junge Mann, an seinem irdischen Berufe und an der reinen Weltlichkeit unsrer nächsten grossen Bestimmungen und mistraute sogar dem Einflusse der religiösen Betrachtung auf die Energie, die er von dem Menschen der Jetztzeit verlangte.
Ich schloss mich keiner sekte an, sagte Murray, sondern beobachtete nur. Wiedergeboren im geist kann man nur in sich selber werden. Was ich innerlich gelitten, verschuldet, mir vorzuwerfen und abzubüssen hatte, eignete sich Das für die Mitteilung? Ich dachte mir jedesmal, wenn ich die Sekten in ihren Cirkeln beten hörte: Wenn Ihr wahrhaft gottselig seid, muss Euch der Kampf um den inneren Frieden leichter geworden sein als mir! Ich betete für mich. Auch hab' ich nie hinaufbeten können zu einem grossen Wesen, das ausser mir wäre. Das hätte mich nicht erquickt und erfüllt. Wie kann mich etwas erquicken, das nicht aus mir selber strömte? Die Macht des Gebetes liegt in der Ruhe, die nach ihm auf unser Inneres sich breitet. Ich betete, ich kann wohl sagen, zu mir selbst. Ich betete zu dem tiefen geheimnis, das in meiner Brust schlummert und mir alles Das entgegenhält, was gut und schön und unsre Pflicht ist! Das Böse lag klar vor meinem blick. Ich verschönerte es nicht, ich entschuldigte es nicht durch bunte Farben. Ich sah es in seiner ganzen verworfenen, abschreckenden Gestalt und entrann dieser Gestalt, zu reineren Genien mich flüchtend, die mir ihre rettende Hand boten. Aber was ich auch tat, um mich zu läutern, nichts wäre mir gelungen, wenn ich nicht die Freuden einer bescheidenen Lebensweise gesucht und an Entbehrung mich gewöhnt hätte. Mein einz'ger Luxus waren Reisen in das Innere der Staaten, die mir unendlich lehrreich wurden und unter Andern auch die Freude bereiteten, den Mann kennen zu lernen, der meinen Geschwistern die Kunde meines Todes brachte ...
Wie ist es nur mit diesem tod? fragte Louis, ergriffen von der weichen und sanften stimme, in der Murray seine religiösen Empfindungen ausgesprochen hatte.
Wenn, mein junger Freund, fuhr Murray fort, die Aussöhnung des inneren Menschen mit sich selbst und die Wiedergeburt im geist darin liegt, dass man jede Kluft zwischen seinem Schicksal und seiner Ergebung in dies Schicksal ausfüllt, so muss ich Ihnen gestehen, dass es zwei Dinge gab, die beim erwachenden Glück meiner Seele dennoch die Freudigkeit derselben störten. Der eine Gedanke, der mich peinigte, war die Flucht vor dem Loose, das mich in Europa heimgesucht hatte. Der andre die Erinnerung an meinen Sohn ...
Wissen Sie nichts von Ihrem kind? Es ist ein Sohn? fragte Louis teilnehmend.
Es ist ein Sohn ...
Und keine genauere Kunde von ihm?
Nicht mehr, als was ich Ihnen erzählen werde. Jene beiden Gedanken folterten mich ...
Auch der Ihrer Flucht? Wie wäre Das? Wie konnte Sie der Gedanke an Ihre Rettung foltern?
Murray schwieg eine Weile, dann sagte er:
Sie stehen, ein reiner, unbescholtner, in sich friedlicher Jüngling, auf dem Standpunkte nicht, der der meinige werden musste. Ich habe dem Herrn gedankt, als ich mir sagen konnte: diese Flucht rettete dein Inneres! In dem Kerker hättest du mit der Kette geklirrt und dir in ungebehrdigem Zorne den Schädel an der Wand eingerannt. Erst durch die Flucht fandest du die Stimmung, in dir einzukehren und über dich den Stab zu brechen ...
Um so mehr!
Wie ich aber Frieden mit mir selber hatte, wissen Sie, was mich peinigte..?
Doch nicht der Vorwurf, dass Sie dem ungerechten Akte dieser weltlichen Gerechtigkeit nicht genügt haben?
Murray schwieg und wurde nachdenklicher.
Sie antworten nicht? Wär' es möglich, dass Sie die Absicht hätten –
Mich den richterlichen Behörden hier selbst wieder auszuliefern? fragte Murray lächelnd und richtete sein Auge lange auf Louis, der diese Verirrung des von ihm so hoch geschätzten Mannes nicht zu begreifen im stand war.
Nein, nein, sagte er. Das ist keine lebenskräftige Tugend mehr! Das ist mönchische Selbstqual! Das ist Hypochondrie!
Haben Sie keine sorge, mein Freund, sagte Murray, dass ich die Torheit besitze, in diesem Punkte blindlings einem Gefühle zu folgen. Wie wenig reif dieser Gedanke bei mir ist ...
Er zog sein Terzerol und fuhr fort:
Beweise Ihnen diese Waffe, mit der ich im stand wäre, meinem Leben ein Ende zu machen, wenn ich so unglücklich sein sollte, erkannt zu werden. Und doch hass' ich Selbstmord! Und möchte Christ sein! Sie sehen, dass ich noch nicht zur rechten Erleuchtung gekommen bin!
Louis erwiderte nichts. Der Anblick der Waffe machte ihn vollends irr. Er konnte bei Murray eher Alles, als eine gewaltsame Beendigung seines Lebens durch eigne Hand voraussetzen. Mit seinen religiösen grundsätzen schien diese Drohung nicht übereinzustimmen ...
Murray verstand sogleich, was seine letzten Worte bestätigend in Louis' Seele vorging.
Nicht wahr, sagte er, wie wenig entsprechen solche Entschlüsse dem Bilde, das Sie vielleicht von mir gewonnen haben! Ich spreche von Selbstmord! erkennen Sie daraus, wie wenig ich in mir selber schon reif und klar geworden bin! Ein völlig unbestimmtes Tasten im Dunkeln verwirrt mich noch, wenn ich an diese Gefahren denke. Soll ich sie aufsuchen? Soll ich sie fliehen? Eine stimme in meinem inneren sagt: Kehre am Schluss deines Lebens in den Anfang zurück und dulde, was du dulden musst –