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ist verwachsender Freund des Fürstenein Äsopein Narrwas soll's?

Olga hauchte die Erklärung hin, dass die Mutter verlange, sie müsse sich mit Otto von Dystra verloben.

Helene starrte.

Gestern Abend fuhr er vor, sagte Olga. Heute sollten wir entweder mit Rudhard reisen oder ich soll mich erklären, dass ich mich mit diesem Ungeheuer verbinde ...

Das war genug, um Helene d'Azimont zu elektrisiren. Die heldenmütige, liebesstarke, verlassene Frau, die in Olga ihr ganzes Ebenbild gefunden hatte, rief:

Und du?

Ich floh zu dir!

Olga! Warum zu mir?

Das Mädchen schwieg. Dann sagte sie durch Tränen lächelnd, zuversichtlich, treuherzig:

Weil du lieben kannst!

Wie Olga diese Worte fest und sicher gesprochen hatte, stürzten auf's neue die Tränen aus Helenen's Augen. Sie umarmte stürmisch das junge Mädchen, riss ihr den Hut fort, den sie in der Hand hatte, nahm ihr den Shawl ab und sprach in äusserster Exaltation:

Noch heute reisen wir! Du bist mein, mein Kind, meine Olga! Wir Beide sind verbunden durch den Schmerz der Liebe! Gehen Sie, Rafflard, besorgen Sie unsre Pässe. Schicken Sie sie uns nach. Wir reisen so, wie wir hier sind! Fort! Fort! Fort! In die Welt! Wir müssen uns retten, Mädchen, vor diesem Elend des Lebens, vor dem Frost des Winters, der sich auch an die Herzen ansetzt! Auch Siegbert hatte den Mut nicht, dich sein zu nennen! Entblättert sich dir schon so früh der schöne Glaube an diese Männerseelen? Ha! Du bist von meinem Blute, Mädchen! Dein Herz schlägt wie meines! Fort! Fort! Wir bedürfen andre, südliche Luft! Nach Italien! In diesem Norden erfrieren wir.

Damit drängte sie Rafflard, der vernichtet dastand, hinaus.

Rafflard stand noch unschlüssig und wollte verdriesslich werden.

Aber Gräfin! Was beginnen Sie? Welche neue Verirrung?

Rafflard! rief Helene. Kein Wort der Entgegnung! Ich hasse Egon! Ich bleibe meinem Gatten treu! Desiré d'Azimont ist ein Engel! Olga ist meine Seele! Olga jetzt mein Leben! Olga, in dir find' ich mein Glück, meinen Reichtum, meine Zukunft, mein Alles! Ein Kind, ein Kind gewonnen durch den Schmerz des gleichen Schickals. Olga! Lass uns die Welt sehen und unser Leid verbergen! Ich, ohne Hoffnung für das ganze Leben, Du für Siegbert Wildungen aufblühend in meiner Pflege, wenn er dich verdient! Ich, deine Mutter! Dein Schutz gegen Rudhard, gegen Dystra und wenn Sie wagen, Rafflard, wenn Sie wagen, Adelen zu sagen, wohin ihr Kind sich flüchtete ...

Gräfin! Was denken Sie?

Postpferde! rief Helene und Rafflard war hinaus.

Er überlegte, was zu tun. Sollte er vor's Tor eilen und die Fürstin von der Gefahr, ihr Kind zu verlieren, unterrichten?

Während er so auf der Treppe stand, kam Heinrichson ...

Sie kommen gerade recht, sagte er diesem.

Wozu?

Die Gräfin will nach Italien und noch heute.

Heinrichson stand wie vom Blitz getroffen.

Das ist eine Trennung! sagte Rafflard bitter.

Nein, antwortete Heinrichson lächelnd, ein Wiedersehen. Ich selbst wollte der Gräfin sagen, dass ich in einigen Tagen nach Rom zu reisen gedenke ... Sie weiss es ... ich sprach immer davon ...

Rafflard stand voll Erstaunens. Er überblickte, dass Heinrichson die Gräfin liebte. Anzunehmen, dass die Gräfin schon von ihm für die idee einer italiänischen Begegnung gewonnen war, hatte er keinen, auch nicht den mindesten Grund. Aber dennoch erstarrt, ergriff er die gelegenheit, die ihm von der Gräfin gegebenen Aufträge abzuschütteln.

Leisten Sie ihr für diese schnelle und übereilte Abreise hülfreiche Hand! sagte er zornig. Ich für meinen teil bin zu beschäftigt, um ihren Aufträgen nach Wunsch zu genügen.

Heinrichson in glückseligster Geschäftigkeit ging zur Gräfin, Rafflard hustete noch lange die Strasse entlang.

Unten überfiel ihn die verdriesslichste Stimmung, wie nun all' seine klugberechneten Pläne umsonst gewesen und die Menschen mit ihren Leidenschaften weit über alle Schlingen und Netze des Verstandes hinauswachsen.

Diese Familienbeziehungen erschienen ihm gering, armselig. Er spitzte im Geist schon die Feder, um auf den Quai d'Orsay in Paris einen epigrammatischen Brief zu schreiben, dessen Tema so lauten sollte:

In der Komödie der Liebenden darf man nur mit seinem Herzen, nicht mit seinem verstand mitspielen.

Verdriesslich über Das, was er sich Alles seiter an grösserer Geltendmachung seiner Mission hatte entgehen lassen, wie er Zeit, Mühe, List, eigene kleine Unterhaltungen den Interessen einer vornehmen Familiencoterie geopfert hatte, überfiel ihn sein alter rheumatischer Husten so heftig, dass er an der nächsten Strassenecke stillstand, in einen Fiaker stieg und mit den dem Kutscher zugerufenen Worten davonfuhr:

An's Komödienhaus bei der katolischen Kirche! Zum General Voland von der Hahnenfeder!

... Noch in der Nacht gegen ein Uhr rollte ein Wagen mit Helene d'Azimont, Olga Wäsämskoi, einem Mädchen und einem Diener zum Tore hinaus. Es war das, das nach dem Süden führte.

Ende des sechsten Buches.

Siebentes Buch

Erstes Capitel

Die ersten Winterschauer

Der Vorwinter war da. An die Fenster desselben Eckzimmers im schloss Hohenberg, wo die uns bekannten Sommergäste ihre fröhlichen Abendgesellschaften gehalten hatten