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sagte Helene. Ich werde versuchen, mich zu retten!

Indem trat der Diener ein und meldete ein junges Mädchen, das draussen stünde und sich nicht genannt hätte, aber die gnädige Frau zu sprechen wünsche.

Jetzt nicht! Jetzt nicht! sagte Rafflard vorlaut. Und dann sich zur Gräfin wendend:

Das Ministerium ist nicht vollständig. Man sagt jeden Augenblick, der ganze Plan könnte scheitern ...

An solche Trümmer kann ich mich nicht mehr klammern, antwortete Helene gefasster und sich zum Bedienten wendend sprach sie:

Was will das junge Mädchen? Wer ist sie?

Und in selbem Augenblick ergriff sie der Gedanke an Melanie Schlurck. Von ihr wusste sie, dass Egon sie bei Paulinen sah. Melanie hatte sich in Egon's Phantasie eingeschmeichelt. Er hatte sogar gewagt, von diesem schönen Mädchen in ihrer Gegenwart zu scherzen. Sie war zu stolz gewesen, der Eifersucht Raum zu geben. Sie hatte nur Paulinen vermieden, die ihr zweideutig vorkam. Pauline, die trägt Egon jene Freundschaft an, hatte sie sich gesagt, die er bedarf! Das ist nichts als Bewunderung, nichts als Sklaverei, nichts als Stolz, ihn nur zu haben, zu besitzen, zu benutzen, um sich zu heben! Oft grübelte sie, was Egon nur an Paulinen bände! Einmal hatte Egon gesagt: Ein geheimnis! Welches? hatte sie gefragt. Ach, Helene! war Egon's Antwort. Das elendeste und jammervollste! Da mochte sie nicht länger forschen, aber ihre Eifersucht auf Melanie wuchs. Jeden Abend, hörte sie von Heinrichson, der nicht mehr zur Geheimrätin ging, dass Melanie noch bis elf, zwölf Uhr bei der Geheimrätin, die keine grossen Gesellschaften mehr gab, mit Egon zusammentraf. Und nun dachte sie: Die da jetzt zu mir kommt, ist Melanie! Auch sie ist geopfert, auch sie ist elend! Sie kommt, um ihre Tränen mit den meinen zu mischen!

In dem Augenblick trat aber ein kleines, verschleiertes Mädchen, das dem Diener gefolgt war, ohne Zögern herein und stürzte auf die Gräfin zu, sie zu umarmen.

Wer sind Sie? fragte diese erschreckend und trat ablehnend zurück.

Es war nicht Melanie; aber es war ein Mädchen, das weinte.

Warum weinen Sie? Kann ich Ihnen helfen?

Das junge elegant gekleidete Kind, in schwarzer Seide, weissem hut und feinem türkischen Shawl schlug den Schleier zurück.

Die Gräfin kannte sie nicht. Auch Rafflard nicht.

Wer sind Sie, mein Kind? Sie sind unglücklich! Was haben Sie?

Rafflard winkte dem Diener zu gehen. Das junge, schöne, blasse Mädchen mit seelenvollen Augen, vergeistigtem hoheitsvollen Blicke sammelte sich und sprach:

Ich heisse Olga!

Sie küsste die hände der Gräfin ...

Olga? sagte Helene erstaunt. Olga? Sie sind ...

Das Mädchen hielt die Gräfin umschlungen und antwortete nicht.

Sie sind Olga Wäsämskoi, Adelen's Kind

Ma chère tante! sagte Olga schluchzend und liebkoste sie.

Der Augenblick brach Helenen's ganzes Herz. Sie weinte mit dem kind.

Engel! Himmlisches Kind, rief Helene, was führt dich zu mir, zu deiner Tante, die du lieben willst? Was ist dir?

Olga schwieg ...

Du suchst hülfe? Olga! Liebst du mich? Liebst du deine Tante?

Olga sah bittend und zutraulich in die Augen Helenen's.

Man verfolgt dich? Die eigne Mutterha, ich versteheich weiss esSiegbert Wildungen – ...

Olga verhüllte ihr Angesicht an Helenen's Herzen. Der Hut entglitt ihr. Rafflard hob ihn auf. Helene war so gerührt, dass sie mehr über die Tränen des Kindes, als über sich selbst weinte.

Rafflard, erschreckend über diese Annäherung und diese neue Gefahr für das Vermögen des Grafen und die Besorgnisse seiner Mutter, ergriff das Wort und sagte heuchlerisch:

Rudhard, Ihr Erzieher, mein fräulein, hat die Absicht, eine Reise mit Ihnen zu machen?

Als Olga diese Frage mit stummer Gebehrde bejahte, sagte Helene mit überquellendem Gefühl und in ihrem eignen Schmerz die Grösse des fremden Leids ermessend:

arme, liebevolle Olga! Ich weiss Alles, Alles! Olga, du liebst Siegbert Wildungendie eigene Mutter gönnt dir das Glück deines jungen Herzens nichtdu sollst fortmit den Geschwistern fortRudhard soll Euch entführen, damit der Mutter allein das Glück deines Lebens bleibt ...

Olga bejahte Alles und schluchzte.

Ha! rief Helene begeistert. Du bleibst zurück, ich schütze dich, du bleibst!

Helene sprach diese Erklärung mit der ganzen Entschiedenheit, deren ihr Herz in leidenschaftlichen Aufwallungen fähig war.

Nicht bleiben, Tante! sagte Olga. Ich darf nicht! Fort! Fort! Er ist da

Wer ist da?

Wer, wer, mein Kind? sagte Rafflard, schmeichelnd, zudringlich, ängstlich, als Olga schwieg.

Otto von Dystra! sagte Olga tonlos.

Während Rafflard hin und her combinirte und im geist sich schon vergegenwärtigte, dass der alte Plan, einst das Vermögen des Grafen d'Azimont an die Kinder der Familie Wäsämskoi zu bringen, jetzt durch eine merkwürdige Wendung des Geschickes und die entstehende Liebe Helenen's zu diesem kind in vollster entwicklung war und alle seine Hoffnungen für die alte Gräfin d'Azimont scheiterten, besann sich Helene und sagte rasch:

Otto von Dystra! Was soll er? Aus Amerika! Der Sonderling? Er