Louis sprang auf und unterbrach Murray auf das Heftigste.
Sprechen Sie Das nicht aus! rief er. Sagen Sie nicht, dass man verpflichtet wäre, dieser irdischen Gerechtigkeit Wort zu halten! Wenn irgendwo ist hier das Recht der Notwehr an seiner Stelle. Sie würden diese Gerechtigkeit beschämen, wenn Sie in den Kerker zurückzukehren wünschten.
Nein, mein Freund, ich würde noch mehr tun, sagte Murray, ich würde sie veranlassen, grossmütig zu sein; ich würde die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich ziehen, belobt, gerühmt, gepriesen werden – kann ich Das wollen? Müsst' ich Das gerade nicht verachten? Nein, mein Freund, nicht sich selbst angeben, sondern angegeben werden, fortgeschleppt von der Gerechtigkeit, die sich der Beute freut, Das, Das, könnte leicht mein Schicksal sein ...
Louis wehrte gewaltsam diese melancholischen Äusserungen fast mit den Händen ab. Es war ihm, als träte einer der alten Märtyrer aus den Nebeln der geschichte und drängte sich an den Holzblock, nur um für Christus zu sterben und seinen Heiland bald zu sehen.
Nun, nun, sagte Murray und streckte ihm das Terzerol entgegen. Sie merken da, dass ich noch ziemlich weltlich gesinnt bin, wenigstens so lange – fügte er mit gedämpfter stimme hinzu – bis ich meinen Sohn gefunden habe.
Sprechen Sie davon, Murray! Das ist tröstlicher für mich.
Ich sehe aus Ihrem Eifer Ihre Liebe. Nun wohlan! Der zweite mich peinigende Gedanke ist mein Sohn. Ich weiss, ich ahne es, dass er im Elend lebt, verworfen, verkümmert. Wenn er lebt! Ich hatte keine Ruhe über diesen Gedanken. Ich weiss, dass ihn seine Mutter verstiess, weiss, dass sie ihn, wenn er noch lebt, hassen wird, wie sie den Vater hasste. Es gibt unblutige Mörderhände! Man kann tödten – o mein Freund – man kann tödten mit Gift und Dolch, das ist alt! Man kann tödten mit scheinbarer Liebe, übertriebener Pflege, durch tausend Mittel der Bosheit, die langsam, aber sicher treffen. Auch Das ist erwiesen, wenn auch meist im Dunkel begraben und nur für das jenseitige Gericht reifend! Aber ein noch langsamerer Tod durch Unterlassungen, ein sittlicher Mord durch Nichterziehung, Verwilderung, Elend ... sehen Sie, Freund, das Alles steht klar vor mir, stand vor mir, seit ich mein Elend begriff, und meine Ruhe, meinen Frieden stört dies Bild so, dass ich mir verworfen vorkomme, wenn ich die natürliche Pflicht, die mir die Ordnung der natur aufgegeben, aus jämmerlicher Feigheit um mein eigenes los hintansetzte und von dieser Erde scheiden wollte, ohne mich noch wenigstens einmal umzublicken, wo wohl das Kind ist, das sich so jammervoll durch sündige Eltern in's Leben stehlen musste.
Louis war von diesen mit hoher Weihe ausgesprochenen Worten erschüttert.
Ja, sagte er, Murray's Hand ergreifend, das ist ein Gefühl, hochzuehren, heilig und edel! Diesem Gefühle widmen Sie Ihr Dasein, aber ihm schonen Sie es auch! Denken Sie an Ihren Sohn! Suchen wir ihn! Retten wir ihn, wenn er noch lebt und durch die unnatürliche Wut einer betrogenen Mutter wohl zu den Ausgesetzten und Verdammten dieser Erde gehört!
Das war meine Aufgabe, fuhr Murray fort. Ich raffte mein Vermögen zusammen, nahm Abschied von den Wenigen, die mich kannten, und schrieb jenem mann, den ich einst auf seiner Farm am Missouri kennen lernte und von dem ich wusste, dass er zum Continente zurückkehrte, er sollte meinen Verwandten, die ich ihm bezeichnete, einiges Geld überbringen und sagen, dass ich tot wäre. Als mir einfiel, dass ich grossen Gefahren entgegen ging, liess ich den Verdacht entstehen, als lebt' ich wirklich nicht mehr ...
Heunisch sagte mir, bemerkte Louis, dass die Ursula und der Schmied von einem toten Bruder geerbt hätten.
Tausend Dollars ein Jedes.
So wird es sein ...
Ich komme nach Deutschland. Was beginnen? lebe' ich noch, entdeck' ich mich den Meinigen, so setz' ich mich der Gefahr aus, erkannt, ergriffen zu werden und meine Mühen um den Sohn wären vergebens.
Ja, Murray, schliessen Sie sich ein! Lesen Sie! arbeiten Sie! Denken Sie! Ich will für Sie handeln. Ich!
Murray war gerührt ...
Was wissen Sie von Ihrem kind, wo wollen Sie hoffen es wiederzufinden?
Fünf Monate nach meiner Verhaftnahme, erzählte Murray, erfuhr ich durch einen Besuch meiner Schwester, der mir als Abschied gestattet wurde, weil ich mein Urteil erfahren hatte, dass meine Freundin einige Wochen nach jenem verhängnissvollen Abende die Stadt verliess und ihr schrieb, sie sollte in einen nahegelegenen Ort sich begeben, um dort eine Mitteilung zu empfangen. Meine Schwester stellte sich ein, traf aber nur jene ältere Vertraute, die ihr erklärte, in vier Monaten etwa würde ihre Gebieterin von einem kind genesen, das mir elendem Menschen angehöre. Sie würde diese Erlösungsstunde von dem qualvollsten Zustande in einem dorf, das ihr näher bezeichnet wurde, abwarten und bis dahin sich in Verborgenheit halten. An dem Tage, wo sie die Anzeige der bevorstehenden Geburt empfangen würde, sollte sie kommen und das Kind abholen. Man wollte ihr ein für allemal eine nicht unbedeutende Summe zahlen, wenn sie das Kind als das ihre annähme und einen Schwur leistete, nie mehr im Leben von diesem Vorfalle und Verhältnisse Erwähnung zu