1850_Gutzkow_030_588.txt

habe, am nächsten. hören Sie also, Sie müssen hören, Sie, Sieund schaudern Sie vor mir!

Louis ging an die verriegelte Tür, öffnete und sah in's Vorzimmer. Es war Alles still. Er kehrte zurück und schüttelte den Kopf, als fürchtete er nicht das Mindeste, was er hier hören sollte.

Als er sich gesetzt hatte, wandte sich Murray an den Tisch, an dem er zu arbeiten versucht hatte. Er hob das Papier ab, nahm die Kupferplatte, die es bedeckt hatte, hielt die Platte gegen Louis hin und zeigte sie ihm.

Sie sind ein Künstler! sagte Louis. Schon gestern sah ich's an den Zeichnungen auf dem Tisch.

Lesen Sie! sagte Murray ruhig.

Louis betrachtete die Platte.

Es ist verkehrte Schrift! sagte er. Ich will versuchen, sie zu lesen.

Er buchstabirte:

"Louis Armand, Kunsttischler und Vergolder".

Ich wollte Sie überraschen, sagte Murray zu Louis, der von dieser Aufmerksamkeit angenehm berührt war; ich wollte Ihnen ein Geschenk machen und hoffe, diese Visitenkarten auch noch zur Ausführung zu bringen. Sie sehen daraus mit wenig Worten, dass ich eigentlich ein Kupferstecher bin.

Louis betrachtete die Platte mit grossem Wohlgefallen und freute sich der Verwandtschaft des Arbeiterberufes.

Murray aber mit jenem sichern Gefühle der Anlehnung, das uns in dieser Welt zu selten zu teil wird, mit jenem anschmiegsamen Behagen an eine völlig interesselose und doch tief wohlwollende und rein hingegebene natur, fuhr fort:

Ich bin der Sohn gewöhnlicher Eltern. Es gibt aber gewöhnliche Menschen, die alle Keime besserer entwicklung in sich tragen. So war es bei dem Ehepaar, das mir, einem Bruder und einer Schwester das Leben gab. Nun geht Das aber so, das Bedeutende kommt, wo es seine wahre Richtung, gesund und ungehindert aufwachsend, nicht findet, verkehrt zur Welt. Der innere Gehalt kann die äussre Form nicht verklären, nicht veredeln. So wuchert das Bedeutende in Misgestaltung auf und es kommen statt guter, ungeschlachte Dinge zum Vorschein. Meine Eltern, rohe Menschen, wenn man's so nehmen will, gingen in Selbstplage, Verschwendung, wenn sie etwas besassen, Schulden, wenn sie darbten, verworrenen sittlichen Begriffen zu grund. Ihr wirres Wesen vererbte sich zumeist auf die Schwester, die älteste von uns Dreien, die wie ein wildes Gewächs aufschoss und keine andre Schranke ihrer Begierden hatte als die immer erneute Begierde selbst. Sie hatte gute Keime, Hingebung, Aufopferung, Grossherzigkeit, aber da sie nur ihrem Instinkte folgte, so ergriff sie, um diesen Regungen zu genügen, jedes Mittel und war im Lasterhaften fast tugendhaft, in der Regellosigkeit wahrhaft strebsam und treu, in der Verachtung jeder Rücksicht grossartig wie einer jener Verbrecher, die die geschichte zu Helden machte, weil ihnen irgend ein grosses verbotenes Wagniss gelang ... Doch ich störe Ihr Abendessen mit diesen Reflexionen! unterbrach sich Murray.

Nein, nein, ich geniesse schon! sagte Louis, bediente sich wieder ein wenig der Vorräte, die vor ihnen standen und hörte einer Auseinandersetzung zu, die er gerade sehr lehrreich nannte. Murray erschien ihm wie ein Weiser. So ruhig, so klar blickte dieser seltsame Mann auf die Vergangenheit zurück, so tief waren die Gänge angelegt, die er sich durch das Menschenherz zu bahnen wusste. Er musste viel gelitten, viel beobachtet haben.

Diese Schwester, fuhr Murray fort, war natürlich (denn ich spreche von den gewöhnlichsten Menschen) nur ein Dienstbote und dennoch, trotzdem, dass sie ohne Bildung und Form war, gibt sie mir Anlass, sowie ich vorhin andeutete, über sie nachzudenken. Der ältere Bruder war roh, von gewaltiger Muskelkraft, gewinnsüchtig, heimtückisch und nicht ohne Anschlägigkeit zu mancherlei Fertigkeiten. Er wählte das Handwerk des Vaters und wurde Schmied, wie mein Vater war.

Louis' blick fiel zufällig auf das Fenster und sah durch Regen und Nebel einen kleinen glühenden Schein in der Ferne und ein gewaltiges klingendes Aufpochen der Hämmer wie im Takte ... Es kam von der Zeck'schen Schmiede.

Ohne näher anzugeben, dass der blinde Zeck sein Bruder war, folgte Murray dem Blicke Louis' und erkannte, was ihn fesselte. Er musste einen Augenblick schweigen, so ergriff ihn die Vorstellung, dass der Schlag des Hammers, den sein Bruder schwang, seine Erzählung von ihm begleitete, und anregend genug ist eine Schmiede, so in der Herbstnacht glühend, so fernhin hörbar und an ihrem Scheine durch den Nebel leuchtend!

In einer Schmiede, fuhr Murray fort, verkehrt viel volkes und zu allen zeiten hatten die Söhne Vulkans ihr apartes Wesen. Ein Hauptkunde meines Vaters, der dicht an dem Tore der Stadt sein Geschäft trieb, war ein berühmter Pferdearzt, der aus nicht seltener Liebhaberei auch das Amt eines Scharfrichters nicht weit vom Tore bekleidete. Zu diesem zog meine Schwester Ursula und lebte eine Reihe von Jahren mit ihm, bis sie einen Soldaten kennen lernte, den sie später geheiratet hat, als er eine Förstersstelle beim alten Fürsten von Hohenberg erhielt. Früh schon entfernte ich mich von den Meinigen und hatte das Glück in gute hände zu geraten. Anfangs war ich Uhrmacher bei einem französischen Schweizer aus La Chaud de Fonds, einem wunderlichen Kauze, der mir viel von der Philosophie Rousseau's und Voltaire's beibrachte, das lange in mir sitzen blieb, aber auch sein Französisch blieb sitzen. Ich lernte von ihm denken und sprechen; aber