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Wetter haben.

Die Alte schlief schon halb zu all' diesen Ermunterungen, antwortete nichts und ging staunend über Gäste, die sich selbst bedienten.

Louis rief ihr noch nach, dass man, wenn es so fortführe zu regnen und zu stürmen, morgen für ein Wägelchen sorgen möchte. Er würde Vormittags in den Ullagrund fahren, zum Herrn Ackermann.

Die Alte rieb sich die Augen, raffte sich auf und wandte sich mit den Worten:

Dass ich's fast vergessen habe! Herr Oleander fährt nach dem Ullagrund. Jeden Morgen um elf Uhr. Wollen Sie nicht mit ihm?

Wer ist Herr Oleander? fragte Louis doppelt interessirt. Der Name Oleander fiel ihm auf, wie kürzlich der der Jagellona.

Der Herr Pfarrverweser, der unten bei der Frau Pfarrerin wohnt, erklärte Brigitte ...

Nun wohl, sagte Louis träumerisch, so bittet Herrn Oleander in meinem Namen, das er mich mit sich nimmt, wenn er in den Ullagrund fährt.

Oleander! setzte er dann wieder leise hinzu ...

Herr Oleander gibt dem fräulein im Ullagrunde Lektionen! sagte die Alte.

Schön! Und damit waren die beiden schnell sich vertrauenden Freunde wieder allein.

Sie werden Ackermann morgen sehen ... sagte Murray.

Begleiten Sie mich!

Unmöglich! Wie bin ich eingeengt! seufzte Murray. Wie sehr bedarf ich eines Freundes, der meine letzten Pflichten mir erleichtert und mich dann allein zu grab geleitet, sowie ich jenes Mädchen!

Nicht so, Papa! sagte Louis. Keine Trauer! Die Erzählung erleichtert Ihren Kummer! Fahren Sie fort, wenn ich Ihres Vertrauens würdig bin! Die vornehme Dame also ...

Murray drückte Louis die Hand und fuhr fort:

Ich lebte in der grossen Welt und verstand mich trefflich auf ihren Ton. Ehrgeiz und Liebe sind die beiden Hauptebel aller Rührigkeit in dieser Sphäre. Ich lernte Verhältnisse von unglaublicher Zerrüttung kennen und verstand mich vortrefflich auf die Philosophie, mit der Untreue und Leichtsinn sich hier zu entschuldigen wissen. Eine Dame, die ich nie nennen werde, lernt' ich kennen. Sie fand an meiner Persönlichkeit Gefallen. Sie war nicht mehr jung, niemals schön. Sie hatte ein verhältnis mit einem Rechtsgelehrten, einer, wie ich für bestimmt weiss, sehr energischen Persönlichkeit gehabt. Dieser war ihr untreu geworden aus Gründen, die ich wohl begreifen kann. Sie gehörte zu den Frauen, die früh alle Bande der gewohnten Ordnung abgeworfen und sich ihr Leben selbst zu bestimmen gesucht hatten. Sie reiste als junge Witwe für sich, sie nahm das Leben umsomehr nach ihrer bequemsten Art, als sich eine zerfallene Stimmung ihrer bemächtigt hatte über ein Körperleiden, das mehr auf Einbildung, als in der Wirklichkeit beruhte. Jener Freund hatte lange in ihrer Nähe geduldet und jenes elende Joch der Abhängigkeit von einem Wesen, dem die ächte Weiblichkeit fehlte, mit sich hingeschleppt. Da lernte er in einem Badeorte eine sehr unglückliche Frau kennen, die Freundin seiner Geliebten. Sie war jünger, lieblicher, reizender, duldender, weiblicher. Was man von ihr weiss, was sie selbst an Spuren ihres Daseins hinterlassen hat ...

Murray blickte sich um und schüttelte den Kopf, wie über etwas Wunderbares, das ihn freilich diese Erinnerung an Amanda bedünken musste, hier, in diesen ihren Zimmern, auf ihrem schloss! Murray war über Alles, was sich uns allmälig entschleiert, unterrichtet ...

Louis bemerkte seine Erregung und dies Erstaunen.

Was fällt Ihnen hier so auf? fragte er.

Murray, der sich vorgenommen hatte, nur über sich selbst nichts zu verschweigen, erwiderte:

Ich glaubte, es rauschte etwas an der Decke, an den Wänden. Es ist nur der Wind, der sich meldet, dass er auch zuhorcht. Lass mich nur reden, du wilder Mahner draussen! Ich entweihe diese Räume nicht.

Louis wusste nicht, worauf diese Worte gingen und hörte nur.

Ein verlassenes Weib, fuhr Murray fort, denkt, wenn sie einen ungebändigten Charakter hat, erst an Rache, dann versinkt die Rache in eine Art von innerer Vernichtung, dann die Vernichtung in neue Hoffnung. Das dreissigste Lebensjahr ist überschritten. Der Vorhang der Ansprüche auf Huldigung wird bald für immer fallen.

Noch einmal rafft sich das durch Entbehrung nur gesteigerte Bedürfniss der Liebe empor und blindlings stürzt die sehnsucht eines unbefriedigten Herzens Dem in die arme, der, ich muss so grausam sein und Dies sagen, am nächsten steht. Der Zufall wollte, dass ich in dem Bade Ems, das jene Dame regelmässig besuchte, ihr nahe stand. Mein gewandtes Wesen, der Schein von Esprit, den ich mir zu geben wusste, meine anscheinend glänzende Situation, in die ich vom Spielen gekommen war, führte mich, den Baron Grimm, den süddeutschen Adligen, in die vertrautere Beziehung zu einer Eroberung, die ich mit leichter Mühe machte. Eine Zwischenhändlerin, die Alles rasch zum Ziele führte, war die Begleiterin meiner neuen Freundin. Ich erfuhr ihre früheren Lebensverhältnisse, ihren Jammer über eine erlittene Untreue, ihren Hass gegen eine Jugendfreundin, die ihr das stolzeste Herz der Erde entrissen hätte und wie es zu geschehen pflegt, mein lieber Freund, die Frauen werden mit den Jahren in einigen Punkten besser, in andern schlimmer. Schlimmer wurde bei meiner in der Welt hochgestellten, adligen Gönnerin der Stolz, die Weltverachtung, das Bedürfniss der Intrigue; besser ihre innere erkenntnis des Wenigen, was sie am Ende einem mann zu bieten hatte. Wie einst bei dem verloren