der Roman des baron Grimm ein so schreckliches Ende nahm, unter dem Herzen ...
Murray stockte. Seine stimme war bewegt.
Louis verstand, was er sagen wollte.
Sie wird Ihnen keinen Hass genährt haben, wenn sie unter ihrem Herzen ein Pfand der Liebe trug, sagte Louis.
Doch, mein Freund! fiel Murray ein. Um so grösser war dieser Hass! Ich verdiente ihn. Meine Täuschung war zu elend. Deshalb zürn' ich ihr auch nicht; zürn' ihr nicht, wenn sie der bösen Frau, die in ihrer nächsten Umgebung lebt, gestattete, einen Mordplan gegen mich anzulegen. Ich will Ihr Herz nicht betrüben, Louis, indem ich Ihnen die Rache schildere, deren zwei verletzte und gedemütigte, wilde, vor Verzweiflung rasende Frauen fähig sind ...
O sagen Sie mir Alles!
Nein, nein! Genüge Ihnen, dass ich gelegenheit fand, einem Angriffe auf mein Leben zu entgehen. Ich entfloh ...
Das gelang Ihnen?
Mit fremder hülfe ...
Vielleicht durch die Frauen! Sie irren sich vielleicht! Vielleicht gaben sie die Mittel her, Ihre Flucht zu erleichtern.
Nein, mein Freund! Wie leid tut es mir, diese gute Meinung, die Sie von Frauenherzen hegen, nicht bestätigen zu können. Ich entfloh durch den Beistand eines mitleidigen Mannes ...
Wie segn' ich ihn!
Haben Sie Mitleid mit mir? Gönnten Sie mir wirklich nach solchen Verirrungen die Freiheit?
Sie haben die Freiheit, dächt' ich, zu benutzen verstanden!
Das lehrte mich nicht die Freiheit selbst, nicht der Dank gegen die Gotteit, die an mir ein Wunder vollzog, als sie mich unter den schwierigsten Verhältnissen einen tiefen Kerker durchbrechen und entfliehen liess. Erst auf dem Meere, als ich nach Amerika floh, kamen mir stillere Gedanken und der Trotz auf meine Kraft und das Gefallen an meiner Wildheit nahmen ab. Ich betrat den Boden der neuen Welt mit ernsten Vorsätzen. Ich nahm, da ich englischer Sitte vollkommen mächtig war, einen englischen Namen an –
Murray –
Morton nannt' ich mich.
Morton? Und wovon ernährten Sie sich?
Von derselben Kunst, die ich misbraucht hatte. Ich wurde wieder Kupferstecher.
Und jeder Versuchung widerstanden Sie?
Du hörst mich, Herr! Ich kann wohl sagen jeder!
Reichte der Erwerb hin, Ihre verwöhnten Ansprüche zu befriedigen?
Das war's, mein Freund! Ich gab diese verwöhnten Ansprüche auf. Ich habe gefunden, dass wir ausserordentlich glücklich sein können, wenn wir plötzlich mitten in unserm Leben einmal innehalten, stillstehen, Alles ändern, zurückgehen können. Was macht uns so unglücklich, was treibt uns so von Extrem zu Extrem, als diese atemlose Begier, ein Leben so wie es nun einmal, ich möchte sagen in Schluss gekommen, zu Ende zu bringen? Ja, wir wachsen anfangs empor. Wir kommen von Jahr zu Jahr vielleicht in günstigere Lagen. Aber wehe uns, wenn wir diesem zug des Schicksals, dieser freundlichen Gunst der Gestirne immer nachgeben! Das Bett, einmal erweitert zum Genuss, will immer gefüllt sein. Eine Existenz, einmal bequem und behaglich angelegt, wird unsre Qual, unsre Folter, unsre Verlockung zur Sünde werden. Der Emporkömmling, der nicht mehr zurückkann, wird fast immer scheitern. Verwirren sich seine Begriffe von Recht und Tugend nicht in dem Drange des Erwerbs, so sinkt er erschöpft am Ende seiner Tage zusammen. Der Zwang, jenes bequeme Bett seiner Existenz immer gleich weit auszufüllen, hat ihm jede Freude des Lebens geraubt.
Jetzt verstehe' ich, sagte Louis, warum so viele Handwerker in Paris zwanzig Jahre fleissig sind und dann auf's Land ziehen, um weniger arbeiten und sichrer geniessen zu können.
Das nenn' ich einen Epikuräismus, antwortete Murray, den ich niemals empfehlen werde. Man soll nicht früher aufhören zu arbeiten, ehe nicht die hände und der Mut erlahmen. Nein! Ich richtete mich in NewYork sogleich arm und bescheiden ein. Die Anmassungen des baron Grimm lagen hinter mir. Man nannte mich den Diogenes in der Tonne und wollte Geiz darin finden, dass ich so wenig ausgab und so viel verdiente –
Taten Sie Das?
Ja, mein Freund! In Amerika ist jede praktische Kunstfertigkeit hochgeehrt. Ich erwarb deshalb viel, weil ich wenig brauchen wollte. Ich habe ein nicht unansehnliches Vermögen gesammelt, noch reicher aber bin ich an inneren Erfahrungen geworden. Ich verschloss mich auf der neuen Erde den Menschen nicht. Ich prüfte die Charaktere und unterrichtete mich über die Einrichtungen. Die Gewissensbisse, die an mir nagten, führten mich auf das Bedürfniss der Versöhnung. Glauben Sie nicht, dass ich ein bigotter Christ wurde, aber ich gestehe Ihnen, dass ich eines Mittlers bedurfte. Der Mittler Jesus, den uns das Christentum bietet, sprach zu mir wie ein verborgener Freund. Er sagte mir nichts von Dem, was man wohl so gewöhnlich in den Kirchen hört, er sagte mir: Du bist ein Mensch und hast gesündigt! Deine Bahn war gestört, aber vielleicht führte dich die Störung auf den rechten Weg, den du nie gefunden hättest, wenn du ohne Innerlichkeit, als leidlich guter Mensch, so fortgegangen wärest.
Sie schlossen sich einer sekte an? fragte Louis, dem mit dieser religiösen Wendung des Gespräches eine neue Verklärung auf Murray fiel, ohne dass er sich freilich hätte eingestehen können, dass er ihm deshalb lieber geworden wäre. Er hing, wie jeder