der Garten in die Breite, aber noch immer ebenso traulich wie oben auf den sich allmälig abdachenden Terrassen. Da lag das von wildem Wein ganz eingehüllte Haus des Gärtners, lagen Treibhäuser, Ställe, Remisen, aber Alles versteckt durch sorgsam gepflegte Anpflanzungen. Eine Mauer, dann und wann von einem Graben oder einem alten Gitterwerk unterbrochen, umzog hier die ganze Besitzung. Freilich entdeckte man gerade auch hier die meisten Spuren des Verfalls. Ein Wasserbassin, eine ehemals gewiss lustig und schwatzhaft genug belebt gewesene Volière mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und ausgeflogenem Gefieder, kleine Pavillons, Postamente, auf denen Götter standen, die wohl schon in den letzten zeiten der Fürstin Amanda verschwanden, alles Das hatte sein früheres Leben verloren und stand wie müssige Denkmale des Vergessens da. Aber besonders gefällig ist doch noch immer ein kleiner Tempel am rand der Grenzmauer, von dem aus man die Aussicht halb in die Talebene, halb in das Gebirge genoss, das hier ein Echo wiedergab. Um sich mit dem ursprünglich heidnisch gedachten Bau dieses Tempels zu versöhnen, hatte die Fürstin, die ihn liebte, ein schönes, noch wie neu strahlendes goldenes Kreuz auf der runden Kuppel errichten lassen. Hier, erzählte man, hatte sie stundenlang gesessen und die Grüsse der Vorübergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen strengen Ernst erwidert, als wollte sie Jedem tief hinunter in den Grund der Seele blikken und fragen: Bist du auch nicht etwa dir selbst gerecht, oder fühlst du, dass du nur durch die Gnade Gottes lebst? Hier hatte sie Greise, Männer, Frauen, Kinder angehalten, nach ihren Schicksalen, Wünschen und Hoffnungen befragt und sie oft mit Unterstützungen, immer aber mit einem Fingerzeige auf den Erlöser, der Alles zum Besten kehren würde, entlassen. Dabei las sie meistens ein Buch ihres gewählten Geschmacks, blickte über die Gitter des Tempels zum düstern wald hinüber, wo die Ulla aus den grünen Berglehnen hervorbrach, liess die alte Brigitte hinter sich plaudern, nahm des alten Winkler Berichte über die Gartenanlagen entgegen und hob sich doch, obgleich sie bei noch nicht funfzig Jahren sehr krank war, immer höflich empor, wenn der Pfarrer, Guido Stromer, ihr täglicher Umgang, zur gewohnten Stunde eintraf. Als sie unter diesem durch das goldene Kreuz entsündigten heidnischen Tempel nicht mehr sitzen, die Vorübergehenden nicht mehr grüssen und im Herrn ermahnen konnte, nahte sich ihr Ende auch in raschen, von dem drüben in Randhartingen wohnenden Doctor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten.
Hier, in der Nähe dieses nun heute vom Abendlichte besonders schön angestrahlten Tempels, erblickte man noch die meiste Pflege der im Ganzen verfallenen und vernachlässigten Besitzung. Der alte Gärtner Winkler, der für einen Gärtner galt, weil ihn die Fürstin in den zeiten, wo schon ihr Sinn für die geschmückten Schönheiten der natur zu ersterben anfing, für einen Gärtner nehmen wollte, der alte Winkler, sonst nur in jungen Tagen ihr Kammerdiener (in den Tagen der Hoffahrt, wie sie sie nannte), hatte den Gartenrechen in der Hand und zog mit Zittern und kaum sich aufrechtaltend im Sande die kleinen Striche, die hier Pflege und Ordnung bedeuten sollten. Die alte Brigitte, sonst die allgewaltige Beschliesserin des Hauses, sah ihm, auf einer Bank sitzend, zu und seufzte einmal über das andere. Sie wehklagten, was ihnen Beiden die nächste Zukunft bringen würde. Noch war Brigitte schwarz gekleidet, noch trug sie die Trauerkleider über die vor zwei Jahren heimgegangene Gebieterin, die ihr testamentarisch angefertigt wurden, trotzdem, dass es an solchen düsterfarbenen Kleidern im Nachlass der Fürstin nicht fehlte .... Die Trauer sollte echt sein und aus der Fülle des Herzens fliessen .... Der alte Winkler aber nahm sich in seiner hellblau-roten Hohenberg'schen Livrée schon recht abgeschabt und verkommen aus.
Gott walt' es, sagte die alte Brigitte; der Herr hat die Haare auf unserm haupt gezählt ....
Der schon etwas kindisch gewordene Gärtner entblösste seinen kahlen Scheitel, auf dem keine Haare mehr standen, und meinte auch:
Ja, ja; er hat die Haare auf unserm haupt gezählt ...
und kein Sperling fällt vom dach ohne seinen Willen; setzte er hinzu.
In dieser Weise hatten die Dienstleute der Fürstin Amanda sich auszudrücken gelernt.
Wenn sie uns hinausstossen, begann Brigitte mit praktischer Anwendung .... Was tun wir? Wer nimmt uns arme Sünder auf?
Der Herr wird ihre Herzen lenken, meinte der alte Gärtner. Und der Prinz wird's nicht geschehen lassen ....
Ich hab' ihn auf meinen Knieen geschaukelt ... er wird's aber vergessen haben ....
Er wird's nicht vergessen haben ....
Als er vor sechs Jahren noch einmal da war, sah er uns nicht mehr an ....
Sah er uns nicht mehr an ...
Er war noch zu jung ....
War noch zu jung..
Sein Herz lag noch im Argen ....
Es lag im Argen ....
Die Fürstin sah's wohl ....
Die sah's wohl ....
Und sie weinte darüber ....
Der alte Winkler bestätigte alle diese rhapsodischen Bemerkungen und weinte auch, als Brigitte die Schürze nahm, um sich das Auge zu trocknen.
Aber die Fürstin sagte doch, fuhr dann nachdenklicher die alte Beschliesserin fort, sagte doch: Auch seine Stunde wird schlagen ....
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