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Ich fühl' es wohl; ich bin nass bis auf die Haut. Ein Wetter wie in den Ardennen, wo ich einmal einen Vetter auf einem Eisenhammer besuchen wollte. Nur die Wölfe fehlen.

Die werden sich hier mit dem Schnee auch einstellen, sagte Murray. Aber kommen Sie doch an den Ofen! Trocknen Sie sich!

Ich will nur ein Hemd und Kleider aus meinem Koffer nehmen.

Murray leuchtete und geleitete seinen neuen jungen Freund an den warmen Ofen.

Darf ich, Papa? fragte Louis Armand und deutete auf seine Absicht hin, sich ganz frisch umzukleiden.

Ich helfe, versteht sich! antwortete Murray. Die Wäsche muss gewärmt sein. geben Sie her, ich halte sie gegen diese Pyramide, die unser Heiligtum werden wird, als wären wir Ägyptier. Die hatten Kühlung von ihren Pyramiden, wir Wärme. Grund genug zur Verehrung.

Louis kleidete sich in wenig Augenblicken um und würde schon begonnen haben, Murray's Verlangen nach Mitteilung seiner Erlebnisse im wald zu befriedigen, wenn nicht Brigitte jetzt in pünktlicher Aufmerksamkeit mit dem Tee und dem Zubehör erschienen wäre. Der alte Winkler trug das Kohlenbecken und die heisse Kanne, sie selbst die Teebüchse, Brot, Butter und zwar nicht den ganzen Hammelsbraten der Frau von Zeisel, wohl aber eine ansehnliche Anzahl von glatt ihr entschnittenen Scheiben.

O Das ist angenehm, sagte Louis, dem es ganz wohl und behaglich in seinen erwärmten Kleidern wurde und der sich sagen konnte, dass er im Auftrage des Fürsten hier fast wie in seinem Eigentum wohnen durfte. Danke, danke, Mütterchen! Wie behaglich, wie gastfrei! Das soll uns gut schmecken.

Murray, der hier von Louis Armand's Flügeln geschützte Gast, würde freudig in dieses Lob mit eingestimmt haben, wenn nicht Brigitte mit einem blick auf Louis wieder von den Zeck's angefangen hätte, die wegen dem eisernen Ding das er bestellt hätte, doch nun wieder draussen warteten ...

Ja, sagte Louis, die Stimmschraube glaubt der Alte liefern zu können.

Nein, nein, fuhr Murray wie vorhin auf, ich sagte's schon. Es ist gut so. Ich spiele zu wenig!

Murray geriet wieder in Aufregung.

Der Alte meinte, er verstünde mich vollkommen. Ich musst' es ihm handgreiflich beschreiben, da er blind ist; sagte Louis.

Ist er blind? fiel Murray mit einiger Bewegung ein.

Der Vater ist blind, antwortete Louis, und der Sohn taub.

Und nun lehnte Murray entschieden den Dienst ab.

Heute nicht! Genug von der Sache! Guten Abend, Frau Brigitte. Morgen! Morgen! Gebt ihm die Lampe! Lasst die von ihm repariren, er kann es, es ist ein Tausendkünstler odervielleicht kann er's. Guten Abend!

Damit drängte Murray die Alte hinaus und schob noch den Riegel vor. Dann knüpfte er, seine Aufregung zu verbergen, sogleich seine Bemerkungen an Louis' Appetit an und forderte ihn auf, Platz zu nehmen auf dem Kanapé neben ihm und zu erzählen, wie er nun im Forstause Alles angetroffen.

Den Einen drängte es ebenso zu reden, wie den Andern zu hören. Das Feuer im Ofen prasselte, das wasser in der Maschine zischte, draussen regnete es. Der Gegensatz weckte die gemütlichste Behaglichkeit.

Zweites Capitel

Morton

Nun zuerst einen Gruss von Fränzchen, begann Louis Armand und nochmals tausend Dank für die freundliche und sorgsame Art, wie Ihr sie hierherbegleitet habt! Sie hat mir gestanden ...

Hundertmal, dass sie Euch liebt! schaltete Murray scherzend ein.

Nein! Dass sie Euch fürchtete ...

Mich!

Anfangs!

Nun?

Ich hätt' es kaum gedacht, fuhr Louis fort. Als ich ihr sagte: Fränzchen, wir haben Feinde, die uns Böses wollen, nehmen Sie die Bitte des Onkels an, gehen Sie auf diesen Winter zu ihm. Ich werde in Ihrer Nähe sein; denn ich muss nach Hohenberg und wie sie gleich freudig einstimmte: Darf ich denn mit Ihnen reisen? Da hatte' ich ihr von Ihnen das Beste und Schönste gesagt ...

Weil sie selbst nicht daran glaubten, so fehlte wohl die wirkung?

Louis nahm die Tasse Tee, die ihm Murray entgegenhielt, stellte sie auf den Tisch und legte sanft die Hand über Murray's Schulter.

Ich nicht daran glauben, Papa? sagte er. Weiss ich doch nur wenige Augenblicke meines Lebens, die mir so denkwürdig bleiben werden wie der, wo ein ganz fremder Herr zu mir tritt und sagte: Lieben Sie Franziska Heunisch?

Haha! Sie sagten nicht Ja! Sie waren nicht aufrichtig oder Ihr Gefühl schwankte, während das arme Herz des Kindes wie ein Anker felsenfest im Meere stand.

Ich sagte leider nicht mehr, als dass ich Franziska mit meinem Leben schützen und dass ich sie nur Dem abtreten würde, von dem ich überzeugt wäre, dass er sie glücklicher machen würde, als ich noch bis jetzt im stand wäre ...

Haben Sie ihr Das so wörtlich wiedererzählt? Ein Mädchen hört das einfache Wort Liebe viel tausendmal lieber als die prächtigsten Umschreibungen desselben.

Franziska kennt mich, fuhr Louis fort. Sie vertraute mir sogleich, als ich ihr sagte: Freundin, Ihre Ruhe ist bedroht. Glauben Sie Feinde zu haben? Und als ich die Andeutungen wiederholte, die ich von Ihnen gehört hatte, erschrak sie heftig und wiederholte Namen ...

Die ich Ihnen doch nicht genannt hatte? bemerkte Murray.