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Da hilft nichts, sagte Heunisch. Sie hat ihre Kräuter, ihren Tee, den sie sich selbst bereitet. Sie studirte bei Doctor Lehmann, sagte er. Sie nimmt nichts und will nur Ruhe haben.

Murray stand auf. Die Nachricht schien ihn zu ängstigen ...

Was haben Sie? Sie sind bewegt? fragte Louis.

Und wie! Und wie! rief Murray. Hängt doch diese Frau mit meinem geheimnis zusammen, ohne dass ich mich ihr entdecken möchte ... Wenn sie aber stürbe ...

Sie ist die Schwester des blinden Schmieds ...

Ich weiss es, die Tante des Tauben! Erwähnen Sie diese Menschen nicht wieder! Die Zeit ist noch nicht günstig, um mich in das Andenken dieser beiden Geschwister zurückzurufen.

Ich verhehle Ihnen nicht, sagte Louis, dass der Ruf dieser Geschwister kein guter ist. Franziska hat mir anvertraut, dass sie vor Ursula Marzahn Grauen empfände und dem blinden Schmied weicht Jeder aus ...

Murray schwieg nachdenklich.

Neuerdings haben sie, fuhr Louis fort, aus Amerika eine Erbschaft empfangen von einem dort verstorbenen Bruder ...

Haben sie? sagte Murray lebhaft ...

Und sonderbar, der diese Erbschaft überbrachte, erzählte mir der Förster, ist jener Ackermann, der nun diese Besitzungen Egon's in Pacht genommen und über dessen Anstalten ich die Urteile einziehen soll ...

Wer? sagte Murray und blieb erstarrt stehen.

Wer brachte das Geld? fragte er dringender.

Der jetzige Generalpächter drüben ... Ackermann! Ich selbst überbrachte ihm Egon's Genehmigung zu seinem Anerbieten, kurz ehe des Fürsten Krankheit in ein gefährliches Stadium überschlug ...

Ackermann! Ackermann! wiederholte Murray.

Befremdet Sie dieser Name? fragte Louis.

Ich kenne ihn nicht, sagte Murray, und dennoch erfahre ich nun von Ihnen Dinge, die mich bestimmen, hier wie ein Einsiedler zu leben. Ich komme auf Das, mein Freund, was ich Ihnen vor acht Tagen sagte, zurück. Ich nannte mich damals einen Schatten, der über die Erde, in der er einst als Mensch lebte, fehlte und büsste, noch einmal hinstreift und keine Ansprüche mehr auf eigenes Glück, ja nicht einmal mehr auf das Glück der richtigen Beurteilung macht. Ich gestand Ihnen, dass ich einst der sittlichen Welt entrückt war, durch den Drang des Ehrgeizes entrückt, von Liebe geblendet. Das Verbrechen, das ich beging, soll ich es Ihnen nennen?

Nein, nein, sagte Louis. Schliessen Sie in Ihr Herz ein, was Sie gebüsst haben! Sie sind ein Weiser, den ich hoch verehre. Ich will nicht wissen, wie Sie es geworden sind.

Wissen Sie wohl, sagte Murray, dass das Bedürfniss der beichte ein tiefes Mysterium ist?

Ich bin Katolik! antwortete Louis.

Das sagt Alles! Es ist eine der festesten Stützen des alten römischen Glaubens. Es ist eine Stütze, die sich auf die menschliche natur gründet. Das geheimnis der beichte ist die Zauberformel, die den Laien an den Priester bindet, die Bürgschaft einer über alle menschlichen Umgangsformen hinausgehenden Vertraulichkeit, eine Ehe der Herzen. Das Bedürfniss der beichte ist der Wahrheitsdrang des Menschen, ja oft die einzige Ermutigung zur Tugend. Nur wer sich in einem Andern darlegen kann, in einem Andern ausruhen mag, fühlt wahre Reue und, ist der Andre edel und gut, ein sanfter Priester auch ohne Priesterrock und Weihe, wahre Ruhe.

Ich kenne, sagte Louis, zwei Priester, die würdiger wären als ich, Sie zu hören.

Wer wären diese?

Louis nannte die Brüder Siegbert und Dankmar Wildungen und freute sich innerlichst, mit kräftiger Betonung dieser Namen gleichsam zeugnis für den grossen Wert dieser beiden Menschen abzulegen.

Ich kenne sie nicht, sagte Murray. Ich darf die Kette der guten Menschen, denen ich mich vertraute, nicht zu weit ausdehnen. Ich darf aber auch nicht länger schweigen. Ich bedarf einer Unterstützung der letzten Absichten, die mich noch an dies Leben knüpfen. Ich darf nicht länger so hinschleichen und suchen und muss es wagen endlich einmal aus mir herauszutreten. Wissen Sie, dass das Bedürfniss der beichte mich schon oft trieb, jenem mann mich anzuvertrauen, der den Geschwistern Zeck eine Erbschaft aus Amerika brachte?

Er ist in der Nähe! Vertrauen Sie sich ihm, Murray.

Wie kommt er zu dem Namen Ackermann?

Wäre dies nicht sein rechter?

Murray schwieg und überlegte ... Er gedachte seines eigenen amerikanischen Namens Morton. Ackermann hatte anders geheissen.

Nein, nein, sagte er endlich, auch für ihn darf ich nichts als Murray sein. Auch ihm muss ich verborgen bleiben ... und doch ... und doch ...

Louis stand auf und ergriff Murray's Hand.

Sie leiden, sagte er. Hab' ich etwas, das Ihnen würdig scheint, Ihr Vertrauter zu werden, so mistrauen Sie wenigstens nicht meiner Jugend. Ich kann verschwiegen sein und verstehe die Irrgänge der Herzen. Wer dem volk nahe lebt, lernt mit Schmerz die wunderbaren Verwandtschaften kennen zwischen Gut und Bös, Mut und Verbrechen, Grösse und sittlichem Elend.

Recht! sagte Murray, als Louis zögerte, die Gegensätze so schnell auszusprechen. Recht! Ich darf kein Schatten bleiben. Ich muss einen Körper haben. Ich brauche einen Freund, der mich unterstützt, um noch einmal aufzuleben. Sie stehen den Menschen, bei denen ich zuerst zu fragen, zuerst zu suchen und zu forschen