' ich noch und drückte ihr die Hand, nicht voll Rührung, sondern voll Ingrimm. Sie ging, antwortete auf meine fragen nicht mehr und – das ist Alles, was ich von meinem kind weiss und als Beruhigung mit hinüber nahm in die neue Welt.
Louis erwiderte, dass hier ja Anhalt genug zum weitern Forschen gegeben wäre.
Das wohl, sagte Murray, aber ich ahne nichts Gutes von dem Ergebniss. Eine Nachfrage bei jenen Frauen –
Leben sie noch? fragte Louis rasch.
Sie leben noch! sagte Murray. Sie leben in Glück und Freude! Ich will sie nicht stören in der Ruhe ihrer Herzen, wenn diese Herzen ruhig sind.
Ah, sagte Louis, doch nur, weil es gefährlich ist, den Verdacht solcher Tigerinnen zu wecken. Denn sonst –
Ich will keine Rache, erklärte Murray. Hätt' ich auch ein Recht dazu? Kaum zur Strafe für Das, was mir wirklich Schlimmes von ihnen widerfuhr. Bei ihnen wagt' ich nicht zu forschen ... so ging' ich ... schaudervoll zu sagen ... wo ich zuerst um das Schicksal eines so elend auf die Welt gekommenen Wesens nachfragte ...
Am Hochgericht!
Entsetzliches Gefühl, mit dem ich die Anhöhe hinaufstieg, die zur Schädelstätte der Verbrecher führt! Wie tief ritzten die Dornen, die ich mir selbst auf's Haupt setzte, in's Fleisch! Wie blutete ich unter dem Druck des Märtyrertums der Reue, zu dem ich mich freiwillig darbot! Ich klopfte an die Pforte der unheimlichen wohnung auf der Höhe und fragte nach dem Doctor Lehmann, so nannte man sonst den Pächter. Er war tot. Sein Nachfolger wusste nichts von Ursula Marzahn, nichts von Jakob Zeck. Ich ging den Berg hinunter, als wenn feurige Flammen unter mir aus dem Boden schlügen. Ach, ich nahm es für eine gute Vorbedeutung, dass man hier nichts von dem Vergangenen wusste. Eine neue Generation hatte die alte verdrängt. Die Vögel sangen in der Luft, die Ernte stand so voll und hoch und reif. Ich setzte mich in's Korn unter blaue Blumen und dankte Gott, dass ich nichts erfahren hatte.
Murray schwieg eine Weile, um sich zu erholen. Dann fuhr er fort:
Ich suchte den Wächter meines Gefängnisses auf ...
Den fürchteten Sie nicht?
Er hatte mich entfliehen lassen ...
Der Brave!
Weil er seine Pflicht verletzte, brav?
Wir vereinigen uns nicht, Murray ... sagte Louis kopfschüttelnd.
In diesem Falle doch, wenn ich Ihnen sage, dass dieser Gefangenwärter mir entdeckte, warum ich nicht in das Zuchtaus kam, sondern zu einsamer Haft begnadigt wurde.
Murray erzählte die Umstände, die wir wissen.
O diese Teufel in Frauengestalt! rief Louis. Sagen Sie mir, wer sie sind?
Murray, auf diese Worte nicht achtend, fuhr fort:
Auch hier hatte der Tod schon den Posten abgelöst. Ich entdeckte eine Tochter jenes braven Mannes, jenes Mädchen ...
Das Sie allein zu grab begleiteten?
Murray nickte.
O glauben Sie mir, rief Louis, was Sie für Herbststurm gehalten haben, als Sie an der aufgeschütteten Erde des Friedhofes standen, Das waren die Chöre der Engel, die ein Requiem der armen Seele sangen und ein Hosiannah Ihnen.
Murray lehnte dies Lob ab und fuhr in seinen Angaben fort:
Von jenem Mädchen hört' ich zum ersten male, dass eine Ursula, die sich Marzahn nennt, mit jenen Frauen noch in einem gewissen Zusammenhange steht. Nach diesem Namen forschend, hört' ich, dass Marzahn der Name eines verstorbenen Försters in Fürstlich Hohenbergischen Diensten war, dessen gegenwärtiger