Sie waren geheimnissvoller, als ich wünschen musste. Aber ich vertraute Ihnen. Ich glaubte Ihnen, dass die Nachstellungen, die der Eine verweigern würde, bei einem Andern leichteres Gehör finden konnten und gesteh' ich's nur, da ich selbst nach diesem schloss sollte ...
So glaubten Sie meinem Märchen und haben sich mit Ihrem guten Herzen fangen lassen.
Louis nahm eben einen Imbiss, den ihm Murray, der selbst sehr wenig genoss, zurecht gemacht hatte ...
Sie haben mir kein Märchen erzählt, sagte Louis Armand ernst und blickte in das eine, unruhige, offene Auge, das Murray niederschlug und nicht wollte prüfen lassen. Wenn Sie mir eine Reihe von grossen Verdiensten aufgezählt hätten, o ja! Dann würde' ich gezweifelt haben. Aber Sie haben nur Schlimmes von sich gesagt.
Was Sie Franziska wiederholten? Nun begreif' ich freilich, dass das Mädchen in mir nur den Besucher des Fortunaballes finden wollte und recht scheu, recht in den Tod erschrocken war, als ich sie in dem Wägelchen abholte, um mit ihr hierher zu reisen ...
Das hat sie mir erzählt, sagte Louis, aber auch hinzugefügt ... dass Sie Tränen im Auge hatten ...
Ich kam vom Kirchhof ...
Wo Sie jenes Mädchen bestatteten, das Fränzchen in jener Nacht an Ihrem arme gesehen ...
Die!
Sie sprachen stundenlang kein Wort und seufzten nur ...
Grabesstimmung.
Und dann fingen Sie von der natur an, die nun scheidet, von den Blättern, die schon gefallen waren und vom tod, der uns Allen Ruhe geben wird.
Verhaltene Predigten. Wir möchten Alle am liebsten Fürsten oder Priester sein.
Ist's nicht so?
Schon recht! Ich war bewegt! Ich ganz allein stand an dem grab einer Unglücklichen! Ach! Ich ganz allein! Der Kirchhof, wie war der noch neu, noch ohne Bäume und Blumen! Wie frostig wehte der Wind darüber und fand nicht einmal Halme zum Niederbeugen. Die Gräber ohne Schmuck. Die toten der öffentlichen Krankenpflege ... wer feiert ihr Angedenken? Wer sieht ihnen mit Liebe in die gelbe Grube nach? Ein Handwerker lag da im Todtenhaus ... fern sind seine Ältern, die vielleicht gar nicht wissen, dass er schon nicht mehr unter den Lebenden. Sie sagen nur: Wie lang er nicht schreibt! Was ist ihm nur! Da liegt er. Da ein Dienstbote – da ein Verunglückter, der nicht einmal in die Erde, nein, zu den jungen Ärzten dort kommt, die ihn zerstückeln und präpariren werden! Welche Mühe hat es mir gekostet, meine arme tote aus ihren Händen zu retten! Wie war sie schön noch auf der Bahre! Die Messer der Ärzte zuckten recht nach diesen Formen! Das blutschwarze Mahl an der Stirn, auf die sie beim Sturze aus dem Fenster gefallen war, entstellte sie nicht. Ich strich eine Locke darüber her; nun war's verdeckt. Aus dem Todtenhause trugen sie den Sarg. Ich folgte allein und betete ein Vaterunser. Dann drei Handvoll Erde, die Spaten taten das Übrige. Adieu!
Murray blickte nieder.
Der Lebenslauf von Tausenden! sagte Louis bewegt und sein Nachtmahl eine Weile leise zurückschiebend. Ein schönes Mädchen, arm, ohne Freunde, verführt, wahnsinnig ... wer sieht auf all' die Opfer, die auf unsrem Lebenswege liegen! Das Alles geht so still vor sich hinter Mauern und verschlossenen Türen. Wer sucht das eigentliche Mysterium des Lebens auf den Kirchhöfen!
Sich aufraffend fuhr aber Murray fort:
War es nicht gut, dass ich trauerte? Franziska hätte sich sonst vor einem mann entsetzt, der vor ihren Augen in's gefängnis geführt wurde. Eine Träne wirkt soviel?
Nein! Nein! sagte Louis. Ich hatte sie vorbereitet auf einen jener Philosophen, die die Weihe des Geistes nicht durch die Wissenschaft und ihr Studium, sondern durch das Leben empfangen haben! Ich hatte ihr gesagt, dass Sie Gründe hätten, diese Umgebung des Schlosses Hohenberg zu besuchen und ein geheimnis sogar an sie und ihren Namen Sie kette ...
Ein geheimnis, das ich ihr leider nicht auf unsrer Reise erzählen konnte, sagte Murray, aber Geheimnisse, die man nicht nennt, knüpfen gerade nicht aneinander. Ich sah es ihr an, dass sie frohlockte, hier endlich Sie wiederzusehen. Sie waren schneller gereist, als wir. Wie findet sie sich denn nun in dem wald zurecht?
Louis erzählte.
Der Förster, sagte er, rührte mich gestern, wie liebevoll er sie empfing. Er fuhr sie selbst in seine wohnung, die nicht zu weit von uns entfernt ist. Dort angekommen, zeigt' er ihr das Stübchen, das er ihr eingerichtet. Es ist so still und traurig hinauszusehen in den entlaubten Forst, aber so lebendig im Zimmer, als wär' der Wald hier so lange einquartiert bis zum Frühjahr. Da singen Vögel in Käfigen, da stehen grosse Blumen in Töpfen, da hängen Hirschgeweihe an den Wänden und wenn es recht still ist und der Sturm einmal nachlässt, hört man die Turmuhr von Plessen nach dem Jägerhause deutlich hinüberschlagen und das ist ja gerade, als sprächen wir miteinander so weit zusammen.
Und Ursula Marzahn? fragte Murray mit forschendem blick.
Liegt krank im Bett.
Bedenklich?
Der Onkel gibt sie auf. Ich hörte sie ächzen in einer obern kammer über Fränzchen. Ich wollte auf einen Arzt dringen.