mit dem Parliren und dem leichten Philosophiren meines Schweizers begannen auch meine Irrtümer. Die Zusammensetzung der Uhren machte mir keine Freude mehr. Ich bemerkte, dass ich ein Talent besass, auf den Gehäusen Chiffern einzukratzen, sogar falsche, denn diese Uhren sollten oft für Breguets gelten und waren keine. Da blieb ich auf dem Wege zu der Kunst, von der ich Ihnen hier eine probe zeigte. Ich wurde Kupferstecher und vervollkommnete mich bis zum Künstler. Ein Auftrag führte mich nach England. Ich sollte dortin einen hohen Polizeibeamten begleiten, der falschen, in England angefertigten Tresorscheinen unsres Staates nachzuspüren hatte. Wir entdeckten die Quelle des Betrugs, ernteten grosse Anerkennung und konnten ehrenvoll zurückreisen. Ich blieb aber in England und führte ein wildes, genusssüchtiges Leben. Schon war ich über dreissig Jahre, aber von vorteilhaftem Äussern. Sie lächeln, Freund? Verurteilen Sie meine Eitelkeit nicht zu rasch! Ich besitze Toilettenkünste, um die mich Schauspieler beneiden könnten.
Wissen Sie, sagte Louis, dass Sie mir oft vorkommen wie ein jugendlicher Held, der nur die äussern Formen des Alters angenommen hat? Ich wette, unter dieser dunklen Perrücke steckt ein Haar, das nicht ein einziges graues zählt.
Wollen wir es untersuchen? sagte Murray und nahm die schwarze Binde und seine Tour ab.
Louis erschrak, ein kurzgeschornes, dickes, volles, aber ganz weisses Haar zu sehen ...
Nicht wahr, ich bin eitel? sagte Murray lächelnd. Der Adonis weiss sich herzustellen.
Louis sah dies weisse Haar und den plötzlich geänderten ehrwürdigen Kopf eines kräftigen Greises nicht ohne Rührung. Doch musste er hinzufügen:
Ich nenne Sie doch keinen Greis! Ich sehe weisses Haar, aber ein viel jugendlicheres Antlitz, viel mehr Kraft, als unter der abscheulichen Binde, die Sie nicht einmal nötig haben, da ich nicht die geringste Verletzung an diesem Auge bemerke.
Doch! Doch! sagte Murray. Ich sehe schlecht an dieser Stelle. Eine Explosion hat hier die Sehnerven dieses Auges geschwächt. Dieselbe Explosion, die meinem Bruder ganz das Augenlicht raubte!
Louis staunte und sah nicht ohne eine Art von Grauen, das ihn durchrieselte, wie Murray wieder die Tour auf den Kopf drückte, die Binde wieder aufsetzte und unwillkürlich mit dieser Bewegung auch den rücken wieder krümmte und zusammensank.
Murray indessen fuhr fort:
Von London kam ich als vollendeter Gentleman zurück. Ich sprach fertig zwei fremde Sprachen und hatte mir durch die grossartigen Eindrücke des Auslandes Anschauungen erworben, die mich für die Heimat hier weit über meinen Stand erhoben. Seit frühester Kindheit litt ich an einer grenzenlosen Eitelkeit. Nichts lieber trug ich als kostbare Ringe an den Fingern, Uhren, Ketten auf der Weste, Sporen, Reitgerten. Ich hatte in England das Spiel liebgewonnen und mit ihm Einnahmen gemacht. In vollendeter Fertigkeit des Pharo kam ich nach Deutschland zurück und schlenderte wie ein Gentleman mit voller Börse durch die Bäder, deren Saison gerade in Flor war. Mein Hochmut litt nicht, dass ich mich als den ehemaligen Kupferstecher Zeck zu erkennen gab. Ich nannte mich Baron Grimm und wusste mich durch Toilette, einnehmende Gestalt, Fortüne im Spiel, Sücces in der grossen Gesellschaft so zu behaupten, dass ich mehre Jahre lang in meinem Incognito verharrte und die glücklichsten Eroberungen machte. Mein Spiel am grünen Tisch war ehrlich, Alles, Alles an mir war damals ehrlich, kühn, unternehmend, nur mein Name war eine Lüge. In derselben Residenz, wo wir uns kennen lernten, junger Freund, setzt' ich das Glück fort, das ich in den Bädern bei den Frauen gemacht hatte. Ich war kein gewöhnlicher Stutzer. Gerade weil ich mir mein Leben selbst bestimmte, wandte ich allen Fleiss auf die Möglichkeit, es auch geistig behaupten zu können. Ich las sogar, nahm Unterricht in allen Wissensfächern und bildete mich mit leidenschaft für Jemand aus, der ich nicht war. Bildung zu erwerben, mein lieber Freund, soll eine Religion, ein Cultus sein. Ich trieb diesen Cultus. Kann es aber etwas Blasphemischeres geben als die Entweihung, die ich mit den Wissenschaften trieb? Ich lernte, ja lief in öffentliche Vorlesungen, ich brachte die Nächte mit Lectüre zu. Aber nicht etwa um der Bildung selbst willen, sondern um eine Lüge möglich zu machen, eine Verstellung durchzuführen, den falschen Namen, die erlogene Existenz eines baron Grimm. Ich las, nicht um zu wissen, was ein Autor wollte, sondern um sagen zu können, dass ich Das kannte, was Andre der Sache selbst wegen lasen. Aus Ehrgeiz füllte ich mich mit Tatsachen, die ich nicht um ihrer selbst willen liebte. Dies ist jene Bildung, mein Freund, die uns niemals Segen bringt. Ein einziges Buch, tief aufgenommen, dem Verfasser nachgefühlt und nachgelebt, stiftet in unsrer Brust grössre Umwälzungen als ganze Biblioteken, die man nur aus Eitelkeit und ohne sittlichen Halt durchliest. Mein Glück bei den Frauen war nicht gering. Besonders gelang es mir, das Interesse einer Dame zu gewinnen, die ... hören Sie nicht Geräusch? unterbrach sich Murray.
Die Tür ging draussen ...
Man horchte. Es war die alte Brigitte, die sich meldete, ob sie das Teegeschirr wegnehmen dürfe.
Lasst Das nur, Mütterchen! sagte Louis. Wann geht Ihr zu Bett? Gewiss fallen Euch schon die Augen zu. Sorgt Euch nicht um diese Gegenstände! Das Feuer brennt. Holz ist da. Habt gute Nacht und wünscht nur, dass wir morgen besseres