, schlug jetzt der Regen eines mürrischen, nasskalten Herbstes. Der Sturmwind rüttelte die schlechtverwahrten Jalousieen und machte sich pfeifend auch durch die Ritzen der Fenster Bahn, auf deren innerem Simse sogar sich die hellen Regentropfen sammelten. Der blick in den Garten fand die Bäume entlaubt, die Wege unsauber, regenglatt. Hier und da krachte ein Zweig, der dem plötzlichen Stosse des Nordwest nicht widerstehen konnte. Der blick, selbst am Tage, ging nur bis zum dorf Plessen hinunter, das mit seinem Kirchturme wie im magischen Nebel schwamm. Von Wald, Berg und Flur waren selbst dem schärfsten Auge nur einige matte, graugrüne Umrisse ersichtlich.
Dennoch war es in dem hohen Eckzimmer, wo in der Mitte noch das Piano stand, auf dem Melanie damals die Tanzanklänge gespielt hatte, nicht ganz ungemütlich. Ein altertümlich geformter Ofen von Gusseisen, in Form einer Pyramide, verbreitete die Behaglichkeit der ersten winterlichen Zimmerwärme. Der alte Winkler trug das Holz herein, Brigitte warf es von der Mitte des Ofens hinunter gerade durch die mit einer Jahreszahl versehene eiserne Denktafel der Pyramide, die nur die Tür des Ofens war. Der Alte schleppte schon den zweiten Korb herein und packte ihn sorgsam in der Nähe des Ofens unter das Kanapé. Waren doch er und die alte Brigitte jetzt die einzigen Diener des Hauses, die einzigen Wächter des Schlosses, alt und müde, wie konnten sie zu oft diese Treppen steigen, zu oft durch diese Zimmer die schweren Trachten Holz schleppen! Da musste eine Tracht für zwei Tage ausreichen. Freilich mochten sie gern in der Nähe ihrer Gäste sein. Sie hätten so gern gehört, wie es denn nun werden sollte in Zukunft mit den hochfürstlichen Besitzungen! Ob sich denn keine junge Fürstin einstellen und, da doch einmal das Alter geht und das Junge kommt, mit einem lustigen Gefolge hier im nächsten Sommer wohnen würde? Ob Sr. durchlauchtigsten Gnaden, von dem der diplomatische Herr von Zeisel nicht zu verbreiten wagte, dass er diesen Sommer im Incognito ihn in den Turm gesperrt hatte, nicht einmal selbst kommen und das Erbe seiner Väter betrachten würde? Das zurückgekehrte Mobiliar der seligen Fürstin gab fast Hoffnung dazu. Das hatten Heunisch und Herr von Zeisel im Triumph heimbegleitet und mit einer Art Stolz blickten die Sessel, die Divans, die Gebetpulte, die Tische und Schränke wieder in den Zimmern um sich, die sie zu schmücken hatten. Aber die weiteren Schicksale, die ihnen und dem schloss bevorstanden, waren den beiden alten Leuten denn doch für die kurze Zeit ihres Lebens noch zu sehr verschleiert.
Nun freilich hatte sich das Seltsame ereignet, dass ein alter Mann und ein junger sich durch einen Brief des Fürsten als rechtmässige Bewohner des Schlosses auswiesen und von dem Gerichtsdirektor Herrn von Zeisel mit grosser Aufmerksamkeit empfangen wurden. Wer waren diese beiden neuen Ankömmlinge? vornehme Gläubiger gewiss nicht! Sie gingen so einfach, so schlicht, dass Winkler manchmal das Grüssen vergass, was wohl auch an den immer schwächer werdenden fünf Sinnen der alten Haut lag, die noch immer vergebens auf die Beförderung durch den vornehmen Herrn wartete, der einmal zu ihr so gnädig geäussert hatte: Gut geharkt! Schöner Strich! Kenne Das! Die Brigitte war sogar verstimmt, dass diese Herren, die nur der Alte und der Junge hiessen, auch nicht einen einzigen Dienstboten mitgebracht hatten. Nicht wegen der Arbeit. Denn die Gäste waren sehr anspruchslos, sondern nur wegen der Nachfrage und der Unterhaltung. So lange die alte Brigitte denken konnte, dass hier in den Tagen des Glanzes auf Hohenberg Besuche ein- und ausgingen, hatte es eine reiche Chronik von Geschichten und unterhaltenden Tatsachen gegeben. Diese zwei Menschen aber kamen ganz nüchtern, ganz unbekannt, sprachen nichts, befahlen nichts, baten nur und nahmen mit der einfachsten Kost vorlieb.
Da sass der Eine auf dem Kanapé und ersuchte die alte Brigitte sehr höflich um Licht.
Und Ihr Abendbrot, Herr? fragte sie rasch.
Der Angeredete war schwarz gekleidet und hatte über dem einen Auge eine Binde von gleicher Farbe.
Höflich sagte er:
Wie gestern, liebes Mütterchen. Tee trink' ich und etwas Brot, wenn man es haben kann.
Aber die Frau Directorin lässt sich's nicht nehmen, Ihnen vorzusetzen, was Sie wünschen. Befehlen doch die Herrschaften etwas Braten, Schinken! Wir haben ja Alles oder wenn Sie's befehlen, muss es da sein.
Danke für mich, Mütterchen. Freilich mein junger Freund und Begleiter ...
Murray, denn er war es, sah eben auf den Alten, der das Holz unter das Ende des Kanapés packte, auf dem er sass. Er wollte helfen.
Brigitte litt es nicht und sprach von Schinken, Hammelkeulen und ähnlichen Mysterien ihrer Gnaden der Frau Gerichtsdirektorin von Zeisel ...
Murray, der das Feuer in der Ofenpyramide behaglich knistern hörte, brach ihre Mitteilungen ab mit den Worten:
Licht, Mütterchen! Und die Hammelskeule immerhin, wenn mein Reisegefährte kommt. Es ist dunkel. Ich hoffe, dass er bald da sein wird.
In der Tat ging es auf sechs Uhr und schon war es stichdunkel. Murray besann sich, wie lange er schon so gesessen und still vor sich hin geträumt hatte. Es war so finster, dass das offene Zugloch der grossen Pyramide leuchten musste. So schritt er, als seine Bedienung gegangen war, auf den Flügel zu, der in der Mitte des grossen Zimmers stand. Er öffnete ihn und schlug die Tasten an.
Wir kennen diese