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Tasten. Es war ein altes, dünnes Instrument, das mehr wie eine Citer klang. Ohnehin war es verstimmt und was fehlte nicht an saiten! Dennoch hatte sich Murray seit den drei Tagen, dass sie hier auf Hohenberg eingekehrt waren, schon oft an den notdürftigen Tönen erfreut. Und da ein längerer Aufentalt vorauszusehen war, hatte Murray sogar eine Stimmschraube sich in der Dorfschmiede wollen, wenn auch roh nur und plump, anfertigen lassen, um damit die Wirbel der saiten fassen und sie besser anziehen zu können. Als man ihm freilich den Namen des Schmieds Zeck nannte, hatte er den Plan wieder aufgegeben. Der Name der Zeck's schien ihn zu sehr zu befremden. Er spielte nun auch so auf dem verstimmten Instrumente; auch so schien ihn zu erfreuen, Reminiscenzen an eine alte Kunstfertigkeit herauf zu beschwören, die freilich aus den steifgewordenen Fingern etwas verschwunden schien.

Brigitte brachte langsam und vorsichtig eine grosse Astrallampe mit einem Gazeschirm, die sie schon gestern ihren Gästen angekündigt hatte, als sie ihnen Lichter gab. Es war die Zimmerlampe der seligen Fürstin, lange nicht gebraucht und so altmodisch, dass ...

Sie ausgehen wird! bemerkte Murray.

Versuchen Sie's einmal damit, meinte die Alte. Wenn sie nicht brennen sollte, so liegt's am Docht ...

In dem die Motten sitzen werden? Seht, seht, da geht sie schon aus! sagte Murray geduldig lächelnd.

In der Tat erlosch die Lampe mit unfreundlichem Duft. Murray wünschte die Leuchter von gestern. Brigitte schüttelte den Kopf, trat an die Tür, die nicht ganz geschlossen war, und sprach hinaus:

Na ja, Zeck! Die Lampe hier muss er auch in die Kur nehmen ...

Murray hörte kaum diese Worte, als er Brigitte festielt, die Tür zuwarf und fragte:

Wer ist da draussen?

Der alte Zeck und der Junge, sagte Brigitte, die sich auf Alles verstehen, Pferde und Vieh und Öfen und Lampen.

Was sollen Die? sagte Murray in peinlichster Ungeduld und die Tür zuhaltend.

Der junge Herr hat sie ja bestellt wegen dem Klavier!

O, sagt den Leuten nur, dass es keine Not damit hätte! Lasst sie nicht kommen! Nein! nein! Schickt die Leute fort! Holt den Leuchter, alles Andre, was ich nicht bestimmt bestelle, lasst gut sein. Hört Ihr, liebe Frau! Geht rasch, ich kann im Dunkeln bleiben.

Murray sprach diese Worte in einer Aufregung, als stünde ihm die unangenehmste, gefährlichste Begegnung bevor. Er drängte Brigitten von sich, protestirte jetzt lebhafter gegen den Duft der ausgegangenen Lampe und riegelte die Tür zu, als Brigitte brummend hinausging.

Murray überzeugte sich an schweren, plumpen Schritten, die er draussen hörte, dass die Zeck's sich gleichfalls entfernten und schob den Riegel nun wieder zurück und gab die Tür frei.

Erschöpft warf er sich auf das Kanapé. Tief holte er Atem, wie nach einer grossen Anstrengung. So sass er nachdenklich, erschüttert, eine Weile. Dann ging er an eins der Fenster, die auf den Garten sehen liessen, und drückte die Stirn an die Scheiben. So bewegt schien er, dass er kaum merkte, wie die Tropfen von aussen an das Glas schlugen und wie der Sturm die Bäume und Sträucher peitschte. Die Dorfhunde heulten in der Ferne. Es war doch einsam, schauerlich hier oben. Es sah nach den Sternen. Kein einz'ger war in dem dicken Nachtnebel sichtbar. Er suchte so lange, bis er erstaunt war, sich umsehend, die beiden Lichter schon anzutreffen, die ihm Brigitte, ohne dass er es merkte, hereingetragen hatte. Da er ihr den rücken kehrte und auf ihr Räuspern und fragen nicht antwortete, war sie wieder gegangen, umsomehr, als sie in das Amtsgebäude hinunter musste, um sich von Frau von Zeisel, gebornen Nutzholz-Dünkerke, die bewussten animalischen Vorräte auszubitten.

Murray wandte sich jetzt einem Tische zu, den er an einem andern Fenster des grossen Zimmers für sich hergerichtet hatte. Hier lagen Papiere, Zeichnenmaterialien, feine kleine Instrumente durcheinander. Er setzte sich, nahm einen grünen Schirm, der auf dem Tische lag, noch über die Binde und setzte sich zur Arbeit, die keine andere war, als dass er auf eine Kupferplatte Buchstaben ätzte. Das Licht der beiden Talgkerzen war wohl zu schwach für seine Arbeit. Einige kleine Gläser, die am Fenster standen, verrieten, dass Murray sonst mit allen Hülfsmitteln der Kupferstecherkunst ausgerüstet war. Er stellte die Lichter dicht vor die Platte, über die er sich mit seiner Ätznadel beugte; er wollte arbeiten. Doch musst' er bald aufhören. Das Licht war zu flackernd, zu düster. Er schüttelte den Kopf und gab sein Werk, an dem er den Tag über gearbeitet hatte, für jetzt auf.

Indem hörte er kommen. Rasch warf er einen grösseren Papierbogen über die Kupfertafel und erhob sich.

Ich bin es, Murray, rief draussen im Vorzimmer eine stimme, die er sogleich als die Louis Armand's erkannte.

Da Louis nicht eintrat, ging ihm Murray mit Licht entgegen.

Hinausleuchtend begrüsste er den Ankömmling mit den Worten:

So spät? Und in diesem Wetter? Himmel, wie sind Sie durchnässt!

Das bin ich! sagte Louis und schwenkte den nassen Hut im Vorzimmer und trat heftig mit den Füssen, sich schüttelnd, auf.

Sie müssen sich umkleiden, Freund!